2 Jahre ist es her: Erinnerung an Murad Wilfried Hofmann

Vor 20 Jahren wurde der Euro eingeführt. Vor 20 Jahren ereignete sich 9/11. Vor 20 Jahren war ich in der 5. Klasse und mehr daran interessiert irgendwelche Animes anzuschauen, als mich mit Fragen zu beschäftigen, auf die Dichter und Denker unserer Zeit keine Antwort haben. Eine dieser Fragen lautet: Wie ist es einem Muslim möglich in Deutschland zu leben, sein Gebet zu verrichten, im Ramadan und bisweilen freiwillig zu fasten, seinem Kind Wissen über Muhammed mitzugeben, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, und all das ohne als ideologischer Terrorrist (oder: „Islamist“) angesehen zu werden?

Murad Wilfried Hofmann dachte es bereits vor 30 Jahren…

Als türkischstämmiger Deutscher weiß ich nun, dass auf Türkisch genügend Lektüre vorhanden ist, die darlegt, wie ein Muslim seine Nächsten behandeln soll, wenn er es denn ernst damit meint, seinem Schöpfer zu gefallen; doch auf Deutsch, ist es nahezu unmöglich Muhammed als einen guten Menschen anzusehen. Einer derer, die sich Gedanken darüber machten, wie es möglich ist, als Muslim in Deutschland und Europa zu leben, war Murad Wilfried Hofmann. Sein Buch „Der Islam im 3. Jahrtausend. Eine Religion im Aufbruch“ las ich nun, ich, der Dichter und Denker; der junge Poet, der wie kein anderer mit Goethe und Rumi, Novalis und Yunus Emre in Verbindung gebracht wird. Was hatte ein deutschstämmiger Muslim wie Murad Wilfried Hofmann mir schon zu sagen?

Dank der mangelnden Vermittlung Hofmanns seitens deutscher Muslime wusste ich es bis vor kurzem nicht. Als dieser Mann vor zwei Jahren am 12.01.2020 verstarb, erfuhr ich zum ersten Mal, dass er Gedanken und Ideen hinterlassen haben muss, die bedeutend waren. Möge Allah ihm barmherzig sein. Doch nur weil er verschied, hörte ich überhaupt Etwas von ihm. Ich kaufte das genannte Buch. Schon damals im Jahr 1999, vor 9/11, machte er sich ähnliche Gedanken wie meine muslimischen Kommilitonen und ich: Was kann ein Muslim am Westen loben, was kritisieren? Was würde ein Europäer, der nicht Muslim ist, an muslimisch geprägten Gesellschaften loben, was kritisieren? Auf diese Fragen geht Hofmann im ersten Kapitel ein und übertrifft all unsere studentischen Überlegungen. Er kann es, denn er war deutscher Diplomat in Algerien und Marokko. Er weiß, wie auf ihn muslimisch geprägte Gesellschaften wirkten, ihn: den deutschstämmigen, der zwei Jahre vor der Machtergreifung Hitlers geboren wurde. Gleichzeitig verinnerlichte er als Muslim Werte; Werte, die eine Hochkultur nicht einfach daran bemessen, welchen technischen Fortschritt sie erreichte, sondern zwischenmenschliche Werte mitbedenken. Doch  anzuerkennen, welchen bereichernden Beitrag MuslimInnen leisten können, davon ist unsere Gesellschaft, unser Deutschland, noch weit entfernt.

Debatten, die zerstreuen, deshalb bleibt für Aufbau kaum Kraft

Es gibt Fortschritte. Immer mehr wird antimuslimischer Rassismus als solcher erkannt und benannt. Nach den jüngsten Friedhofsschändungen bekundete die Gesellschaft Solidarität mit MuslimInnen. Jedoch: die Menschen, die Solidarität bekundeten, ich frage mich: Glauben sie Islam sei unvereinbar mit Demokratie? Glauben sie das Kopftuch sei das Symbol des Zwanges und wollen es wie Inquisitoren im damaligen Spanien verbieten? Die Inquisition zwang Musliminnen das Kopftuch abzunehmen, Schweinefleisch zu essen, verbot Muslimen und Juden das Schächten; auch das Fasten war untersagt. Alles Themen, die Gegenstand der „Islamdebatte“ sind. Nur dass es die Inquisition nicht mehr gibt. Die neue Inquisition heiße „Presse“, so Oscar Wilde, der von der damaligen Presse um 1900 demontiert wurde. Muslime werden heute demontiert. Doch auch hier gibt es Verbesserungen. CLAIM setzt sich zur Dekonstruktion des antimuslimischen Rassismus ein. Aladin El-Mafaalani schreibt Bestseller, in denen er mit Mythen aufräumt. Es gibt Verbesserung. Drum sollen bitte auch die restlichen Teile der Gesellschaft auf Goethe hören, der in seinem zu wenig gelesenem Drama „Egmont“ sagt: 

„Die Inquisition kommt nicht auf. Wir sind nicht gemacht, wie die Spanier, unser Gewissen tyrannisieren zu lassen.“ 

Johann Wolfgang von Goethe: Egmont

Nein, auch wir MuslimInnen des 21. Jahrhunderts sind nicht gemacht unser Gewissen tyrannisieren zu lassen: Islam ist mit Demokratie vereinbar. Lesen  wir Murad Wilfried Hofmann. Er schreibt darüber ab Seite 107 seines Werkes „Der Islam im 3. Jahrtausend“. Islam ist kein Fortschrittshemmnis. Bereits ein Jahr nach meiner Geburt formuliert Murad Wilfried Hofmann Beobachtungen, die mich bis heute prägen, ich aber erst bei ihm in dieser Prägnanz lesen konnte:

„Überhaupt ist zu beobachten, dass die verführerische westliche Lebensart mit ihrem gepflegten Hedonismus und materialistisch praktizierten Atheismus bei den Kindern muslimischer Einwanderer innerhalb weniger Jahre schafft, was christlichen Missionaren über Jahrzehnte nicht gelungen war: junge Muslime ihrer Religion zu entfremden und ihnen diese als Fortschrittshemmnis erscheinen zu lassen.“

Murad Wilfried Hofmann: Islam als Alternative (1992)

Was die Inquisition und die Kreuzritter über Jahrhunderte nicht schafften, schafft nun das Leben, das sich bloß den körperliche Genüssen widmet, das Leben mit falschen Vorstellungen von „Glück“ und „Freiheit“. Gibt es einen Fortschritt? Selbstredend! Es gibt einen Fortschritt: Wer muslimisch betet, fastet und Koran liest, dem wird nicht mehr mit der Guillotine der Kopf abgetrennt; stattdessen wird jemandem, der muslimisch betet, fastet und Koran liest, die Partizipation verwehrt, er wird aus gesellschaftlichen Diskursen ausgeschlossen. Das ist der Fortschritt des 21. Jahrhunderts. 

Wer vermittelt Murad Wilfried Hofmanns Ideen?

Ich wurde 1991 geboren. Ein Jahr bevor Hofmann „Islam als Alternative“ schrieb. Seither wurden diese Gedanken von Muslimen nicht wirklich rezipiert, kritisiert, weitergeführt und detaillierter ausgearbeitet. Warum? Haben die Muslime geschlafen? Warum wurde mir in der Moschee nicht beigebracht, dass ich nicht der erste bin, der Muslime in Deutschland beheimatet. Ich bin enttäuscht von der gesamten 2. Generation, die nur mit der Tagespolitik beschäftigt ist; und wenn sie es gerne ist, wieso unterstützt sie nicht diejenigen, die ihr geistiges Erbe in Deutschland annehmen möchten. Die Hodschas in den Moscheen, sie müssen Hofmann kennen!

Wer kannte Murad Wilfried Hofmann? Wer vermittelt ihn uns und wo? Alle, die ihn kennen, scheinen in Sachen Social Media dermaßen veraltet und überholt, dass sie uns, die muslimische Jugend, nicht erreichen. Denkt denn niemand weiter? Wer soll die Arbeit der Verbände fortführen, wenn die jetzigen Vertreter in Rente gehen? Warum sind die Verbände dermaßen von tagespolitischen Themen geblendet und kurzsichtig? Woran mangelt es? Es reicht nicht mehr Murad Wilfried Hofmann zu loben. Entweder wird dazu beigetragen, dass seine Ideen vermittelt werden oder es ist ein bewusstes Unterdrücken der Ideen, des Mannes, der angeblich als deutsches Geschenk an den Islam angesehen wird. – Deutsches Geschenk an den Islam: schön formuliert. Es sind immer schöne Formulierungen. Wer vermittelt ihn? Ich, repräsentativ für die muslimische Jugend Deutschlands, kenne Hofmann nicht. 

Die Zukunft Deutschlands und ich

Die gemachten Fortschritte gehen jedoch nicht nur bei Muslimen zurück. MuslimInnen spiegeln meistens nur das, was sich gesamtgesellschaftlich in Deutschland abspielt. Neben genannten positiven Impulsen verfällt Deutschland auch in alte Barbarei: Die Angriffe auf Moscheen und MuslimInnen häufen sich. Faschistische Ideologie ist in den Köpfen von deutschen Beamten. Eine Frau mit Kopftuch sei nicht „neutral“ genug, um Richterin oder Lehrerin zu werden, Bürger mit faschistischer Ideologie im Hirn und Herz jedoch schon. Welche Philosophie steckt hinter dieser Meinung: „Aus den Augen, aus dem Sinn“-Philosophie steckt dahinter. „Wem der Faschismus mit dem biologischen Auge nicht anzusehen ist, ist integriert.“ Das ist die ignorante Philosophie, über die das Land der Dichter und Denker hinausgewachsen sein sollte – sollte, nicht ist. Nietzsche erkannte Ende des 19. Jahrhunderts, dass er nicht mehr im Land der Dichter und der Denker ist:

„Die Deutschen – man hieß sie einst das Volk der Denker: denken sie heute überhaupt noch? Die Deutschen langweilen sich jetzt am Geiste, die Deutschen misstrauen jetzt dem Geiste, die Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige Dinge – »Deutschland, Deutschland über alles«, ich fürchte, das war das Ende der deutschen Philosophie…“

Friedrich Nietzsche: Götzen-Dämmerung

Heutige Muslime haben sich den von Nietzsche kritisierten Deutschen integriert, ja ich sage: assimiliert. In Deutschland verschlingt das Politische alles, absolut alles. So auch bei Muslimen. Nur Aktivismus und die Kommentierung öffentlicher Ereignisse wird betrieben. Sie können, wie der Rest Deutschlands, einem Gedicht nicht viel abgewinnen. Eine Gesellschaft, die ein Gedicht für Zeitverschwendung erachtet, befindet sich im Zustand tiefster Bestialität. 

„Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,
Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.“

(Johann Wolfgang von Goethe: Tasso)

Hofmann befasste sich mit entscheidenden Themen. Die Mehrheitsgesellschaft ignoriert seine Anregungen und Antworten. Warum sollten seine Ideen ernstgenommen werden, wenn nicht einmal die Muslime im eigenen Land Hofmann rezipieren? 

Aufgabe der deutschen Muslime

Jetzt muss Murad Wilfried Hofmann rezipiert werden. Ich habe nur seine Bücher, die muss ich lesen. Und alle, die ihn persönlich kannten und die Bücher bereits gelesen haben, sollten sie uns, der muslimischen Jugend Deutschlands, präsentieren und vermitteln. Podcasts, Interviews mit dem Titel: Erinnerungen an Murad Wilfried Hofmann benötigen wir. – Nein, dann wird nicht alles besser. Aber dann haben wir einen Ausgangspunkt, an dem wir ansetzen können, damit es besser wird. Ich bin 30, seit ich 10 bin, wird über dieses Kopftuch und die Demokratiefähigkeit von Muslimen diskutiert (und Muslime machen mit?!) – ja, haben wir den Verstand verloren? Wer über diese Beobachtung den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren, wie Lessing aphoristisch formulierte in seinem „Nathan“. 

Über Lessing, Goethe und Co. spreche ich sehr häufig. Doch ich verstehe mehr und mehr, dass die Muslime nicht so weit sind. Sie begreifen nicht, dass ich aus der deutschen Geistesgeschichte heraus meine muslimische Identität entfalte. In meinen Vorträgen – wie jüngst in der Deutschen Islam Akademie über „Novalis’ religiöse Sprache“ – zeige ich auf, wie die Sprache der großen Dichter Deutschlands uns helfen wird, einen deutschen Islam zu prägen und zu entfalten. Das kann und bin ich bereit zu leisten. Was wir zu dem nötig haben, ist die Bekanntmachung von Hofmann. Er sah sich vor denselben Hürden wie ich. Er antwortete auf seine Weise. Seine Ideen befruchten mich. Wieso kam nie jemand auf mich zu und ließ mich anlässlich seines Todes ein Gedicht ihm zu Ehren verfassen? Möge er in Frieden ruhen.

Es ist die Aufgabe der Verbände, wie es damals die Fürsten eines Fürstentums versuchten, Talente um sich herum zu sammeln, zu ihrer Bildung beizutragen, ihnen zu helfen sich zu entfalten und ihre Fähigkeiten in ihre Arbeit miteinzubeziehen. Das Fürstentum, auf das ganz Deutschland stolz ist, wurde zu dem, was es wurde, weil es Goethe, Wieland und andere Dichter, Denker und Forscher in sich hatte. Goethe musste sich nicht beständig anhören, dass er zu ästhetisch sei. Er arbeitete gewissenhaft und gleichzeitig bereicherte er seinen Fürsten wie kaum ein zweiter. Oder graut es den Muslimen vor Künstlern? Fürchten sie, dass sie zu wenig theologisches Wissen besitzen? – Fürchtet euch nicht. Das ist nicht der Fall.

„Ein Gedicht ist besser als hundert Ballen Seide, vor allem wenn es von einem Dichter kommt, der Perlen aus der Tiefe holt.“

Mewlana Rumi: Mathnawi, Band IV, Vers, 1188

Für die Seele Murad Wilfried Hofmanns: al-Fatiha.

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