Rezension: „Den Islam denken“

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„Aber wer im Okzident kennt unsere Geschichte? Wer unterzieht sich der Mühe, sie kennenzulernen?” fragte der letzte prestigeträchtige osmanische Sultan Abdulhamid Han II. Der gesuchte Jemand scheint nun gefunden: Sein Name lautet Griffel. Frank Griffel. Professor an der Yale-University. Er setzt in seinem im Reclam-Verlag erschienen Werk Den Islam denken Versuch eine Religion zu verstehen fort und führt zur Meisterschaft, was bereits andere abendländische Größen, u. A. der bedeutendste Dichter deutscher Sprache getan haben: Er erkennt Leistungen an und nimmt einen außereuropäischen Blickwinkel ein. 

Dies tat seinerzeit auch Herder, der Mentor Goethes, als er sagte: „Als Araber einen Teil Europas überschwemmten und Jahrhunderte darin wohnten, konnten sie nicht anders als Spuren, wie ihrer Dichtkunst, so auch ihrer Wissenschaften und Sitten lassen. Durch jene, die Dichtkunst, haben sie vielleicht so viel gewirkt als durch diese, die Wissenschaften, die wir fast alle aus ihren Händen empfingen; und die Sitten sind ein Gefolge von beiden. Es kam ein Geschmack des Wunderbaren, des Abenteuerlichen in Unternehmung, Religion, Ehre und Liebe nach Europa […].“ (Ueber die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker in alten und neuen Zeiten: Dritter Abschnitt, Erstes Kapitel) Goethe nahm diese Gedanken ehrerbietig auf. Er leugnete seine „arabische Bildung“ nicht (arabisch hier synonym für muslimisch), was sich in folgenden Versen ausdrückt: „Herrlich ist der Orient / Über’s Mittelmeer gedrungen, / Nur wer Hafis liebt und kennt / Weiß was Calderon gesungen.“ Hafis repräsentativ für die Muslime, d.h. das Morgenland, wie die Goethe-Expertin Katharina Mommsen lehrt, und Calderon für die Christen, das Abendland. Nur wer Muslime und ihre Leistungen und Errungenschaften kennt, kann verstehen, wie die Christen zu dem gelangt sind, was ihre Größe ausmacht. Und deshalb Calderon, weil auch er – wie Goethe im Brief vom 29.05.1816 an den Calderon- Übersetzer Johann Diederich Gries äußert – „seine arabische Bildung nicht verleugnet nur noch werther macht, wie man edle Stammväter in würdigen Enkeln gern wiederfindet und bewundert.“ – 

An dieser Stelle kehren wir zum Erben Herders und Goethes, zu Frank Griffel, zurück. Erbe deshalb, weil auch er wie seine Landsleute sich den Muslimen aus ihrer Perspektive annähern möchte. Er geht vor wie ein Psychologe. Er berichtet von Ereignissen aus der Weltgeschichte, indem er die Sichtweise des Anderen einnimmt. Literarisch – so beginnt das nach dem Motto: Kurze Rede, tiefer Sinn! geschriebene Werk – findet Griffel sein Vorbild auch in Tolstoi. Tolstoi kreiert eine Figur mit seinem Hadschi Murat, der heute als Terrorist bezeichnet werden würde, doch! – und das grenzt bei denen, die Europa als das Reich-der-Mitte ansehen an Blasphemie – er erweckt Mitgefühl mit eben diesem Manne, der heute als Terrorist dargestellt werden würde. Er nimmt seine Perspektive ein und möchte, wie Griffel es in seinem Sachtext tut, den Leser nachvollziehen lassen, weshalb ein Muslim meint sich zur Wehr setzen zu müssen. 

Von Herder und Goethe, die bewundernd anerkennen, dass sie einen großen Teil ihrer Bildung den Muslimen zu verdanken haben, war bereits die Rede! Mehrheitlich wird dieses Faktum heute nicht bloß ignoriert, es wird die islamische Lehre medial gar als Lehre, die Terrorismus gebiert, dargestellt. Nicht bloß Tolstoi, den Griffel anführt, auch der deutsche Weltentdecker Alexander von Humboldt würde einwenden, dass es ganz andere Menschen sind, von denen Aggression ausgeht. Er war Zeitzeuge dessen, was als Kolonialismus in die düstere Geschichte Europas eingegangen ist, die medial genauso geleugnet wird, wie Europas „arabische Bildung“. Humboldt notiert sich in seinem Reisetagebuch am 29.03.1801: „Wie unwirtbar macht europäische Grausamkeit die Welt.“ Dieses Zitat liest sich als eine Zusammenfassung dessen, was Indianern, Südamerikanern bereits zuvor und den muslimischen Ländern ab 1798, dem Einfall Napoleons in Ägypten, widerfuhr. Wer Griffel liest, bekommt den Eindruck, dass einzig die mangelnde militärische Schlagkraft die damaligen Europäer davon abgehalten hat, in muslimische Länder zu intervenieren – und als diese gegeben war, dies getan wurde. Napoleon täuschte vor, dem Islam Nutzen zu bringen, wie ein von Griffel zitierter Brief belegt. Europäer erscheinen chamäleonartig, die sich in ein muslimisches Kleid nach Belieben bequemen können, wenn es die eigenen Interessen befördert und eben diese Gewalt sei der Nährboden für das gewesen, was heute als Fundamentalismus bekannt ist: „Mit einigem Recht kann man behaupten, dass Europas Haltung gegenüber der Welt außerhalb des eigenen Kontinents – frei nach Caesar – als veni, vidi, destruxi charakterisiert werden muss: „Ich kam, ich sah, ich zerstörte.“

Weiterhin geht Griffel auf die islamische Philosophie ein, die – wider dem modernen europäischen Verständnis – keinem Verfall unterworfen gewesen sei, keinen Absolutheitsanspruch erhob, stattdessen verschiedene Lehrmeinungen nebeneinander akzeptierte: „Diese neue Tradition der nachklassischen Philosophie im Islam zeichnet sich im Gegensatz zur europäischen Philosophie durch ein größeres Maß an Synthese aus.“ 

Griffel als deutscher Nachfolger Herders, Goethes und Humboldts eröffnet Perspektiven, die seltsam und befremdlich anmuten, weil sie uns nirgends zuvor begegnet sind. Doch eben das macht ihren noch unermesslichen Wert aus, ganz im Sinne Heinrich Heines Weisheit: „Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?“

(Diese Rezension erschien im Februar 2019 in der 284. Ausgabe der Islamischen Zeitung.)

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