Der erste Aufklärer der Türken: Hodscha Ahmed Yesevi

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„Der Islam“ wird es genannt, doch was es ist, das scheint keiner so recht zu definieren. Warum? Weil es an deutschsprachigen Werken fehlt. Im kulturellen Gedächtnis einer Nation ist etwas erst dann verankert, wenn ein Werk in editierter Ausgabe erscheint. An solchen Werken mangelt es. Die Turkvölker werden als muslimisch geprägt angesehen – doch war das schon immer so? Mitnichten. Es gab Zeiten, da haben sie Muslime tyrannisiert und auch ermordet. So auch der Sohn des ersten türkischsprachigen muslimischen Dichters. Die Rede ist von Hodscha Ahmed Yesevi. Er ist nicht nur der erste türkischsprachige muslimische Dichter, sondern auch der erste türkischsprachige Sufimeister, der eine wesentliche Rolle bei der Annahme des islamischen Glaubens durch die Turkvölker spielte. D.h., dass durch ihn sowohl das Wissen um die Inhalte der Praxis als auch das Wissen des Herzens – das, was als Sufismus bezeichnet wird – im kulturellen Gedächtnis der Turkvölker verankert wurde. Aus diesem Grund ist er das vielleicht schillerndste Vorbild, dessen die jungen Muslime in Deutschland bedürfen. 

Geboren wurde er in etwa 1103 in Sayram (sicher überliefert ist es nicht), einer Stadt im heutigen Kasachstan, kurz nach dem Jerusalem auf bestialischste Art und Weise an die Kreuzritter fiel, die dort Kinder und Frauen ermordeten und vergewaltigten. Er starb in Yesi, eine Stadt nahe seinem Geburtsort. 1166 ist er in etwa gestorben. Bereits in jungen Jahren wurde er, ähnlich dem Propheten (s), zum Waisen. Um seine Jugend spannen sich viele Mythen. In einem Gedicht sagt er, dass er mit 7 Jahren Arslan Baba getroffen habe, der ihm ein Geschenk des Propheten (s) überreicht habe. Er genoss eine Ausbildung in der Madrasa und mit 27, so sagt er es in einem Gedicht, schloss er sich dem Sufimeister Yusuf El-Hamedani an, der ein Mitschüler vom bekannten Gelehrten Al-Ghazali war.

Von seinem Lehrmeister lernte Hodscha Ahmed Yesevi die Verhaltensweisen des Propheten kennen. Vor allem die, absolut jeden Menschen – ohne Achtung darauf, welchem Glauben und Volk jemand angehört – gut zu behandeln. Seine Liebe zum Propheten (s) erreichte eine solche Stufe, dass er in einem seiner Gesprächskreise äußerte: „Ich fürchte auf dieser Welt, dass die Liebe zu zwei Geschöpfen einen das Maß überschreitenden Platz in meinem Herzen einnehmen kann. Das eine ist mein Sohn Ibrahim, das andere mein edles Pferd. Es ist eine Bedingung [der Liebe zum Propheten (s)] die Grenze der Liebe zu Kind und Besitz einzuhalten. Wir haben immer den Weg der Sunna des Propheten (s) gewahrt. Er ist der Wegweiser des Universums. Der erhabene Wahre hat seine männlichen Kinder zu sich genommen, unseres hat er uns geschenkt. Wenn wir eines Tages die Nachricht über den Tod unseres Kindes erhalten, werden wir dem Überbringer dieser Nachricht unser braunes Pferd schenken.“

Er liebte seinen Sohn – welcher Vater tut das nicht – doch er liebte ihn so sehr, dass er fürchtete, dass diese Liebe stärker werden würde als die Liebe zum Propheten (s). Die Liebe zum eigenen Kind beinhaltet Parteilichkeit. Die Liebe zum Propheten hingegen nicht. Dieser wird einzig und allein um des Wahren, d.h. um Allahs willen, geliebt. In Ihrem Hass und Zorn auf die Muslime fassten einige unwissende, damals noch nicht muslimische Türken dies als Aufforderung dazu auf, den Sohn des damals allerorten bekannten Sufimeisters zu ermorden. Sie begriffen nichts von der hohen Selbstlosigkeit, die in dem Wunsch Muhammed (s) zu gleichen verborgen lag. Sie ermordeten Hodscha Ahmed Yesevis Sohn Ibrahim. Obwohl er seinen Sohn so sehr liebte, dass diese Liebe in Konkurrenz gar zu seiner Liebe zum Propheten (s) stand, verzieh er den Mördern und schenkte ihnen sein Pferd, um durch diese Tat sein Herz von Zorn und Hass frei zu halten. Er sagte ähnliche Worte, wie auch Muhammed (s): „Sie sind unwissend, tut ihnen nichts.“ Schwermut erfüllte den Sufi. Die Atmosphäre seines Herzens breitete sich in der gesamten Umgebung aus. Selbst die kalten Mörder verstanden, was für eine große Schandtat sie begangen haben und baten um Verzeihung. Sie wurde gewährt. 

In einem Gedicht lehrt der Sufi jene Türken, die frisch den Islam angenommen haben: 

„Sunna ist es, selbst wenn es ein Leugner ist, schade ihm nicht,
 Der Ankläger all derer, die harten Herzens sind und Herzen brechen, ist Allah.“
 (Weisheit I; Diwan der Weisheit) 

Derweil Jerusalem brannte, war dieser muslimische Gelehrte damit beschäftigt in der Region, in der er lebte, die Menschen über die Inhalte der islamischen Lehre aufzuklären. Er beherrschte arabisch und persisch, doch tat etwas, was zuvor noch nie jemand getan hatte: Er dichtete über islamische Inhalte auf Türkisch! Eine Revolution zu damaliger Zeit. Heute nehmen wir es als selbstverständlich hin, weil wir nicht über das geringste Wissen über die islamische Geistesgeschichte verfügen. Muslime, die nicht auf Türkisch, sondern auf Deutsch als Muttersprache Inhalte der islamischen Lehre zu Papier bringen, das wäre eine Revolution, die dieser gleichkommt in heutiger Zeit.

Worüber dichtete Hodscha Ahmed Yesevi? Er erzählte von Verhaltensweisen Muhammeds (s):

„Wenn du klug bist, gehe und gewinn’ das Herz der Fremden,
 Reise durch Provinzen so wie Mustafa und suche Waisen,
 Wende dein Gesicht von Niedrigen, die diese Welt anbeten,
 Mein Gesicht abwendend wurde ich zum Meer und lief nun über.“
 (Weisheit 1; Diwan der Weisheit) 

In seinem Diwan der Weisheit, seinem Hauptwerk, kündet der Sufi-Meister von Verhaltensweisen, die für jeden Muslim, der behauptet Muhammed (s) zu lieben, Pflicht sind. Dazu gehört es absolut alle Menschen teilhaben zu lassen an der Weisheit, die ihm zuteil wurde. Denn überall, wo Menschen der Weisheit bedürftig sind, dort ist es gemäß der Sunna Pflicht, die Weisheit in einer Art und Weise zu verkünden, die von der jeweiligen Bevölkerung verstanden wird. Da die Turkvölker weder Arabisch noch Persisch sprachen, dichtete der Hodscha auf Türkisch. Er ist der erste türkischsprachige Sufimeister, der die Lehre der Sufi auf Türkisch verkündete. So kamen die Turkvölker direkt mit der inneren Dimension der islamischen Lehre in Kontakt.

„Ahnungsloser, du hast dein Herz nicht für den Wahren schlagen lassen,
 Diese Welt, sie ist verboten, du hast dein Herz nicht von ihr abgezogen,
 Dein Ego überwindend wandtest du dich nicht Allah zu,
 Weinerlich und fassungslos für dieses Ego ward ich nun.“
 (Weisheit 11; Diwan der Weisheit) 

Die äußere Dimension der islamischen Lehre kündet uns von der Beschaffenheit der rituellen Gottesdienste wie der des Gebetes, des Fastens, der Pilgerfahrt. Die innere Dimension kündet von dem, was das Auge nicht zu sehen vermag. Wo ist der Betende mit seinen Gedanken? Denkt er an Allah, den Erhabenen, während des Gebetes oder denkt er an materielle Glücksgüter, an körperliche Genüsse? Bewirkt das Gebet, dass die Liebe zu materiellen Besitztümern aus dem Herz verschwindet? Erkennt der Betende den wahren Reichtum, den Reichtum des Herzens als solchen an? Damit nicht genug weist Hodscha Ahmed Yesevi daraufhin, dass jeder einzelne seine Absicht immerzu hinterfragen muss. Bete und faste ich, weil andere Menschen es sagen, weil es Kultur in meinem Land ist oder bete und ich faste ich, weil ich diese Dinge als von Allah, dem Erhabenen, stammende Wahrheit erkannt habe? Diejenigen, die deshalb beten und fasten, weil sie es nicht ertragen würden, dass andere Menschen schlecht über sie denken würden, wenn sie es nicht tun, kritisiert der Sufi: 

„Beschwere dich nicht über die Tyrannen, du selbst bist ein Tyrann,
 Weil du für Menschen (arab. riya) handelst, bewirkt dein Wort im Volke nichts.“
  (Weisheit 11; Diwan der Weisheit) 

Aus seinen Gedichten geht hervor, dass Lob und Anerkennung anderer zu erheischen nicht der Antrieb für Aktivitäten sein darf. Der Zweck der Aktivitäten muss es sein, Allah, den Erhabenen, zufrieden zu stellen. Dies ist jedoch nur mit Wissen möglich. Dem Wissen darüber, was Allah, der Erhabene, von den Menschen möchte. Das Merkmal der Unwissenden ist es, dass sie dies nicht begriffen haben und charakterlos sind. Die Tat, zu der Gebete und das Fasten führen sollen, führen Unwissende nicht aus. Sie reichen den Bedürftigen nicht zum Helfen ihre Hand. 

„Erhoffe nichts von Unwissenden, sie haben keine Kenntnis,
 Wenn du dich in der Dunkelheit verirrst, zeigen sie dir nicht den Weg,
 Wenn du den Kopf senkst und du flehst, halten sie nicht deine Hand,
 Die Unwissenden anklagend, bin ich nun hier her gekommen.“
 (Weisheit 14; Diwan der Weisheit) 

Von diesen inneren Dimensionen künden seine Gedichte. Seine Gedichte enthalten ebenfalls Informationen über die Gefährten des Propheten (s). Er widmete den ersten vier Nachfolgern Muhammeds (s) einzelne Gedichte, in denen er von ihren besonderen Eigenschaften spricht. Er vermittelte dem türkischen Volk die Grundlagen der islamischen Lehre, die dadurch die Möglichkeit erlangten, von einem Gelehrten in ihrer Sprache zu lernen. Dass ein solcher Gelehrter, einer der sowohl die äußere als auch die innere Dimension der islamischen Lehre begriffen hat und selbst entsprechend der Sunna lebt, notwendig ist, wird Hodscha Ahmed Yesevi nicht müde zu betonen. In seinem Gedicht „Wissen“ sagt er:

„Wer sich ohne ausgereiften Lehrmeister macht auf den Weg,
Der wird verwirrt nur auf der Strecke bleiben.“

Dies legte den Grundstein für das Islamverständnis der Türken. Denn das, was ins kulturelle Gedächtnis eingeht, das beeinflusst die Rezipienten. Doch das, was nicht ins kulturelle Gedächtnis eingeht oder aus diesem entfernt wird durch Beseitigung oder durch Veränderung der Sprache, das geht verloren. Das, wozu die Menschen keinen Zugang haben, wird kein Teil von ihnen.

Hodscha Ahmed Yesevi lehrt uns, dass trotz der Bestialität, die von anderen ausgeht, der Fokus auf der Liebe zur Menschlichkeit gehalten werden muss. Während die Kreuzritter die größten Unmenschlichkeiten der Geschichte begangen haben, hat Hodscha Ahmed Yesevi seine regionale Verantwortung erfüllt. Er klärte die Menschen über die vorbildlichen Verhaltensweisen Muhammeds (s) auf und trug maßgeblich dazu bei, dass die Türken den Islam annahmen. Er ließ sich nicht provozieren, ließ sich nicht auf das Niveau der Provokateure herab und hielt diese Weisheiten, die er der Hadithliteratur entnommen hat, für die Nachwelt fest, sodass auch wir heute noch davon profitieren können. 

„Die Worte des befremdlichen Ahmed, sie veralten nicht,
 Wenn er unter die Erde geht, verfaulen sie nicht.“
 (Hodscha Ahmed Yesevi) 

(Dieser Artikel erschien in 306. Ausgabe der Islamischen Zeitung im Dezember 2020.)

Bildlizenz: (CC BY-SA 3.0)

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