Freitagsflügel – 18.09.2020

Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

In seinen Fragmenten sagt Novalis:

Mensch werden ist eine Kunst.

Diesen Satz sollten ARD und ZDF und alle Sender täglich verkünden! Überall auf der Welt erstarken menschenverachtende Ideologien in den Köpfen der Menschen. Die Menschen haben das Gefühl zu kurz zu kommen und verfallen bestialischen Gedanken. Dinge, die einem fremd sind, werden abgelehnt – diese unzivilisierten und aller Kultur entfremdeten Idioten! Wann ist ein Mensch ein Mensch?

Dies fasst der osmanische Poet Nevi in zwei Versen zusammen. Diese Verse würden ausreichen, wenn wir Menschen denn nur einmal über genügend Verstand verfügen würden… er dichtete:

„O Nevi! Es ist nicht nötig Sohn von dem und der zu sein;
Gewinne Erkenntnis bis du ein Mensch wie ein Mensch wirst.“

Diese Verse sagen uns, dass es nicht darauf ankommt, von wem wir abstammen, zu welcher Nation wir gehören. Es geht um Wissen. Erkenntnis ist es wert geschätzt zu werden, nicht die Abstammung. Ali ibn Abu Talib, möge Allah zufrieden mit ihm sein, sagt in einem Gedicht:

„Mit Wissen besiegst du die Idee der Abstammung.“ 

Dort, wo sich Menschen sammeln, die nicht auf die Abstammung, sondern auf die Erkenntnisse wert legen, dort geschieht Großes. Mögen auch wir zu solchen gehören, die nicht die Abstammung, sondern das Wissen wertschätzen… – Ali ibn Abu Talib, der vom Propheten, als Pforte des Wissens bezeichnet wurde, dichtete:

„Das Lernen ist die Ehre der Menschheit,
Die Gelehrten sind Lichter auf dem Weg zur Wahrheit;
Der Mensch ist das wert, was er weiß, nicht mehr – 
Der Narr wird sein hartnäckigster Feind sein,
Wissen ist des Menschen Hoffnung auf ewiges Leben, 
Ein Mensch kann sterben, aber die Weisheit lebt ewig.“

Mich befällt Wut und Zorn, wenn ich Muslime sehe, die stolzer auf ihr Auto als auf ihre Büchersammlung sind. Diese Muslime sind nahe daran aus dem Islam auszutreten, aber sie wissen es nicht. Unser aller Schöpfer, Allah, der Allwissende, der Allschöne, sagt in seinem Koran: 

„Sind solche, die Wissen besitzen, denen gleich, die es nicht tun?“

Aber die Muslime leben so, als hätte Er gesagt: „Sind solche, die Geld und Besitztümer anhäufen, denen gleich, die es nicht tun?“ – Diese vollendeten Vollidioten! Sie nennen sich Muslime, obwohl sie den Koran nicht gelesen haben, obwohl sie Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, nicht kennen.

Muslime wollen aktiv sein in der Gesellschaft. Das ist notwendig und wichtig. Wir Muslime müssen aber noch besser werden, noch menschlicher als der uns gebotene Maßstab im Lande! Denn wer sich nicht menschlich verhält, richtet mit seiner Aktivität bloß Schaden an. – Was sind die Kennzeichen einer Gesellschaft, die von Ignoranz und Unwissenheit geprägt ist? 

  • Diskutieren über die Abstammung eines Menschen
  • Diskutieren über das Aussehen eines Menschen
  • Geld und Besitz gelten als Statussymbol
  • der Stärkere beutet Schwächere aus

Wo diese Dinge gegeben sind, befindet sich die Gesellschaft im Verfall. Eine Nation, in der diese Dinge gegeben sind, befindet sich nicht im Aufschwung, sondern im Verfall. Sie ist im Begriff unterzugehen – wenn nicht gegengelenkt wird. Wie ist es möglich gegenzulenken?

Indem wir wieder Menschen werden. Was den Menschen vom Tier unterscheidet ist seine Sprachfähigkeit. Zuerst müssen wir unsere Sprache verschönern. Seine Sprache zu verschönern bedeutet, seinen Charakter zu verschönern. Ein Mensch mit hässlicher Rhetorik, der besitzt keinen guten Charakter. Verschönert sich die Sprache, verschönert sich der Mensch. Spreche wochenlang Flüche und hässliche Worte zu einer Pflanze und sie geht ein. Dies zeigten Experimente. Unser Körper besteht nahezu gänzlich aus Wasser – auch bei uns Menschen ist es so wie bei Pflanzen. D.h.: schöne Worte sprechen. Goethe dichtete:

Lass dich die Lehren nicht verdrießen,
Sie hindern dich nicht am Genuss,
Sie lehren dich, wie man genießen
Und Wollust würdig fühlen muss.

Es erfordert Mühe, Kraft und Anstrengung ein echter Mensch zu werden. Wir sind nicht qua Geburt Menschen. Nur dem Anschein nach. Wir müssen uns während unseres Lebens erst zu Menschen entwickeln. Zu Menschen dem Verhalten nach. 

Treibt der Wille nach Geld mich an? Hintergehe ich andere Menschen, wenn ein Profit dabei für mich herausspringt? Verzichte ich auf meine eigene Bequemlichkeit, wenn mich jemand um Hilfe bittet? Daran wird bemessen, ob ich Mensch bin oder nicht. An nichts anderem. Einer der großen muslimischen Aufklärer Europas, Saadi Schirasi, möge Allah ihm barmherzig sein, dichtete:

Die Menschenkinder sind ja alle Brüder,
Aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder.
Hat Krankheit nur ein einz’ges Glied erfasst,
so bleibt den andern weder Ruh noch Rast.
Wenn andrer Schmerz dir nicht im Herzen brennt,
verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt.

Nationalismus ist die Idee der Nation. Tribalismus ist die Idee des Stammes. Wir müssen die -ismen überwinden, wenn wir möchten, dass die Gesellschaft gedeiht und zu neuer Blüte gelangt. Also, was macht den Menschen zum Menschen? Daran gemahnt uns Dante Alighieri, der bedeutendste Dichter des europäischen Mittelalters:

„Erinnert euch an euren Ursprung:
Ihr seid nicht da, zu leben gleich dem Tier.
Um Tugend und um Wissen sollt ihr euch bemühen.“

Darin sind sich die Weisen des Morgen- und des Abendlands einig: Wissen und Weisheit sind wertvoller als jedes materielle Vermögen. Wissen drückt sich in der milden Behandlung seiner Mitmenschen aus, d.h. darin sie nicht zu misshandeln, ihrer Misshandlung nicht mit weiterer Misshandlung zu reagieren – weder emotional noch körperlich. Darin besteht die Kunst zum Mensch zu werden. Und ja, eben diese Kunst müssen wir wieder lernen. In seiner Mukaddima sagt der erste Geisteswissenschaftler der Geschichte, Ibn Khaldun: „Der Verstand gleicht einem Mühlstein. Wenn ihm nichts zugeführt wird, zermahlt er sich selbst.“ D.h. ein Mensch, der keine Bücher liest, keine Vorträge oder Seminare besucht, dessen Verstand frisst sich selbst auf. Er zerstört sich selbst.

Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, geht noch weiter. Er sagt, ein Tag, an dem er nichts lerne, das ihn Allah, dem Allwissenden, näher bringt, sei ein verlorener Tag. Und in einer Überlieferung (Hadith Kudsi) heißt es: „Für jemanden, der im Verlust ist, ist der Tod besser.“ 

Jeder Tag ist eine Gabe,
Um was Neues zu erlernen;
Wissen ist dann wertvoll, wenn
Wir mit ihm die andern wärmen.

Mensch werden, das ist das Ziel des Lebens. Doch auch die schönsten Fakten und Wissenschaften nützen nichts, wenn wir unsere Mitmenschen nicht schönsinnig behandeln, d.h. wenn wir nicht gut von ihnen denken und sie besser behandeln, als wir glauben, dass sie es verdienen… – wer seine Contenance verliert, der läuft Gefahr die Kunst ein Mensch zu sein, zu verlernen. Seine Fassung zu entwickeln und zu bewahren, das ist unsere Aufgabe. Das heißt: Andere nicht beneiden, wenn sie mehr haben; wenn wir mehr haben, unser Mehr zum Wohle der Gesellschaft einsetzen, vielleicht in Form von Stiftungen; Menschen nicht als Objekt zu betrachten; Menschen nicht auf ein Identitätsmerkmal zu reduzieren, d.h. DER Christ, DER Jude, DER Muslim, DER Agnostiker, DER Atheist, DER Buddhist, DER Linke, DER Rechte usw. Die Kunst ein Mensch zu werden, ist die Kunst davon das große Ganze im Auge zu behalten. Wenn ich, wie ich hier gerade im Kleinen handle, im Großen, in der Öffentlichkeit handeln würde, würde mein Verhalten Schaden anrichten? Diese Frage sollten wir uns stellen. Würde Allah, der Majestätische, liken, was ich gerade tue? Das ist die entscheidende Frage und der Anfang dessen, sich an seinen Ursprung zu erinnern und zum Menschen zu entwickeln.

Möge Allah teala uns zu echten Menschen machen. Möge Er uns helfen schöne Charaktereigenschaften auszubilden und uns immer Menschen schicken, die uns erinnern, wenn wir vergessen und die wir erinnern, wenn sie vergessen… (Amin)

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