Rezension: Suhrawardis Philosophie

Ist sie denn nun untergegangen die Philosophie in der muslimischen Welt oder nicht? Was ist Philosophie überhaupt? Handelt es sich nur dann um eine Philosophie, wenn ein Denker eine Denkschule begründet? Und was hieße: die Philosophie sei untergegangen? Hieße es, dass die Menschen sich nicht mehr trauten zu philosophieren über ihr eigenes Dasein? Mussten sie ab dem Untergang gar Angst haben von einer der Inquisition ähnlichen Institution verfolgt zu werden? – Nein. Selbst wenn die Philosophie nach europäischem Verständnis untergegangen sei, so gab es in der muslimischen Welt niemals eine Institution ähnlich der Inquisition, deren Opfer vor allem Juden, Muslime, Protestanten und Deisten waren. 

Die Reiche der Muslime kennen keinen Kanon verbotener Bücher. Was sie aber kennen sind Empfehlungen und Mahnungen der Verfasser. Einer von ihnen ist auch al-Suhrawardi (gest. 1191), dessen philosophisches Werk „Philosophie der Erleuchtung“ ist auf Deutsch im „Verlag der Weltreligionen“ erschienen.

Was lässt sich zu diesem Werk sagen? Lässt sich mit ihm eine Aufklärung der Muslime in Deutschland durchführen? Dazu ist es zu philosophisch, das meint hier: zu akademisch. Es ist ein Fachbuch für solche, die vertraut mit Platon, Aristoteles und den muslimischen Rezipienten wie al-Kindi oder Ibn Sina sind. Dieses Wissen setzt der Übersetzer nicht voraus. Nicolai Sinai bietet Abhilfe in seinem Nachwort, das sich empfiehlt vorab zu lesen, wenn man als Leser irgendetwas verstehen möchte. Er ordnet Suhrawardi und seine Schrift in den zeitgenössischen Kontext ein. Wem also Ibn Sinas Philosophie unbekannt ist, der wird kaum einen Zugang zu Suhrawardi finden. 

Das Werk erscheint wie aus der Feder eines Sprachwissenschaftlers. Suhwardi spricht über Bedeutungen und Ausdrücke, verwendet Termini, die einem Philosophiestudenten nicht ganz fremd vorkommen dürften, doch dem durchschnittlichen Arbeiter oder dem akademischen Nicht-Geisteswissenschaftler würden sie Kopfzerbrechen bereiten. So sagt Suhrwardi selbst auch: „Die niedrigste Stufe, auf der sich ein Leser befinden muß, besteht darin, daß ihm das Aufblitzen des göttlichen Lichtes zuteil geworden ist […].

Damit ist gesagt, welche Richtung die von Muslimen betriebene Philosophie der Muslime einschlug: sie näherte sich der Mystik an. Mit dieser söhnte al-Ghazali, der lange für den Untergang der Philosophie verantwortlich gemacht wurde, die islamische Theologie aus. Novalis, der fromme Romantiker des ausgehenden 18. Jahrhunderts, hätte vermutlich gefallen an diesem Weg gefunden, den er auch seinen christlichen Zeitgenossen zu empfehlen trachtete mit den Worten: 

„Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei, und der Schattenkörper hinweggerückt ist.“

Von inneren Welten, die er Spiritualität nennt, schreibt auch Suhrawardi: „So wie wir wahrnehmbare Dinge schauen, über einige ihrer Zustände Gewissheit erlangen und hierauf wahre Wissenschaften wie die Astronomie gründen, so schauen wir auch spirituelle Dinge und gründen etwas darauf.“

Der abendländische Leser mag hier an Ralph Waldo Emerson erinnert sein, der in einem seiner Essays ebenfalls von „geistigen Gesetzen“ spricht, die er bereits in seinem Essay über die „Natur“ andeutet: ­

„Alberne Menschen machen sich lustig über die Theorie des Idealismus, so als führe sie zu lächerlichen Konsequenzen und beeinträchtige die Beständigkeit der Natur. Dies ist aber mit Sicherheit nicht der Fall. Gott hält uns nie zum Besten und wird den Zweck der Natur nicht gefährden, indem er irgendwelche Inkon­sequenzen in ihrem Gang erlaubt. Jegliches Misstrauen bezüglich der Beständigkeit von Gesetzen würde die geistigen Fähigkeiten des Menschen lähmen. Ihre Beständigkeit wird wie etwas Heiliges ­geachtet, und der menschliche Glaube an diese ist vollkommen.“

Doch wie diese Gesetze aussehen, sagt er nicht. Genauso wenig sagt Suhrwardi etwas darüber, wie ein erleuchteter Mensch aussieht. Ist auch er ein Idealist? Er scheint Gesetze des Denkens zu formulieren. Das legt die Vermutung nahe, dass jemand, der sich diesen Denkgesetzen fügt, erleuchtet sei. Wer diesen Weg nicht gehe, der habe keinen Anteil am Wissen, von dem er spreche. Wenn das wörtlich zu verstehen ist, scheint es nicht so abwegig, dass auch der Rat eine 40-tägige Klause begehen zu müssen, bevor jemand dieses Buch lese, ernstgemeint ist. Wie diese Klause aussehen soll, könne nur ein Lehrer, der in Suhrawardis Linie steht, sagen.

Eine Inquisition gibt es nicht, die diejenigen verfolgt, die es nun ohne einen solchen Lehrer lesen, doch es gibt klare Empfehlungen, die letztlich zum vorgegebenen richtigen Verständnis führen sollen.

Erhellen, das wollte Suhrawardi, doch ist sein Werk voller Rätsel. Interessant und spannend für den fundierten Philosophen. Für die Allgemeinheit ist dieses Werk jedoch nicht geschrieben. Suhrawardi betont zu Anfang und zum Ende seines Werkes, dass dieses Buch eben nicht in die falschen Hände geraten solle. Scheinbar ist es das. Er wurde von Saladin, der historischen Gestalt in Lessings „Nathan“, aufgrund von Intrigen ermorden lassen. 

Aber auch wenn es nichts für die Allgemeinheit ist, dass es übersetzt wurde ins Deutsche ist definitiv ein Gewinn. Wenn auch die Mehrheit der Muslime in Deutschland sprachlich und vom Zustand noch nicht auf dem Niveau des von Suhrawardi intendierten Lesers ist, so zeugt dieses Werk vom Geist einer Zeit, an der sich die Muslime Deutschlands orientieren können, wenn sie an frühere Leistungen ihrer muslimischen Vorgänger anknüpfen und Europa bereichern wollen. Und was geschrieben ist, das bleibt. So wie die erste Generation der Gastarbeiter nur als Arbeiter nach Deutschland kam und schwerlich befähigt war Goethe zu lesen, so ist die nunmehr dritte Generation fleißig an den Universitäten und entwickelt sich womöglich bald dahin, dass eben solche Werke, wie die Suhrawardis, beflissene Leser finden werden.

Al Suhrawardi: Philosophie der Erleuchtung, aus dem Arabischen übersetzt und herausgegeben von Nicolai Sinai, Verlag der WELTRELIGIONEN, 469 Seiten, 34,90€.

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