Gedanken zur Erinnerung an Auschwitz

Wenn dir der Schmerz von andern nicht im Herzen brennt, / Verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt.

Saadi Schirasi: Rosengarten

Am 27.01.1945 wurde Auschwitz befreit. Diese Befreiung steht symbolisch für die Befreiung der Juden in Deutschland. Sich an diese Befreiung zu erinnern darf nicht bloß aus gesellschaftlicher Konformität geschehen, weil sich gerade alle in Deutschland daran erinnern. Diese Erinnerung – wie jede Erinnerung – muss mit Leben gefüllt werden. Wir lässt es sich mit Leben füllen? Machen wir uns bewusst, was geschehen ist: Juden zu verfolgen hat eine lange Tradition nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.

Nachdem das muslimische Reich Al-Andalus von Christen erobert wurde, wurde nach und nach begonnen Juden und Muslime mit Zwang zum Christentum zu bekehren. Solche, die es mit sich machen ließen, wurde dennoch kein Vertrauen geschenkt. Man nannte sie zum Beispiel: Mozaraber. Ein Äquivalent zum legalistischen Muslim heute: Der Fremde tut nur so, als ob, er kann nie vollends dazugehören.

In Deutschland drückte sich dieser in Europa schwelende Hass am gewaltigsten aus. Der Nährboden war jedoch schon lange bereitet: Koscheres Fleisch, unübliche Essgewohnheiten, befremdliche Kopfbedeckung – das Fremdartige wurde nicht ertragen. Es wollte nicht kennengelernt und verstanden und anerkannt werden. Vielfalt ist ein inhaltsschweres Wort. Einheit in Vielfalt ein noch schwereres Begriffspaar. Wenn wir uns an die Befreiung von Auschwitz erinnern, müssen wir uns daran erinnern, dass die Verbrechen dort, der sichtbar gewordene Hass gegen Menschen ist; gegen Menschen, deren Wahrheit weder geduldet noch akzeptiert wird. Dies fängt damit an, dass Menschen nicht mehr so sprechen dürfen, wie sie wüschen. Bestimmte Begriffe werden tabuisiert. Essgewohnheiten werden lächerlich gemacht, ihr Lebensstil wird als rückständig dargestellt. Darauf folgen Angriffe auf Häuser, in denen sich die sogenannten Fremden versammeln, ihre Gotteshäuser. Der „Andere“ wurde auf seine Nation oder Religion reduziert und war dadurch kein Mensch mehr. Der „Andere“ wurde als sichtbar gewordene Religion, das hieß: Gefahr identifiziert, und musste ausgelöscht werden. Den Menschen zu töten wurde gleichbedeutend damit, die Religion zu töten. Werden auch heute noch Menschen entmenschlicht und auf ihre Religion reduziert?

Deutschland, alle BürgerInnen Deutschlands, müssen sich diese Frage stellen. Daran wird gemessen werden, ob die Erinnerung bloße Konformität ist, um sich zu profilieren, oder ob sich erinnert wird, um Lehren und Lektionen für das heutige Handeln, für den heutigen Umgang mit Minderheiten zu ziehen.

Wir erinnern uns. Die Frage ist: Wird es sich in unserem Verhalten auf der Arbeit, Schule, Universität ausdrücken, wenn ich mit mir Befremdlichen umgehe, oder nicht. Menschlich ist, wer seinen Mitmenschen weder körperlichen noch psychischen Schaden zu fügt. Auch psychischer Schaden ist Schaden. Wir erinnern uns. Doch Erinnern ist nicht gleich Erinnern.

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