Voraussetzung des Nachdenkens

Der zeitgenössische Sufi Muhammed El-Konyevi (geb. 1942) sagt in seinem Werk „Cennet yolun Rehberi“: „Der Verstand ist der Schlüssel zu allen Glückseligkeiten. Wir müssen ihn nur richtig zu gebrauchen wissen.“ Er befindet sich damit im Einklang mit dem Manne, der fälschlicherweise für den Untergang der Philosophie bei Muslimen verantwortlich gemacht wurde: Abu Hamid Muhammed al-Ghazali. Al-Ghazali kritisierte die Philosophie oder viel mehr: bestimmte Philosophen. Genauso kritisiert er in seinem Werk „Der Erretter aus dem Irrtum“ Menschen, die Philosophie gänzlich ablehnen.

Was in Europa wenig Beachtung fand bisher: Mewlana Rumi, der überall hochgelobt wird, verurteilt mindestens genauso scharf, wenn nicht gar schärfer die Philosophie. Wieso wurde er nicht ebenfalls verantwortlich gemacht für den Untergang? Und noch weniger Menschen wissen: der größte Abendländer, Johann Wolfgang von Goethe, er urteilt ebenso wie al-Ghazali und Mewlana Rumi über die Philosophie. – Was genau kritisieren diese drei monumentalen und wegweisenden Dichter und Denker an der Philosophie?

Hegel war am 18.10.1827 zu Gast bei Goethe und lobte die Dialektik: These – Antithese: = Synthese. Goethe beobachtete aber etwas anderes in der Wirklichkeit. Menschen benutzen ihren Verstand nicht, um die Wahrheit zu erkennen, sondern um ihre persönlichen Vorlieben und eigenen Interessen als wahr erscheinen zu lassen. Aus diesem Grund sagte er zu Hegel: „Wenn nur solche geistigen Künste und Gewandtheiten nicht häufig gemissbraucht und dazu verwendet würden, um das Falsche wahr und das Wahre falsch zu machen!“ Hegel antwortete, dass dies nur „geistig kranke“ machen würden. – Die absolute Mehrheit der Menschen auf dieser Welt leidet aber eben unter der geistigen Krankheit ihre persönlichen Interessen über die Wahrheit und das Allgemeinwohl zu stellen. Und eben das kritisieren al-Ghazali und Mewlana Rumi ebenfalls. Sie alle drei teilen denselben Gedanken, dieselbe Kritik an der Philosophie. 

Mewlana Rumi sagt in seinem Masnevi: „Dein Selbst (arab. Nafs) ist verdächtig, nicht der feine Verstand; die Sinne sind verdächtig, nicht das göttliche Licht. Dein Selbst ist ein Sophist [es diskutiert gerne], du sollst es beständig schlagen, denn geschlagen zu werden tut ihm gut, nicht das Diskutieren.“ (Masnevi, Band 2, Vers 3501f) Rumi lobt den Verstand, der daran interessiert ist, die Wahrheit zu erkennen, doch er verurteilt die Menschen, die ihrer Lust Recht zu behalten erliegen und die Wahrheit aus den Augen verlieren. Arthur Schopenhauer zeigt in seinem Werk „Die Kunst Recht zu behalten“ die Kunstgriffe der Menschen auf, die ihr persönliches Interesse über die Wahrheit stellen. Der Mensch, so plädiert Rumi, muss erst sich selbst erziehen, sich selbst schlagen, damit er von der Gemütskrankheit der Rechthaberei geheilt wird. Was bedeutet es sein Selbst zu schlagen? Zu fasten beispielsweise, das Gebet zu verrichten, Spenden zu tätigen – kurz: Das Gegenteil dessen zu tun, was ich will, sondern sich dem Willen der vollkommenen Vernunft, d.h. Allahs Willen, zu ergeben. Dies löscht die Selbstigkeit in mir als Mensch aus und mein Verstand wird in die Lage versetzt die Wahrheit zu erforschen und in einer Diskussion willentlich nachzugeben, wenn er erkennt, dass er sich irrte. Dies tut die absolute Mehrheit der Menschen nicht. Sie benutzen ihren Verstand, um zu verdecken, dass sie sich irrten. 

Eben das kritisert al-Ghazali. Genauso wie Goethe und auch Mewlana Rumi. In seinem Werk „O Kind!“ drückt al-Ghazali aus, was er unter der Denkweise der Philosophen versteht: „[Der Mensch, der seinen Gelüsten folgt,] er denkt, dass sein bloßes Wissen ihn rettet und bewahrt und dass er nicht dem Wissen entsprechend handeln brauche. Doch dies ist die Denkweise der Philosophen.“ Was genau al-Ghazali unter Handeln versteht, schreibt er in seinem Werk „Das Kriterium des Handelns“: 

Mit dem Begriff ‚Handeln‘ meinen wir die Zähmung der selbstischen Begierden, die Zügelung des Zorns und die Beherrschung dieser Leidenschaften, damit sie der Vernunft untertan bleiben und diese nicht beherrschen oder sie als Mittel benutzen, um mit List die Erfüllung der Wünsche zu erlangen.

Das meint Goethe, wenn er sagt, die „geistigen Künste“ werden dafür verwendet „um das Falsche wahr und das Wahre falsch zu machen.“ Das meint Rumi, wenn er sagt, das Selbst des Menschen sei ein Diskutant. Es missbrauche den Verstand, um zu diskutieren mit anderen Menschen, statt sich selbst zu richten. Ein Mensch, dessen Hang Recht zu behalten stärker ist als seine Wahrheitsliebe, der fällt unter die Kategorie „Philosophen“, die von Goethe, Rumi und al-Ghazali kritisiert werden. Erst muss der Verstand dafür benutzt werden, sich selbst zu kritisieren und sich selbst dahingehend zu erziehen, dass nicht Diskutiersucht oder Rechthaberei im eigenen Wesen vorherrschen, sondern Wahrheitsliebe, Höflichkeit und die Größe, jederzeit die eigene Meinung zu ändern, wenn Irrtum im vertretenen Standpunkt erkannt wird. 

Und weil dies so ist, fokussierte sich al-Ghazali auf die Läuterung des Selbsts, damit wir Menschen, den Verstand nicht dafür missbrauchen, das Falsche als wahr erscheinen zu lassen. Der Mann, der in Europa lange als der letzte muslimische Philosoph angesehen wurde, lobte al-Ghazali dafür. In seinem Werk die „Maßgebliche Abhandlung“ schreibt Ibn Ruschd (Averroes):

Handlungen fallen in zwei Gruppen. Die erste sind die äußerlichen, körperlichen Handlungen. Die Wissenschaft, die sich mit ihnen beschäftigt, wird ‚religiöse Rechtswissenschaft‘ (fiqh) genannt. Die zweite Gruppe sind Akte der Seele wie Dank, Geduld oder andere Charaktereigenschaften wie diese, zu denen die Offenbarung aufruft oder die sie verbietet. Die Wissenschaften, die sich mit ihnen beschäftigen, nennt man ‚Enthaltsamkeit‘ (zuhd) und ‚die Wissenschaften des Jenseits‘ (ulum al-akhira). Diese Richtung hat Abu Hamid [Muhammed al-Ghazali] in seinem Buch eingeschlagen, als die Menschen diese [zweite] Gattung [des Wissens] schon aufgegeben hatten und sich in die [erstere] Gattung stürzten. Diese [zweite] Gattung ist wichtiger für die Frömmigkeit, die der Grund der Glückseligkeit ist. Er nannte sein Buch Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften.“ 

Sich selbst zu erziehen ist wichtiger als alles andere. Der Verstand ist kindisch, es sei denn er hat sich durch das göttliche Licht, so al-Ghazali und Rumi, vom selbstischen Interesse frei gemacht. Rumi drückt dies wie folgt in seinem Masnevi aus: „Alle Menschen sind Kinder, außer dem, der von Gott berauscht ist; niemand ist erwachsen, außer dem, der sich von Begierde befreit hat.“ (Masnevi, Band 1, Vers 3430) – Handeln bedeutet sich von seiner Begierde frei zu machen. Erst, wenn diese innere Handlung vollzogen wurde, wird der Verstand von der Fessel befreit, die ihm das Ego in uns Menschen anlegt. Rumi führt an der Stelle den folgenden Koranvers an: „Die Meinung nützt nichts gegenüber der Wahrheit.“ (Yunus, Sure 10/ 36)

Auch Friedrich Schiller gesellt sich zu unseren großen Dichtern und Denkern. Er bezeichnet die geistig kranken Menschen, die ihren Verstand benutzen, „um das Falsche wahr und das Wahre falsch zu machen“, als „Brotgelehrte“. Menschen, die mehr an Wahrheit als an ihrem eigenen Vorteil interessiert sind, bezeichnet Friedrich Schiller als „philosophischer Kopf“. Während al-Ghazali mit dem Wort Philosoph das bezeichnet, was Schiller als Brotgelehrter bezeichnet, benutzt Schiller das Wort Philosoph, um eben das zu beschreiben, was bei den muslimischen Denkern und Dichtern als „Frömmigkeit“ und „Gottesrausch“ bezeichnet wird. 

Die verschiedene Begriffswahl ändert nichts an derselben Bedeutung, die alle genannten vertreten. Die eigene Meinung, der persönliche Vorteil ist aufzugeben und der Mensch hat sich der Wahrheit zu ergeben. Eine Debatte oder ein Diskurs, nenne man es, wie man will, ist sinnlos, wenn ein Diskutant seinen Verstand noch nicht von der Fessel der Begierde, der Rechthaberei, des persönlichen Vorteils freigemacht hat. Nur ein befreiter Verstand wird die Wahrheit annehmen, wenn er sie hört. Das Anzeichen des befreiten Verstandes ist die Höflichkeit, Adab (wie muslimische Denker es nennen), gesellige Bildung (wie Goethe es nennt). 

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