250 Jahre: Novalis oder der deutsche Rumi

Novalis wurde über zwei Jahrhunderte verzerrt dargestellt, auf seine Religion reduziert, mit Vorurteilen beladen – und noch immer herrschen diese Vorurteile über Novalis und seinem Verständnis von Romantik in den Köpfen vor. Ricarda Huch und Herman Hesse schrieben zwar das bisher beste über ihn, doch ihre Ausführungen haben nicht zu einer Korrektur der Vorstellung über Novalis geführt. 

Gibt es überhaupt eine Gesellschaft, die dermaßen anfällig für Vorurteile ist, wie die deutsche? Die deutsche Gesellschaft ist eine, die leider oft nur in entweder-oder denkt. Es braucht den Blick eines Beobachters, der mit dem Scharfsinn eines Außenseiters auf das Geschehen blickt, um über Novalis aufzuklären. 

Novalis liebte den Tod, doch nein, er war nicht weltabgewandt und weltfremd. 

Novalis beschönigte in seinen Darstellungen, doch nein, er war nicht naiv oder ignorant.

Novalis war Christ, doch nein, er war weder Ideologe noch minderte und hinderte sein Glauben seine Liebe zur Wissenschaft. 

Darüber klärten bereits Huch und Hesse auf, doch es muss noch einmal gesagt werden. Das Potenzial, das in Novalis‘ Ideen liegt, ist zu groß, um verschwendet zu werden.

Novalis’ Prinzipien zu verstehen kann die Gesellschaft in Deutschland auf eine neue Stufe der Kultur heben und es kulturell zu dem machen, was es wirtschaftlich bereits ist: eine führende Gesellschaft Europas, eine Stimme Europas auf der Erde.

Doch zuerst müssen Grundlagen im Umgang mit Novalis geklärt werden.

Was bedeutet romantisieren?

Diese Schlüsselstelle muss hier noch einmal zitiert werden.

Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzenreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. – Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche – dies wird durch diese Verknüpfung logarythmisiert – es bekommt einen geläufigen Ausdruck. Romantische Philosophie. Lingua romana. Wechselerhöhung und Erniedrigung.

Die Art und Weise wie sich Novalis hier ausdrückt, ist alles andere als lingua romana, das heißt Sprache der Bevölkerung. Im Sturm und Drang wurde eine Sprache gefordert, die verständlich ist. Dies wurde in den Werken umgesetzt. Keine Künstelei. Shakespeares auch Straßensprache sprechenden Figuren sind das Vorbild, nicht die als zu künstlich empfundenen Franzosen. Die Romantik ist eine Fortsetzung des Sturm und Drang. Es soll ein eigenes Deutsches herausgebildet werden. Dieses eigene Deutsche war alles nur nicht ideologisch. Es war romantisch. Der Wert eines Kunstwerks liege nicht nur in sich, sondern ob das Werk mir im Leben nützt, indem es eine schöne Wirkung auf mich macht, das sei entscheidend. Eine schöne Wirkung ist dann erreicht, wenn ich es nach der Lektüre schaffe „dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein“ zu geben. Novalis tat es.

Wenn Novalis im Bergbau arbeitete, dann sah er in seiner Arbeit den höheren Sinn, der dieser Arbeit innewohnt. Er sah den Beitrag, den ein Zahnrad in der Uhr leistet, damit die Uhrzeit abgelesen werden kann. Was heißt Uhr ablesen? Welcher Sinn kann im Bergbau für den einzelnen Bürger stecken? Es ist der Sinn, der in absolut allem steckt: Bildung. In einem ganz anderen Sinn als wir Bildung heute missverstehen. Bildung ist keine Anhäufung von Informationen. Bildung bedeutet zu wissen, wie ich in verschiedensten Situationen und Umständen auf menschliche Weise reagieren kann. Der gemeinen Arbeit gibt Novalis einen hohen Sinn. Die Arbeit im Bergbau wird zu einem Gottesdienst, denn sie trägt zur Bildung bei, zur Herstellung einer Verbindung zum Göttlichen. Das ist die wahre Mystik. Mystik ist es im Bekannten das Unbekannte zu erkennen. 

Ein Beispiel aus der heutigen Zeit: Ich arbeitete in Wolfsburg im Volkswagenwerk. Eine meiner Aufgaben war es Airbags einzubauen. Auf die Frage, was ich während der Arbeit mache, antwortete ich: „Ich rette Menschenleben.“ Verwirrung und Gelächter waren die Reaktion. Jeder könne doch Airbags einbauen, das sei nichts Besonderes. Ich fragte, wer außer mir schon Airbags eingebaut hatte und keiner der Anwesenden hatte es zuvor. Demnach war ich derjenige, der Menschenleben rettete. Doch auch in anderen Jobs ließe sich der hohe Sinn erkennen. Und dann, wenn kein hoher Sinn erkannt werden kann, so ist die Handlung an sich eben keine schöne. Für eine Zigarettenfabrik zu arbeiten beispielsweise lässt sich nicht romantisieren. Die Gründe scheinen offensichtlich als sie hier anzuführen.

Es wird deutlich: Romantisieren ist nicht naives Beschönigen und Idealisieren, hinter der Romantisierung steckt tiefe Philosophie. Novalis schrieb: 

Was tu’ ich, indem ich philosophiere? Ich denke über einen Grund nach, dem Philosophieren liegt also ein Streben nach dem Denken eines Grundes zum Grunde.“ 

Im ersten Schritt muss ich den Grund für mein Handeln und meine Tätigkeit herausfinden, im zweiten Schritt kann ich mein Leben romantisieren. Deshalb sagt Novalis auch: 

Das Leben soll kein uns gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman sein.

– Klingt das nach einem weltfremden Menschen, der sich Dogmen einer religiösen Lehre unterwirft und der bloß darauf aus ist zu sterben und im Leben keinen Sinn sieht?

Novalis war vom Standpunkt der logischen Betrachtung der brillanteste Deutsche überhaupt. „Praktische Poesie“ heißt es bei Novalis. Ein Mann in Wolfsburg arbeitet am Band und sieht darin einen Sinn – Poesie, die praktisch ist, das ist gelebter Novalis! Kann dies missbraucht werden? Definitiv! Sollten wir uns deshalb vor diesen Ideen verschließen? Keinesfalls. Kann Geld, Ansehen, Macht und Ruhm missbraucht werden? Definitiv. Sollten wir deshalb fernab der Zivilisation leben? Keinesfalls. Jeder Mensch benötigt wie Muhammed seine Hira, aus der er in die Gesellschaft tritt und seine Erkenntnisse teilt. Charakter bildet sich in der Welt, wie Novalis im Torquato Tasso bei Goethe las. In seinen Schriften finden sich beständig Anklänge an Goethe und Schiller: „So ein Charakter wie der meinige bildet sich nur im Strom der Welt.“, sagt Novalis in einem Brief an seinen Vater.

Novalis ist nicht weltfremd. Sich selbst zu bilden ist sein großes Ziel. Unter Bildung versteht er Selbstbeherrschung. Auf verschiedene Situationen und Umstände im Leben mit Haltung zu reagieren. Das eigene Leben als Roman zu betrachten und mich so zu verhalten, dass ich dieses Buch selbst gerne lesen würde, das ist Novalis. Das steckt hinter dem Roman-tisieren.

Was hat es nun mit Sophie von Kühn und der Todessehnsucht auf sich?

Novalis ist der Mann, der sich fragt, wie Dinge auf ihn wirken. Wir wirkt die Arbeit auf mich? Wie trägt sie zur Ausbildung von guten Charaktereigenschaften bei? So auch das Schreiben. Dies führt uns zur zweiten Schlüsselstelle. In einem Brief sagt Novalis:

Die Schriftstellerei ist eine Nebensache. Sie beurteilen mich mehr billig nach der Hauptsache – dem praktischen Leben. Wenn ich gut, nützlich, tätig, liebevoll und treu bin: so lassen Sie mir einen unnützen, unguten, harten Satz passieren … Ich behandele meine Schriftstellerei nur als Bildungsmittel. Ich lerne etwas mit Sorgfalt durchdenken und bearbeiten – das ist alles, was ich davon verlange. Kommt der Beifall eines klugen Freundes noch obendrein, so ist meine Erinnerung übertroffen. Nach meiner Meinung muss man zur vollendeten Bildung manche Stufe übersteigen; Hofmeister, Professor, Handwerker sollte man eine Zeit lang werden wie Schriftsteller.“ 

Sich zu bilden, d.h. Erkenntnisse sammeln und die Stimmungen des eigenen Gemüts zu beherrschen, stellt für Novalis den höchsten Lebenssinn dar. Nichts, auch nicht die Liebe zu einem anderen Menschen, steht darüber. Doch eben weil zu lieben sich auf den Liebenden, d.h. denjenigen, der den Akt des Liebens ausführt, dermaßen bildend auswirkt, erhält die Liebe ihren Stellenwert. Warum liebte Novalis seine Verlobte so sehr? Er sagt es im Gedicht an ihrem Geburtstag.

Wenn ich wunde Herzen heile,
Jede Stunde besser bin
Nie im Guten lässig weile
Dieses Lob nimm dir dann hin.

Novalis war ein enorm fleißiger Mensch. Sein Ansporn war sein Familiensinn. (vgl. Briefe) Er wollte eine Familie gründen. Dies beflügelte ihn, maßregelte ihn, wenn er zu Ausschweifungen neigte. Was für ein Wunder die Liebe zu Sophie von Kühn ist, teilt uns sein Bruder mit. In einem Brief äußert dieser, Novalis sei „flatterhaft“ mit Frauen. Von Schlegel wissen wir, Novalis hat sich „ganz Student“ häufig geschlagen – Eben dieser Novalis will sesshaft werden. Das ist Unterordnung von Stimmungen und Veranlagungen an sein Ideal der Bildung. Das ist Liebe zur Weisheit. Seine Liebe zu Sophie von Kühn machte aus ihm einen beherrschteren Menschen.

Neun Tage nach ihrem Tod schrieb Novalis: „Gewiss hab ich zu sehr schwer an diesem Leben gehangen – und da ist freilich wohl ein gewaltsames Korrektiv nötig.

Novalis lehnt sich nicht gegen das Schicksal auf. Schicksalsergebenheit bedeutet ihm Gottergebenheit. Zufall sei nichts anderes als Gottes Einwirken. 

Wenn Sophie starb, dann erkannte er darin den Nutzen für seine Bildung. Er erkannte, dass dieses Leben, das Diesseits, nicht das wertvollste ist. Das Jenseits ist wertvoller. Das ist sein Glauben. 

Der frühe Tod ist jetzt mein großes Los – das Fortleben der zweite Gewinn.“ Ganz gleich, was ihn vom Schicksal trifft, es als von Gott gegeben zu betrachten, es anzunehmen und zu nutzen, das ist Novalis. Dies findet sich bei Schiller im Don Karlos, den Novalis, auch das geht aus seinen Briefen hervor, beflissen und inhalierend las:

„Und was ist Zufall anders, als der rohe Stein, der Leben annimmt unter Bildners Hand? Den Zufall gibt die Vorsehung – Zum Zwecke muss ihn der Mensch gestalten.“

Bei Novalis erhalten diese Worte Schillers ein religiöses Gewand. Zufall ist bei Novalis ein Synonym für Gott: „Alles, was wir Zufall nennen, ist von Gott.“ Verschiedener Ausdruck, der Inhalt ist derselbe: 

Am besten ist es, wenn man den Sinn hat, alles Geschehene mit freudigem Herzen wie eine Wohltat Gottes hinzunehmen.“ Und anderer Stelle: „Geduld und Ergebung in den Willen Gottes sind die besten Hilfsmittel.

Da haben wir es wieder: Hilfsmittel. Ein Mittel zur Bildung! Auch erinnert Novalis die kundigen Leser daran, wie Goethe das Wort „Islam“ definiert. Es ist wieder derselbe Inhalt in einer anderen Wortverkleidung:

„Und so müssen wir denn wieder im Islam, (das heißt: in unbedingter Hingebung in den Willen Gottes) verharren, welches uns dann fernerhin nicht schwer sein wird, wenn es uns ein wenig glimpflicher geht als bisher.“

Goethe, Schiller und Novalis stimmen hier völlig überein: Was uns trifft, müssen wir annehmen und nutzen. Sie drücken es anders aus. In Novalis’ Schriften ist es religiösere Sprache. Glauben an ein Jenseits, den besitzen auch Schiller und Goethe, wenngleich Goethe kein Christ ist, sondern eher Deist. August Schlegel nannte Goethe gar „einen zum Islam bekehrten Heiden“, so überliefert es Heine in seiner romantischen Schule. Doch dies nur deshalb, weil er den Begriff Islam da verwendet, wo andere ihn nicht verwendeten; nicht weil Goethe sich zu den Glaubenssätzen der Muslime bekannte. Zurück zu Novalis:

Der deutsche Rumi

Zufall und Vorsehung unterliegen gemäß Novalis dem göttlichen Beschluss. Der Tod ist nicht das Ende, er ist der Übergang in eine Welt des leichteren Daseins. Dazu sagt Novalis: „Der Tod ist eine Selbstbesiegung, die wie alle Selbstüberwindung, eine neue leichtere Existenz verschafft.

Deshalb liebt er den Tod und ist, erhaben über jeden Zweifel, davon überzeugt, dass die jenseitige Welt die bessere ist und absolut gewiss, dass er Sophie von Kühn dort wiedersehen wird. Alles, was geschieht, alle Begebenheiten auf der Erde und alles, was existiert, wie Kunst, Literatur – alles dient dem einen Endzweck sich zu bilden. Wer Schicksalsschläge ablehnt, versäumt es sie in Schicksalsgaben umzuwandeln. Dadurch wird es versäumt sich selbst zu kultivieren und zu veredeln.

Im Tode ist die Liebe am süßesten; für den Liebenden ist der Tod eine Brautnacht – ein Geheimnis süßer Mysterien.

Der Tod stellt mithin kein Übel dar. Novalis nimmt die Furcht. Der Tod ist ein Antrieb, Ansporn sich vorzubereiten auf das große Treffen mit dem Geliebten: Gott. Novalis ist die Andeutung Rumis auf Deutsch. So wie Rumis Werk durchdrungen ist von Schebi Arus, der ersehnten Hochzeit mit Allah, dem Geliebten, so ist Novalis’ Werk nur unter dem Gesichtspunkt der Sehnsucht nach dem ersehnten Zusammentreffen mit Gott zu verstehen. Novalis lehnt das Weltliche nicht ab, er nutzt es, um sich zu bilden. Novalis steht für einen Glauben, der nicht wie das mittelalterliche Christentum Lebensgenuss verneint, sondern bejahend nutzt.

Ob ich lebe, es ist von Nutzen, ob ich sterbe, es ist von Nutzen. Das ist es, was Novalis beseelt, uns profanen Menschen jedoch ideologisch anmutet, da wir zu diesen intellektuellen Zuständen nicht imstande zu sein scheinen.

Novalis wurde verzerrt dargestellt. Über ihn herrschen noch immer Vorteile in den Köpfen. Novalis zu unterschätzen verhinderte, dass wir von ihm lernen. Als Gesellschaft können wir getrost aussagen, was der Kreisamtmann Just, ein Freund von Novalis’ Vater, über Novalis sagte: 

„Ich sollte sein Lehrer und Führer werden; aber er ward mein Lehrer.“

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