über flügelwind

… denn das Wort muss Mensch werden. Das ist das Geheimnis der Welt!

Rainer Maria Rilke am 24.07.1904 an Clara Rilke.

In einer Zeit, in der alle über Aktivismus sprechen und das Ansehen des Menschen davon abhängt, an welchen Projekten er beteiligt ist; eine Zeit, in der die Beiträge eines Menschen nicht am Inhalt gemessen werden, sondern an politischer Richtung oder am Ruhm, den jemand genießt – in so einer Zeit soll durch flügelwind die Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand gelenkt werden, der es zu allen Zeiten wert war, betrachtet zu werden und der es immer wert bleiben wird, betrachtet zu werden: auf den Menschen und das, was ihn antreibt.

Bevor ein Mensch etwas verändern kann, muss diese Veränderung in ihm stattfinden. Wenn ich nicht überzeugt bin, von dem, was ich tue, warum tue ich es dann? Die Welt verändert sich, wenn ich mich ändere. Was heißt mich ändere? Meine Einstellung zum Leben, meine Wahrnehmung, meine Perspektive. Meine Einstellung zum Leben sitzt in meinem Herzen. Wie ich die Welt wahrnehme, meine Perspektive, wird davon bestimmt, was ich im Herzen habe. Wie kann dieses Herz verändert und umgeformt werden? Umformen bedeutet ausgeschmückt werden, damit auch das, was wir tun und betrachten, ausgeschmückter wird – wie?

Mit unseren Händen berühren wir andere äußerlich, körperlich; unsere Zunge ist das Organ, das andere innerlich, seelisch, im Herz berührt. Ein Vogel hat Flügel mit denen er fliegen kann, der Flügel des Menschen ist sein Herz. Jeder Mensch hat Flügel. Worte besitzen die Kraft diese Flügel zu stutzen, indem sie den Menschen Hoffnung und Mut rauben – und sie besitzen die Kraft der Wind für die Flügel zu sein.

Lass uns gemeinsam immer höher fliegen,
In frühe Träume, hin zum innren Kind;
Dort ist's, wo Mächte für den Wandel liegen:
Schweb himmelwärts, ich bin dein flügelwind...

„Das Herz ist Allahs Thron“ sagt Yunus Emre. Die größte Untat, ja die größte Sünde ist es, diesen Thron zu beschädigen. Moscheen, Kirchen und Synagogen zu beschädigen wäre nicht so verheerend wie das Herz eines Menschen zu brechen! Diesen Thron, der in absolut jedem Menschen, gleich welchen Glaubens, steckt, auszuschmücken, ist die Aufgabe eines echten Dichters: „Der Dichter erfüllt das inwendige Heiligtum des Gemüts mit neuen, wunderbaren und gefälligen Gedanken. Er weiß jene geheimen Kräfte in uns nach Belieben zu erregen, und gibt uns durch Worte eine unbekannte herrliche Welt zu vernehmen.“ (Novalis)

Der Freitagsflügel, die Lyrik, das romantische Tagebuch und auch die Essays sollen auf ihre je eigene Weise dein Herz stärken und es rüsten, d.h. der Wind unter deinen Flügeln sein, damit du gegen die Stürme der Außenwelt besser bestehen kannst. Es braucht verschiedene Stile, denn, so lehrte uns Novalis: „Der Poet braucht die Dinge und Worte wie Tasten“ und „die verschiedenen Arten des Stils“ sind seine „verschiedenen Instrumente.“

Erkenntnis fördern, Charakter bilden und Selbstvertrauen wecken ist Kunst, Metier und Berufung des Dichters. Sich selbst überlüssig zu machen und als Äolsharfe dort stehen, wo der Windhauch Gabriels Flügelschlag vorbeizieht… „Gabriel ist mit dir“ sagte Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, zu Hasan bin Thabit, einem Dichter seiner Zeit. Der Dichter, der sich selbst aufzugeben sucht und die Melodie Gabriels Flügelschlag überlässt, ist der authentischste Dichter. Mit jedem Gedicht muss der Dichter ein Stück mehr von seiner Selbstigkeit aufgegeben haben, damit Gabriels Flügelschlag noch ungetrübter erklingen kann. Umso besser dies gelingt, als umso himmlischer wird die Kunst empfunden; umso besser dies gelingt, umso erleichteter sind wir, wenn wir auf ein solches Gedicht aufmerken.

Ein an Erkenntis reicherer Mensch, der über mehr Selbstvertrauen verfügt, ist das wundervollste Resultat, das aus dem Verfassen von Poesie hervorgehen kann. Solche Poesie ist der Wind unter den Flügeln…

Lass auch du dein Herz beflügeln…

Das Leben ist kein Trauerzug,
Nicht Ansammlung von Leidenstagen,
Es ist gemacht zum Höhenflug,
Zum Leben schöner Heldensagen!
Du sagst, du möchtest lieber sterben,
Der Peinigung ein Ende setzen;
Was würde aus der Erde werden,
Wenn nur Verbrecher sie besetzen?
Was wäre mit den lieben Kindern,
Den Menschen mit gebrochnen Herzen,
Wer würde ihre Sorgen lindern,
Wer würde Allahs Rat beherzen?
Wer würde Menschen Hoffnung spenden,
Die resigniert ihr Dasein fristen,
Wer würde sein Talent verwenden
Für Menschen, die die Flagge hissten? –

Es ist der höchste Dienst am Menschen,
Den Glauben wieder herzustellen,
Den Mut zum Werk und an das Wünschen,
Um diese Erde zu erhellen.

– Farazi: Das Mesnevi hat mich gelehrt... – 

mein flügelwind

Poesie ist die große Kunst der Konstruktion der transzendentalen Gesundheit.

Novalis

Zweifellos besitzen einige Ausdrucksweisen eine magische Kraft.

Muhammed (s)

Das Erste und Letzte, was vom Genie gefordert wird, ist Wahrheitsliebe.

Johann Wolfgang von Goethe

Wenn auch du inspiriert bist und inspirieren willst, so schreibe mir für einen Gastbeitrag.


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