Freitagsflügel – 04.09.2020

am

Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

In seinen Briefen an einen jungen Dichter rät Rainer Maria Rilke:

es ist gut, einsam zu sein, denn Einsamkeit ist schwer; daß etwas schwer ist, muß uns ein Grund mehr sein, es zu tun.  Auch zu lieben ist gut: denn Liebe ist schwer. Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.

Wir modernen Menschen fürchten die Einsamkeit und versuchen ihr ständig zu entgehen. Wir modernen Menschen meinen, wir wüssten, was Liebe ist, doch wissen wir das wirklich? Der würdevolle Hafis Schirasi sagt in einem Gedicht: „Die Liebe schien im Anfang leicht, / Doch dann erfolgten Schwierigkeiten“ – so ist die Liebe, sie scheint im Anfang leicht, doch dann folgen Erschwernisse. Wir müssen lernen, wie wir lieben. Vor allem, wie Rilke es sagt, wir jungen Menschen. Wie hängen einsam sein und Liebe miteinander zusammen?

In einer Beziehung ist die Kunst einsam zu sein sehr wichtig. Auch Partner müssen sich gegenseitig Raum und Zeit geben, für sich zu sein. Einsamkeit hilft uns dabei, zu erkennen und in Erinnerung zu behalten, wer wir sind und wohin wir wollen. Doch: was bedeutet einsam sein? Bin ich alleine, wenn ich der einzige in einer Wohnung bin? Man möchte meinen: Ja, doch so ist es nicht. Ralph Waldo Emerson spricht in seinem Essay „Natur“ darüber, was wirkliche Einsamkeit ist:

„Wer sich in die Einsamkeit begeben will, muss sich aus seiner Kammer ebenso wie aus der Gesellschaft zurückziehen. Ich bin nicht allein, solange ich lese und schreibe, obwohl niemand um mich ist. Wenn jemand die Einsamkeit sucht, soll er die Sterne anschauen. Die Lichtstrahlen, die von diesen himmlischen Welten kommen, werden ihn loslösen von allem, womit er in Berührung steht.“

Das bedeutet: Solange ich Musik höre, bin ich nicht allein. Solange ich mein Smartphone bei mir habe, bin ich nicht allein. Solange ich für andere erreichbar bin, bin ich nicht allein. Allein bin ich erst dann, wenn nur ich bin. Die Welt und ich. Allein bin ich dann, wenn ich mich gedanklich von meinen Abhängigkeiten lösen kann. Es nützt nichts sich körperlich von anderen abzusondern, aber weiterhin an sie zu denken und sie nicht vergessen zu können. Aus diesem Grund legen die Sufis den größten Wert auf das, was sie als „Zikr“ bezeichnen. Im Zustand des Zikr zu sein bedeutet in einem Zustand der Achtsamkeit und Kontemplation zu sein. Dieser Zustand ist anfänglich nur zu erreichen, wenn man sich auch körperlich absondert von anderen Menschen. Das Gefühl mit seinem Schöpfer zu sein. Aus diesem Grund ging Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, in die Hira, seine Höhle. Auch ich fand mir eine Hira und verfasste ein Gedicht dazu:

Träumerisch der Welt entrückt,
In Gedanken selbstverloren –
Und im Traum die Welt verrückt:
Glückt’s dir, bist du auserkoren.
Wie schon einst Muhammed ging
In die Hira, seine Höhle,
Fern der Unwissenheitshölle
Himmlischen Besuch empfing, 
Fand ich mir in Harzer Wäldern
Ruh’ vorm Morgen und vom Gestern.

Himmlische Gedanken fließen
Dort, wo du mit Engeln sitzt;
Suche eine Hira, die dich schützt
Und lass ihre Flügel dich umschließen,
Um, wenn wieder unter Menschen,
Froher Einsamkeit entspringend
Als Poet prophetisch wirkend,
Lebensläufe zu belenzen.

Wenn die Fitna Herzensblumen
Wie ein Winter eingehn lässt
Und ein Vögelchen zum Ruhen,
Keines findet, nicht ein Nest,
Ist Gesang der Engel nötig;
Wanderer, o sei erbötig!

Durch die Augen dringt die Sonne
Tief ins Herz und es erblühen
Blüten und die Bienen ziehen
Nektar aus, der wohl bekomme.
Der Gesang der Engel schreibe
Sich ins Herz, auf dass das Werk 
Keime und auf ewig bleibe –
Drum bewandre ich den Berg.

Das bedeutet, dass ich Achtung und Respekt dafür habe, wenn jemand mal nicht erreichbar ist, dass ich mich nicht darüber echauffiere, d.h. aufrege. Denn genauso wünsche auch ich zuweilen einsam sein zu dürfen, um dann gestärkt und gekräftigt mich auf Gesellschaft einzulassen. Das Beisammensein mit dem Partner ist Gesellschaft. Ebenso das Treffen von Freunden. Wir brauchen Kraft, um die Individualität anderer zu akzeptieren und kein Anstoß an ihr zu nehmen. Menschen, die nicht einsam sein können, möchten immer an anderen modeln und sie verändern, weil sie es nicht bewältigen sich selbst zu verändern; also erhoffen sie sich, dass der andere so gemodelt ist, dass ein Auskommen möglich wird. Das ist nicht immer richtig. Es gibt Verhaltensweisen, die müssen abgeändert werden, wenn sie die Gesellschaft stören, doch die gesunde Individualität eines Menschen einzuschränken ist ein Affront gegen das Menschsein. Ein Verstoß gegen die große Ehre, die unser Schöpfer, Allah, der Allschöne, uns hat zuteilwerden lassen. Wer allein ist, der versetzt sich in die Lage, die Präsenz des Göttlichen zu verspüren. Goethe dichtete aus diesem Grund:

„Und kann ich nur einmal
Recht einsam sein,
Dann bin ich nicht allein.“

Muslime Deutschlands kritisieren, so habe ich es häufig gehört, diejenigen Muslime, die Tasawwuf praktizieren dafür, dass sie auch Einsamkeit suchen. Zu wenig würden sie sich gesellschaftlich engagieren. Was ist das Engagements desjenigen schon wert, der es nicht versteht auch einsam zu sein? Der nie alleine mit Schöpfer Zeit verbringen möchte? Wie friedlich kann er sich verhalten in seinem Engagement? Wie ausgeglichen ist so jemand? Kann er den Widerständen standhalten, Streitigkeiten unter Menschen aussöhnen, auf andere befriedend wirken? Wenn nein, so muss Einsamkeit gesucht werden, Kontemplation, Reflexion. Der Zustand des Zikr muss hergestellt werden. Aber die Muslime, auch die gut gebildeten, wissen größtenteils momentan nicht, was der Zustand des Zikr ist… Goethe hatte es begriffen. In Rom hat er diese Erfahrungen gemacht:

„So entfernt bin ich jetzt von der Welt und allen weltlichen Dingen, es kommt mir recht wunderbar [d.h.: seltsam, komisch] vor, wenn ich eine Zeitung lese. Die Gestalt dieser Welt vergeht, ich möchte mich nur mit dem beschäftigen, was bleibende Verhältnisse sind.“

Den Blick immer auf das Ewige und Bleibende gerichtet. Das ist der ein Zustand desjenigen, der sich im Zikr befindet. Und Allah, der Majestätische sagt dazu in Seinem Vortrag:

„Sie gedenken Allahs im Stehen und im Sitzen und liegend auf ihren Seiten.“

(Sure Al-i Imran, 3/191)

Wir sind in der Gesellschaft, aber vergessen Allah. Wir vergessen, dass Er mit uns ist und deshalb lassen wir uns auf Streitereien und andere unnötigen Zeitverschwendungen ein. Deshalb lasst uns auf Goethe hören und darüber nachdenken, was bleibend ist. Was wird Bestand haben? Wie können wir etwas Beständiges aufbauen?

O ihr Muslime! Lauschet den Worten des werdenden Goethe!
Wer sich zurückzieht, erlangt Größe, ein himmlisches Herz!
Ohne himmlisches Herz kann niemand die Welten verbessern –
Zieh dich zurück, um belebt treten zu können aus dir!

Gestärkt in die Gesellschaft treten, um anderen Menschen mit Güte und Liebe begegnen zu können, das ist das Ziel. Genug Erkenntnis und Kraft besitzen, um nicht egoistischen Streitereien zu verfallen und das Ewige aus den Augen zu verlieren. Das ist das Ziel: „Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist“, so sagt es Rilke und spricht er nicht wahr? Was ist schwerer als einen Menschen samt seiner Fehler zu lieben, wenn er uns unsympathisch ist? Es dennoch zu tun, nämlich weil er ein Mensch ist, das ist Dschihad. Die Kraft hierfür entspringt der Einsamkeit. Lasst uns lernen, einsam zu sein, um eine umso qualitativere, von mehr Liebe und Weisheit geprägter Gesellschaft zu stiften. 

Möge Allah teala uns helfen die Schwere der Einsamkeit zu ertragen und lieben zu lernen. Möge Er uns helfen Lieben zu lernen. Möge Er uns davor hüten persönliche Kämpfe auszutragen und uns ermöglichen immer das Ewige, Beständige im Blick zu behalten… (Amin)

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