Tagebuch: Gedanken zu Luke Skywalker

Liebes Tagebuch,

ich denke gerade oft an Anakin und Luke Skywalker. Eine Geschichte kann unsere Sicht auf die Welt verändern: sie kann auch unsere Sicht auf uns selbst verändern. Mein Leben lang habe ich geglaubt, dass ich wie Anakin Skywalker bin. Der Mann, der sich in jungen Jahren Fähigkeiten aneignet, die sich andere nicht in 60 Jahren aneignen können – und diese Fähigkeiten zum Guten nutzt, doch dann dem Schmerz anheimfällt und es zulässt, dass ihn dieser Schmerz verändert. Und weil er in einer Sekunde diesen einen Fehler machte, dachte er, er könne nie mehr umkehren.

Er hat aufgehört der Liebe zu dienen, stattdessen fing er an einem Götzen zu dienen; dieser Götze heißt Vergangenheit. Sehr viele von uns Menschen lassen sich von diesem Götzen täuschen und leben dadurch ein Leben in stiller Verzweiflung. Sie werden zu Darth Vader.

Weil eine Ehe nicht funktionierte, denken wir, wir seien nicht für Liebe gemacht, weil du keine schöne Kindheit hattest, glaubst du, du dürftest als Erwachsener nicht glücklich sein, weil mich meine Eltern nicht liebten, sondern ihren stillen, unbewussten Egoismus an mir ausließen, glaube ich, ich sei nicht liebenswert. Weil du ständig verletzt wirst, glaubst du, du verdienst es. Nein, du verdienst Liebe. Gott ließ es zu, damit du erkennst, dass nur Er und einzig Er der bedingungslosen Liebe würdig ist. Er ist nicht der All-Liebende. Er liebt nicht alles. Er liebt nicht die Ungerechtigkeit. Diesen Fehler machen so viele. Sie meinen, Gott sei der All-Liebende. Nein, Er ist der Ur-Liebende, nicht der All-Liebende. Jeder, der liebt, liebt in Wirklichkeit den Erschaffer der Liebe. Anakin Skywalker hat seinen Fokus auf seine verzeihlichen Sünden gelegt. Er hat den Fokus nicht mehr auf das Schöne, dem er dienen möchte, gelegt.

Sich fokussieren bedeutet sein Sinnen bewusst auszuwählen. Wer sich vom Ur-Liebenden in seinem Denken abkehrt und stattdessen zu viel Missstände bedenkt, wendet sich ab von Allah, dem Ur-Liebenden (arab. al-Wadud).

Jede Liebe ist Wunsch nach Vereinigung. Jede Liebe ist bewusst oder unbewusst Liebe zu Gott. Du liebst in allem den, der es geschaffen hat.

Muhyiddin ibn Arabi: Geschichten aus al-Andalus

Anakin Skywalker hat sich selbst nicht verzeihen können, was er getan hat, aus diesem Grund fiel und sank er immer weiter und weiter. Mir selbst zu verzeihen bedeutet nicht, dass ich selbstgerecht und eingebildet bin, es bedeutet, dass ich Allah mehr liebe als den Teufel. O Allah, mein Herr! Ich will nicht ins Paradies, weil ich es verdiene, aber wenn ich in die Hölle gehe, freut sich der Teufel, bitte lass mich diesem Leugner der Liebe keine Freude machen… lass mich Dich erfreuen, ich bitte Dich – ich brauch Dich, um Dir eine Freude zu machen.

An diesem Punkt erkannte ich, ich bin kein Anakin Skywalker, der zu Darth Vader wird. Das ist einem Gottergebenen nicht möglich, einem Menschen, der Freiheit liebt, ist das nicht möglich. Alles, was dem Menschen glauben lassen möchte, dass er der Liebe unwürdig ist, das ist ein Götze. Ich bete keine Götzen an. Ich bin ein Luke Skywalker.

Als ich meinen Vater damals im Alter von 16 Jahren kennenlernte, waren seine ersten Worte an mich: „Hallo Ahmet, ich bin dein Vater.“ Wer seinen Vater nicht kannte, fragt sich, wie er wohl war und instinktiv hoffe ich als Junge: Bitte, er soll gut und schön und vorbildlich gewesen sein. Mein Vater war vor allem eines. Das hörte ich im Laufe der Jahre immer wieder: Unbeirrbar. Wenn er sich etwas in den Kopf setzte, zog er es durch. Das sagten mir viele. Er machte einen Fehler. Er hörte auf andere und diesen Fehler hat er bereut. Aber wie umkehren, wenn man sich selbst nicht verzeiht?

Der Teufel täuschte ihn. Und ich dachte, ich bin dazu verdammt nun dasselbe zu erleben. Ich schwor es mir als Kind, niemals zu werden wie er. Und weil ich es schwur, wurde ich dazu, denn in diesem Schwur steckte Hochmut. Statt zu lieben urteilte ich. Also wurde ich zum Sklaven eines Götzen. Ich erhob mich selbst zum Götzen. Nur ein Götze verurteilt andere Menschen und nimmt ihnen die Hoffnung auf Vergebung. Das ist der Weg des Teufels, des Verdammten.

Luke Skywalker ist das Gegenteil davon. Luke Skywalker glaubt an das Schöne. Er glaubt an das Schöne in Geschöpfen, die selbst nicht an das Schöne in sich glauben. Er glaubt an das Schöne in Geschöpfen, die abscheuliche und hässliche Taten begingen und begehen. Er wächst nicht über sie hinaus, um sie zu demütigen. Er wächst nicht über sie hinaus, um mit der einhergehenden Macht Kontrolle zu erlangen. Er wächst über sie hinaus, um ihnen und allen anderen zu demonstrieren: Das ist die Macht an die ihr glaubt. Sie ist ein Dreck. Wahre Macht ist das, was ich jetzt nach meinem Sieg mache: ich verzeihe. Ich diene der Liebe. Macht ist es den Mut aufzubringen, ein Diener des Ur-Liebenden zu sein. Das ist wahre Macht.

Vater, ich verzeihe dir, dass du mich verlassen hast. Ich liebe dich und ich weiß, du warst gut und wirst es sein. Ich bin wie du: unbeirrbar. Und wenn ich mich irre, verzeihe ich mir und kehre um. Vater, ich bin wie du!

Luke Skywalker verzieh sich seine Zweifel. Er zweifelte. Er dachte, er müsse wie sein Vater werden. Das Böse redet uns ein, dass dies und jenes unser Schicksal sei. Nein, Luke hörte nicht auf die Aussagen des Imperators und Darth Vaders, die ihm sagten: „Erfülle dein Schicksal…“ Er erfüllte nur ein Schicksal und das war und ist es, der Liebe zu dienen. Er drückte seine Liebe dadurch aus, dass er seinen Vater im Kampf besiegte, um ihm zu zeigen, dass er nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke heraus verzeiht. Die abscheulichen Taten seines Vaters hinderten ihn nicht daran, an das Schöne in ihm zu sinnen. Sein Fokus war auf das Schöne gerichtet. Das Schöne war sein Sinnen (arab. dhikr, zikir).

Sein Fokus rettete seinen Vater. Luke Skywalker sprach zum Imperator: „Sie haben versagt, meine Hoheit, ich bin ein Jedi wie mein Vater vor mir.“ Indem Luke Skywalker auf das Gute und Schöne in seinem Vater sann, erweckte er es. Man stelle sich vor, er wäre Realist gewesen. Indem er seinen Fokus auf eine neue Realität setzte, schuf er sie. Das ist Luke Skywalker.

Sie haben versagt, meine Hoheit, ich bin ein Jedi wie mein Vater vor mir.

Luke Skywalker an Darth Sidious

Die Hetzer, die sich Kritiker nennen, sie sind die Sithlords und Darth Vaders dieser Zeit, sie wollen mir, dem Muslim, einreden, dass Islam und Aufklärung nicht vereinbar seien. Ich muss Euch enttäuschen. Ich bin ein Muslim, wie meine Väter, die Muslime al-Andalusiens vor mir; doch ihr Schicksal ist nicht das meinige.

Luke Skywalker ist wie sein Vater Anakin Skywalker ein Jedi, doch das Schicksal seines Vaters ist nicht das seinige. Er liebt seinen Vater und aus Liebe zu ihm besiegte er ihn und demonstrierte ihm, was Liebe wirklich ist.

Ein einziges Mal machte Luke den Fehler sich vor dem Bösen zu fürchten. Das war, als er in einem seiner Schüler das Böse spürte. Es ist in uns allen. Sich davor zu fürchten stärkt es. Deshalb musste der Jedi-Orden fallen. Er fürchtete das Böse. Das Böse ist nichts, wovor man sich fürchten muss, es ist da; aber der Ur-Liebende ist, was jeder lieben sollte, denn das schützt vor dem Bösen in uns. Eine Sekunde gab er sich der Furcht vor dem Bösen hin, eine Sekunde zog er seinen Fokus vom Ur-Liebenden ab. Auch das ist verzeihlich. Alles ist verzeihlich. Nur sich selbst nicht zu verzeihen ist es nicht. Menschen, die sich selbst nicht verzeihen, machen diese Welt zur Hölle, denn sie sind es, die moralwütig werden. Das ist ein anderes Thema.

Ich muss Euch enttäuschen. Ich bin ein Muslim, wie meine Väter, die Muslime al-Andalusiens vor mir; doch ihr Schicksal ist nicht das meinige.

Europäischer Muslim im 21. Jahrhundert

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