Deutschlands Beitrag zum Weltgeist (1)

Friedrich Schiller oder die Psychologisierung

Wir benötigen zusätzlich zur politischen Erinnerungskultur, eine geistige Erinnerungskultur.

Am 09.11.2021 sagte der Bundespräsident, Frank-Walter Steinmeier, in seiner Rede, dass kein Tag so sehr das Deutschsein versinnbildliche, wie der 09.11. Ich erachte es für keinen Zufall, das ein Tag nach diesem so denkwürdigen Tag der Geburtstag Friedrich Schillers ist. Deutschland ist das Land, das wie kein zweites Erinnerungskultur pflegt. Heute möchte ich zusätzlich zur politischen Erinnerungskultur für eine geistige plädieren. Heute ist der 10.11., heute ist Friedrich Schillers Geburtstag. Erinnern wir uns heute an den bedeutendsten Dramatiker der deutschen Geistesgeschichte.

Eine neue Erinnerungskultur, eine geistige

Warum Schiller? Daran muss erinnert werden. Wir benötigen zusätzlich zur politischen Erinnerungskultur, eine geistige Erinnerungskultur. Wir müssen uns an die Weimarer Klassik erinnern. Ja, nicht trotz der NS-Zeit, die durch die Ideen Goethes und Schillers nicht verhindert wurde, sondern gerade aufgrund der NS-Zeit. Die Abwesenheit Goethes und Schillers und die Verzerrung ihrer Ideen radikalisiert die Menschen: „Ist es nicht vielmehr einer unserer vielen Fehlgriffe gewesen, dass wir einen Kult getrieben haben, statt lebendig-fruchtbarer, in Wahrhaftigkeit verpflichtender Verehrung? Der Kult klammert sich an den Dingen fest, dem Hausgeräte des Genies; echte Verehrung verpflichtet sich dem Geist und ringt mit ihm.“ (aus Reinhold Schneider, „Goetheverehrung oder Goethekult? Eine Frage“, 1946)

Mit dem Geist Schillers und Goethes wurde sich leider zu wenig auseinandergesetzt. Stattdessen war Weimar darauf erpicht, Hausgeräte und Gegenstände der großen Dichter und Denker zu sammeln. Doch was nützen Schillers und Goethes Feder, wenn einem das Herz und der Geist Schillers und Goethes fehlen? 

Aus diesem Grund kann ein AfD-Politiker mehr Auswendiglernen von Gedichten fordern und gleichzeitig antimuslimischen Rassismus betreiben und antisemitisch sein; denn er kennt Friedrich Schiller, den Dichterfürsten der Freiheit, eben nicht. Er kennt Johann Wolfgang von Goethe eben nicht. Wer kennt sie, frage ich mich oft und öfter! Auch in Germanistik-Seminaren ist jemand mit Hintergrundwissen zu Goethe und Schiller ein Exot. Diese Weltweisen, die das größte sind, was in Deutschland, den deutschen Landen, je aufgekeimt ist. Die Beschäftigung mit ihrem Geist ist vonnöten. 

Sturm und Drang als Wegbereiter der deutschen Klassik

Im Vorwort zu seinem „Verbrecher aus verlorener Ehre“ sagt Schiller, was der Sturm und Drang, diese deutsche Epoche, der Welt geschenkt hat: die Psychologisierung.

Wir müssen ihn [den Menschen] seine Handlung nicht bloß vollbringen sondern auch wollen sehen. An seinen Gedanken liegt uns unendlich mehr als an seinen Taten, und noch weit mehr an den Quellen seiner Gedanken als an den Folgen jener Taten. Man hat das Erdreich des Vesuvs untersucht, sich die Entstehung seines Brandes zu erklären; warum schenkt man einer moralischen Erscheinung weniger Aufmerksamkeit als einer physischen? Warum achtet man nicht in eben dem Grade auf die Beschaffenheit und Stellung der Dinge, welche einen solchen Menschen umgaben, bis der gesammelte Zunder in seinem Inwendigen Feuer fing?

Bis zum Sturm und Drang eiferten deutsche Dramatiker vor allem dem klassischen Drama nach, dem in Frankreich die Bühne gehörte. Klassisches Drama bedeutet: die Figuren im Drama sind dem Schicksal ausgeliefert. Die Charaktere in den Stücken sind statisch, d.h. sie ändern ihren Standpunkt nicht. Doch die deutsche Klassik ist anders als alle klassischen Epochen in Europa. Die deutschen Klassiker sind modern. Wilhelm Tell feuert nicht einfach eine Armbrust ab. Es ist nicht sein unentrinnbares Schicksal. Wir fühlen und wissen, warum er die Armbrust abfeuert. Wir wissen, was diese Handlung motiviert. Auch Goethes Iphigenie, die Schiller als „deutsche Iphigenie“ bezeichnet, ist ihrem Anschein nach klassisch. Doch sie ist deutsch. Ein deutsches Drama, das bedeutet, die Handlungen der Figuren sind nicht einfach so da, sondern es ist nachzuvollziehen, warum wer wie handelt, die Handlungen der Figuren sind motiviert.

Aus diesem Grund sagt Friedrich Schiller über Goethes Voltaire-Übersetzung:

Drum nicht, in alte Fesseln uns zu schlagen,
Erneuerst du dies Spiel der alten Zeit,
Nicht, uns zurückzuführen zu den Tagen
Charakterloser Minderjährigkeit.

„Alte Fesseln“, das sind die französischen Vorbilder, die dem klassischen Drama Aristoteles anhingen. „Charakterlos“ deshalb, weil niemand weiß, warum sie handeln, die Motivation hinter den Handlungen ist nicht bekannt, die Psychologie der Figur fehlt. Figuren mit Charakter, das bedeutet, Menschen im Stück handeln aus einem Willen heraus und wie dieser Wille entstand, dem kann nachgespürt werden. Und wer einen Menschen zu analysieren weiß, der kann herausfinden, was hinter einer Tat steckt. Um nicht den alten Fehler zu machen, um sich nicht in „alte Fesseln“ zu schlagen, hat Goethe Voltaires Werk „Mahomet“ nicht bloß übersetzt. Er hat es verändert auf deutsche Art. Plötzlich konnten Mahomets Handlungen im Stück nachvollzogen werden. Eine Absicht wurde in die Figur hineingelegt, die bei Voltaire gänzlich fehlt. Doch die Welt hat dies bis heute kaum beachtet. Zu sehr ist sie vom Hass auf Muslime und Islam verblendet. Deshalb wurde sich sehr sehr lange nie gebührend mit Goethes Übersetzung auseinandergesetzt. Katharina Mommsen übernahm dies als erste. Es ist in ihrem Buch „Goethe und der Islam“ nachzulesen. 

Doch was nützen Schillers und Goethes Feder, wenn einem das Herz und der Geist Schillers und Goethes fehlen? 

Bei Schiller zum ersten Mal begegnet uns die damals genuin deutsche Art in seinen Räubern. Bei Goethe in seinem Götz von Berlichingen. Ab dem Sturm und Drang wollte man auf der Bühne (heute im Kino, im Fernsehen) Menschen sehen, deren Verhalten nachvollziehbar ist, deren Psyche fassbar ist. Dies tat Shakespeare bereits zuvor, doch es fehlte die Theorie dazu. Im Sturm und Drang wurde die Theorie geliefert. Die Welt fühlte Shakespeares Genie nun nicht mehr nur, die Welt konnte Shakespeares Genie erklären. Das ist es, was Goethe, Herder, Schiller, Lenz und andere deutsche Dichter und Dramatiker in Shakespeare verehrten. Die Deutschen setzten sich mit Shakespeares Geist auseinander und verstanden Shakespeare besser als die Engländer selbst. Doch Deutschland nach Goethe und Schiller setzte sich leider nicht mit dem Geiste seiner beiden Dichterfürsten auseinander. Es wurde Kult betrieben, man rühmte sich mit ihnen, aber verlor ihren Geist. Deshalb war der Rechtsradikalismus möglich. Und wenn wir heute, wie früher am Vorabend des 30. Januar 1933, versäumen, uns mit Goethes und Schillers Geist auseinanderzusetzen, kann der Rechtsradikalismus nicht in die Schranken gewiesen werden, können Radikalismen aller Art nicht in die Schranken gewiesen werden.

Wir müssen Schillers Wissen heute anwenden

Menschen als Individuum kennenzulernen ist die Art Schillers, ist die Art des Sturm und Drang und der deutschen Klassik. Auf diese Art und Weise sollte das heutige Deutschland auch auf seine Minderheiten blicken. Wenn beispielsweise ein Mensch muslimischen Glaubens eine Straftat begeht, darf nicht gedacht werden, dass diese Tat der Idee des Islams entspricht; nein. Diese Tat hat den Zunder, wie Schiller es nennt, in der Biographie des Täters. Rumi war muslimische Glaubens und verfasste Liebesgedichte. Rumi repräsentiert mehr Muslime als jeder radikale Mensch es je tun wird. Wenn radikale Menschen „Allahu Akbar“ brüllen, muss mitgedacht werden, dass Rumi auch Allahu Akbar rief, und Millionen Muslime täglich Allahu Akbar rufen. Was drücken sie aus, wenn sie „Gott ist größer“ sagen? 

Gott ist größer als meine Alltagssorgen, größer als meine Zukunftsängste, größer als der größte Mensch. Gottes Güte ist größer, Gottes Barmherzigkeit, Gottes Gerechtigkeit. Das bedeutet „Allahu Akbar“ der absoluten Mehrheit der Muslime. Wenn radikale Menschen analysiert werden, ist nicht das „Allahu Akbar“ der Grund für ihren Terrorismus. Der Ausbruch der Bestialität in den Menschen rührt woanders her. Um herauszufinden, wo die Bestialität herrührt, müssen die Menschen analysiert werden, wie der Ausbruch eines Vulkans analysiert werden musste, so Schiller. Der psychischen Erscheinung muss genauso viel Aufmerksamkeit gewidmet werden, wie der physischen. Darum geht es. Was führt dazu, dass ich, ein deutscher Bürger muslimischen Glaubens, Gedichte schreibe? Warum will ich die Tat, Gedichte schreiben, und nicht eine andere? Warum will ich Goethe und Schiller lesen? Ist der Grund dafür in meiner Religion zu finden oder muss in meine Biographie gesehen werden, um dies zu ergründen? Gemäß Schiller müssen die Begebenheiten analysiert werden. Das ist die Idee des Sturm und Drang auf Beispiele von heute angewandt. 

Ausblick auf den nächsten Artikel der Serie

Wir müssen zu Schülern Goethes und Schillers werden wie einst Novalis. Nie hat sich Novalis wie die Brüder Schlegel mit Schiller oder Goethe gestritten. Novalis, dieser Mitbegründer der deutschen Romantik, als sie noch unschuldig war und sich noch nicht im Nationalismus verlor – erst nach Novalis Ableben 1801 – dieser Novalis sagt in einem Brief: „Deutschheit ist Kosmopolitismus mit der kräftigsten Individualität gemischt.“ Es ist dieser Kosmopolitismus, der die Deutschheit ausmacht: aufgeklärter Patriotismus, wie Frank-Walter Steinmeier am 09.11. 2021 in seiner Rede sagte. Aufgeklärter Patriotismus zeichnet sich dadurch aus, die eigenen Abgründe zu kennen und gleichzeitig stolz zu sein auf Leistungen. Und was ist die größte Leistung des deutschen Geistes? „Der Kosmopolitismus, dem unsere großen Geister, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, Jean Paul, dem alle Gebildeten in Deutschland immer gehuldigt haben, ist das Herrlichste und Heiligste, was Deutschland hervorgebracht hat.“, sagt Heinrich Heine in seiner „Romantischen Schule“. 

Um diesen Kosmopolitismus und seinem bedeutendsten Vertreter geht es im nächsten Artikel der Serie: Deutschlands Beitrag zum Weltgeist: Johann Wolfgang von Goethe oder die Geburt des Kosmopolitismus.

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