Freitagsflügel – 25.09.2020

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Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

In seinem Westöstlichen Diwan dichtet Goethe:

Höre den Rat, den die Leier tönt;
Doch er nutzet nur, wenn du fähig bist.
Das glücklichste Wort, es wird verhöhnt,
Wenn der Hörer ein Schiefohr ist.

Hier führt Goethe eine bedeutungsschwere Bezeichnung ins Deutsche ein, die er bei muslimischen Dichtern vorfand. Ein Schiefohr ist jemand, der schönen Worten hässliche Absichten unterstellt. Selbst ständig opportunistisch kann sich ein Schiefohr nicht vorstellen, dass andere Menschen wirklich schönsinnig sind, d.h. etwas Schönes im Allgemeinen bewirken wollen und nicht aufgrund persönlicher Interessen sprechen und agieren. Die Gesellschaft ist voller solcher Schiefohren. 

Belesene türkischsprachige Muslime fühlen sich direkt an Yunus Emre erinnert. Er dichtete: „Cümleler doğrudur sen doğru isen. Doğruluk bulunmaz sen eğri isen.“  (Aufrichtig sind die Sätze, wenn du selbst aufrichtig bist. Aufrichtigkeit ist nicht zu finden, wenn du Schiefheit in dir hast.) Ob wir etwas aus dem Kontext gerissen verstehen oder nicht, hängt demnach davon ab, ob wir selbst aufrichtige Menschen sind oder nicht. So wunderschön die Worte auch sind, es wird immer einen geben, der auch „das glücklichste Wort“, wie es Goethe nennt, verspottet und eine niederträchtige Absicht unterstellt. 

Beispiel: Wenn ein Ralph Waldo Emerson von „Rasse“ spricht, würden wir ihn vom heutigen Standpunkt aus, dafür verurteilen. Wenn Goethe von „Neger“ spricht, würden wir auch Goethe dafür verurteilen. Doch sie benutzten diese Begriffe zu einer Zeit, in der niemand dafür sensibel genug war, was diese Begriffe bewirken. Dann und nur dann wären Goethe und Emerson zu verurteilen, wenn sie in unserer Zeit leben würden und trotz der Hinweise, die sie erhalten, weiterhin auf diesen Begriffen beharren würden.

Dies ist eine der Leistungen Goethes. Er gibt uns durch Wortneuschöpfungen ein Beispiel dafür, wie wir die Inhalte muslimischer Dichter und Denker auf Deutsch wiedergeben können. Wir Muslime wissen manchmal nicht, wie wir etwas ausdrücken können und fühlen uns unverstanden. Hier eilt uns der größte Dichter und Denker des Abendlandes zu Hilfe und nimmt uns an der Hand. Was ist ein Schiefohr? Was bedeutet es aufrichtig zu sein? 

Die Worte anderer Menschen schön auszulegen, auf eine Art und Weise, die sie in einem guten Licht dastehen lässt. Das ist Schönsinn. Worte, die schön formuliert worden, zu missdeuten, das ist die niedrigste Stufe der Kultur. Ein solcher Mensch ist der Feind des Friedens. Solch ein Mensch ist der bestialischste Unruhestifter (türk. fitneci) und richtet mehr Schaden an als ein sichtbarer Feind im Krieg. Denn Unruhestifter, die Zweifel säen, Unruhestifter, die dazu aufrufen friedlichen Menschen zu misstrauen, sie stören den Frieden in der Gesellschaft und verhindern, dass wir zusammenkommen und miteinander sprechen. Hölderlin hat einen wundervollen Vierzeiler darüber geschrieben, was das schwerwiegendste Verbrechen ist:

Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr den Künstler höhnt,
    Und den tieferen Geist klein und gemein versteht,
        Gott vergibt es, doch stört nur
            Nie den Frieden der Liebenden.

Hier beschreibt Hölderlin die Verhaltensweise, die Goethe, inspiriert von muslimischen Dichtern, als Schiefohr bezeichnet: „den tieferen Geist klein und gemein“ zu verstehen, das ist die Verhaltensweise des Schiefohrs. Dies ist dann nur entschuldbar und nur dann, wenn es nicht den Frieden der Liebenden stört. Doch leider stört es mehrheitlich den Frieden der friedlichen Seelen, der Frieden fördernden Seelen: den Liebenden. Aus diesem Grund sollten wir achtgeben darauf, wie wir die Worte anderer Menschen verstehen. Wir dürfen nicht bloß unseren Maßstab anlegen. Wir sollten versuchen die Perspektive des Sprechenden einzunehmen, um den Sinn und die Bedeutung, der von ihr oder ihm gesprochenen Worte erfassen zu können. Nicht jeder benutzt ein Wort im selben Sinn wie ich. Dieser Tatsache muss ich mir bewusst sein. Wir dürfen nicht immer davon ausgehen, dass jeder unter demselben Begriff, dasselbe wie wir versteht. Das wäre ein geistiges Verbrechen. Dies würde der Welt die Kunst rauben – die Kunst ein Mensch zu sein, individuell zu sein. Die Kreativität würde aussterben. Aus diesem Grund sollten wir daran arbeiten keine Schiefohren zu werden. Lasst uns zu Schönohren werden: Menschen, die trotz hässlicher Ausdrücke, das Herz dahinter erkennen und wissen: dieser hässliche Ausdruck geht auf mangelndes Sprachvermögen zurück. 

„Sich mitzuteilen ist Natur, Mitgeteiltes so aufzunehmen, wie es gegeben wird, ist Bildung“, sagt Goethe. Schönohren beweisen mit ihrer Fähigkeiten über die Form hinweg die Bedeutung zu fassen ihr Bildungsniveau, während Schiefohren ihre charakterliche Missbildung offenlegen…

Möge Allah teala uns zu Schönohren machen. Möge Allah, der Allschöne, Der das Schöne liebt, uns davor bewahren mit Schiefohren durch die Welt zu gehen. Möge Er uns zu Liebenden machen, die aus allem und in allem das Schöne erblicken können und es auch andere erkennen machen… (amin)

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