Freitagsflügel – 28.08.2020

Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

In einem Gedicht schreibt der große Transzendentaldichter, der weise Thoreau:

Mein Leben war das Gedicht,
das ich zu schreiben wollte wagen,
Doch konnt ich nicht zugleich es leben
und es sagen.

Wir fristen ein durch und durch unpoetisches Dasein. Alles ist vorausgeplant. Alles, was nicht in diesen Plan passt, das ist eine Gefahr und ein Grund zu klagen und zu jammern. Wir sind dermaßen verschlossen, dass kein Raum mehr ist für die Magie des Lebens. Wir sind die Kontrollierenden. Wir haben die Kontrolle. Das ist unsere Wahnvorstellung. Wir haben uns selbst Allah beigesellt. Dies geschah unter dem Vorwand des „Tedbir“, wie Türkischstämmige nicht müde werden auszuführen… du musst dein Kamel anbinden Bruder, so viel Risiko ist nicht gut. Bruder, das ist leichtsinnig – ja. Ein bisschen mehr Leichtsinn täte uns gut. Wohin hat uns der Schwersinn denn gebracht. Ständiges Jammern und Klagen. 

Weder schreiben wir Gedichte noch wertschätzen wir diejenigen, die es tun. Das ist der Zustand der absoluten Mehrheit. Die Qualität einer Kultur lässt sich auch daran ablesen, wie offen ihre Künstler sind: Wie verletzlich bist du? Hast du den Mut du zu sein? – Es wäre dumm jedes Gefühl öffentlich auszusprechen. Das ist nicht die Bedeutung von offen oder verletzlich. Ein Beispiel.

Vor einigen Tagen reif mich kurzfristig die Arztpraxis an, bei der ich meinen Termin erst nächsten Monat hätte haben sollen. Sie würden mich in einer Stunde untersuchen können. – Gut, kein Auto, kein Bus, was nun? Das Fahrrad, das Damenrad meiner Mutter, auf dem ich lächerlich aussehe stand zur Verfügung. Als nahm ich es und fuhr los. Ich hätte auch einen Monat warten kann. Ich fürchtete mich in dem Moment nicht davor, komisch angesehen zu werden – unangenehm war es trotzdem, aber das war mir ziemlich egal. So ist das Leben. Wenn wir uns nie in unangenehme Situationen begeben, so ist unser Leben ganz sicher kein Gedicht. 

Weder verfassen wir Poesie noch ist unser Leben Poesie. Was ist nur mit uns passiert? Wir zitieren tagein tagaus dieselben Passagen. Jedes Jahr immer und immer wieder. Nie etwas Neues. Und dann wundern wir uns, warum sich nichts ändert.

Wer etwas erkennen möchte, was er noch nie zuvor erkannte, der muss zuvor etwas lesen oder hören oder sehen, was er zuvor nie las, hörte oder sah. Dann und nur dann wird das Leben zum Gedicht. 

Ich liebe Henry David Thoreau. Ich liebe Ralph Waldo Emerson. Sie lehren mich so viel. Sie lehren mich die Liebe zu großen Menschen, die Liebe zu einer minimalistischen Lebensweise… ja, ich liebe sie! Sie sind beide U.S. Amerikaner – damit bin ich ein Sünder. Ich liebe die Kunst des Feindes! Ja, wenn der der angebliche Feind näher an der Praxis der Sunna ist als ich, dann verdient er es, dass ich ihm seine Hand küsse! 

Wir haben uns hingesetzt uns ruhen uns darauf aus, dass wir angeblich rechtgeleitet seien. Wir sind die Muslime. Wir sind gut, die anderen sind böse. Überall in der Öffentlichkeit herrscht dieses Bild. Wir, die guten Deutschen – wir, die guten Türken – wir, die Aufgeklärten – die, die unaufgeklärten Muslime – wir, die guten Muslime … alle gehen davon aus, dass sie die guten sind. Was für eine Gesellschaft voller Heuchler, Lügner und Betrüger. Es gibt nicht DIE guten. Das gute ist nicht links. Das gute sitzt nicht rechts. Das Gute findet sich immer und immer immer wieder in den Bunttönen. 

„Warum sagt ihr, was ihr nicht tut?“ fragt Allah, der Allschöne. Dieselbe Frage stellte sich auch Thoreau. Weil er nicht sagen wollte, was er nicht tut, verzichtete er, der Weisheit des eingangs zitierten Gedichtes entsprechend, darauf, es aufzuschreiben. Die größten Heldensagen wurden vielleicht nicht einmal aufgeschrieben und wir glauben, dass wir die Geschichte kennen… wir sind vollendete Narren.

Lasst uns gehörig zweifeln an dem, was unsere Augen sehen und Ohren hören. Lasst uns lernen zu zweifeln. Hölderlin sagt in seinem Hyperion:

Ach! wär ich nie in eure Schulen gegangen. Die Wissenschaft, der ich in den Schacht hinunter folgte, von der ich, jugendlich töricht, die Bestätigung meiner reinen Freude erwartete, die hat mir alles verdorben.

Erging es uns nicht allen so. Das Schulsystem taugt nicht, uns auf das Leben vorzubereiten. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Warum reden wir? Lasst uns wirken, stiften und gestalten. Lasst uns vorher lesen, denken und besprechen und dann wirken, stiften und gestalten. Doch lasst uns nicht mit solchen sprechen, die nicht lesen. Lasst uns nicht mit solchen reden, die nicht bedachten. Lasst uns zusammendenken mit solchen, die nicht lasen. Die meisten lesen nicht. Sie sagen, sie haben keine Zeit zu lesen. Die Zeitungen und das Verfolgen der Nachrichten nehme sie zu sehr in Anspruch. Gut, dann taugen sie nichts. Shakespeare, Schiller, Goethe – Emerson, Thoreau. Rumi, Saadi, Feriduddin Attar. Wir loben nur, ohne zu lesen. Was für Opfer wir doch sind. Lessing beklagte eben dieses Problem schon zu seiner Zeit:

Wer wird nicht einen Klopstock loben?
Doch wird ihn jeder lesen? - Nein.
Wir wollen weniger erhoben
und fleißiger gelesen sein.

Klopstock ist ein Symbol für einen Klassiker. Klassiker werden gelobt. Sie werden nicht gelesen. Vollendete Narren sind wir geworden.

Inspiriert mein Tun andere Menschen? Wenn nein, dann sollte ich wirklich überdenken, was ich tue. Wenn die Gefährten des Propheten die ganze Welt inspirierten, wir aber nicht einmal unsere Mitmenschen, dann haben wir da etwas gehörig missverstanden. 

Zu lesen sollte Teil unserer Morgen- oder Abendroutine werden. Einige Seiten einbauen und nach und nach steigern. Keine Glanzleistungen nach wenigen Wochen erwarten. Lesen zur Gewohnheit zu machen ist ein Langzeitprojekt. 

Allah liebt die Handlung am stärksten, die kontinuierlich ist. Dies teilt uns Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, mit. Wir müssen den Mut entwickeln offen zu sein, verletzlich zu sein. Gedichte schreiben, Tagebuch führen – dies hilft dabei. Alle großen Gelehrten schrieben Gedichte oder Tagebuch. Sie notierten sich ihre Taten, Ibn Arabi sagt, dass er gar seine Gedanken notierte, um umso besser Bilanz ziehen zu können. Was für eine Bilanz? Bilanz der Taten und Gedanken. Was nützte mir und brachte mich Allah, dem Allschönen näher, was nicht. 

Lasst uns dichten, schreiben und zum Ausdruck bringen, was uns das Leben schwer macht. Wenn wir es nicht tun, werden wir unseren Charakter nicht verbessern können, obwohl wir ja doch ständig davon reden.

Die Sorge, die ich habe,
Ist jetzt bereits vergangen;
Weil ich mich an ihr labe,
Sie hält mich nicht gefangen.

Ich lieb den, der sie schickt
Und liebe standzuhalten;
Er ist’s, der mich beglückt,
Wer klagt, der wird erkalten.

Dies schrieb ich eben innerhalb von 90 Sekunden runter. Einfach loslassen und die Worte fließen lassen.

Schüttle ab die Angst, den Wahn,
Überwinde das Kontrollgefühl;
Liebe findet eine Bahn,
Die das Leben uns aufwühlt.
Und das ist gut so, glaube mir,
Lass dich fallen, gib dich hin,
Allah fängt dich, leiht dir Zier,
Fallen ist der Lebenssinn.

Möge Allah teala uns volles Vertrauen in Ihn und Seinen Plan gewähren… (Amin)

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