Freitagsflügel – 07.08.2020

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Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

In seinen Briefen an einen jungen Dichter sagt Rilke am 16.07.1903: 

Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

Wir wollen immer Antworten haben. Wir meinen auch immer die besseren Antworten zu haben als alle anderen. Wenn dies so ist, das frage ich mich, warum haben wir dann nicht ein besseres Leben als alle anderen? Was, wenn wir uns irren. Wenn das, was wir für Islam hielten ein Betrug ist? Was ist, wenn das, was uns beigebracht wurde, was wir in Deutschland in Medien, Zeitungen, Schule und so weiter gelernt haben, bloß ein kleiner Aspekt des Lebens ist und bei weitem noch nicht vorbereitete auf das, was sich Leben nennt. Sagte nicht Shakespeare in seinem unsterblichen Hamlet: „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio?“ Wir alle sind Horatio und verdammt: ja! Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden.

Sicherheit lautet der Götze, den wir anbeten. Sicherheit thront weit über Gott in unseren Herzen. Gott hat bloß den Platz eines Beobachters in unserem Herzen. Er sieht, von uns zum Statisten gemacht, bloß zu, wen oder was wir in unserem Herzen thronen lassen: Was werden die Menschen sagen? Ich mache mich angreifbar, wenn ich das sage… Was denkt er nur von mir? Ob sie mich noch liebt, wenn ich versage? – Nur ein Mensch, dem es gleich ist, ob er das Ansehen bei allen Menschen verliert oder von allen Menschen gelobt wird, nur der ist wirklich frei. Alle anderen sind die Sklaven im Hamsterrad, das sich Mehrheitsgesellschaft nennt. 

Es gibt Menschen, die lachen mich aus, weil ich Twilight lese. Andere, die lachen mich aus, weil ich Koran lese, wieder andere lachen mich aus, weil ich Novalis lese, und wieder andere lachen mich aus, weil ich Rumi lese. Ja, es gibt Menschen, die schimpfen, weil ich zu wenig lese und andere, die sagen, ich würde zu viel lesen. Wer von ihnen hat nun recht? Es ist mir ehrlich gesagt ziemlich gleichgültig. Ich lese, um mich zu bilden – um mir bewusst zu machen, das meine beschränkte Perspektive auf dieser Welt nicht mehr als eine Perspektive ist und dass Allah, der Allschöne, der Majestätische, am jüngsten Tag über mich richten wird. Er sandte mir, so glaube ich es, Propheten, die mich lehren, was aufrichtiger Charakter bedeutet. Sie sind eine Leuchte. Sie erhellen die Jahrhunderte. Aber in jedem Jahrhundert müssen die weltlichen Erscheinungen neu beleuchtet und beurteilt werden. In jedem Jahrhundert muss eine Sprache geschaffen werden, die uns dabei hilft zu erkennen, was unsere Augen sehen und was unser Herz sieht und fühlt.

Aus diesem Grund sage ich: Vergiss Sicherheit. Es gibt keine größere Illusion als die Sicherheit. Suche nicht nach Antworten, deren zerschmetternde Schwere du nicht ertragen könntest. Lebe, was du weißt und was du fühlst, so wird der Allschöne dich lehren, was du noch nicht weißt. In einem bei al-Ghazali überliefertem Hadith Kudsi sagt Allah teala:

O Kind Adams! Wie kannst du das Wissen der Dinge wollen, die du nicht weißt, wo du nicht nach dem handelst, was du weißt?!

Lassen wir uns das doch einmal auf dem Herzen zergehen. Wir wollen Wissen haben über noch mehr Dinge, setzen aber unser bisher vorhandenes Wissen nicht einmal um. Was für törichte Narren wir doch sind! Wir wollen wissen, warum die Muslime so leiden in Europa, warum sie nicht akzeptiert sind, warum die gesamte muslimische Welt leidet … vielleicht weil wir alles Egoisten sind. Nicht im materiellen Sinne. Sondern im seelischen. Wir schenken unseren Nachbarn kein Lächeln, weil sie irgendwann einmal irgendetwas gesagt haben, das uns verletzte. Ja, wir müssen unsere Nachbarn nicht heiraten, aber ist zu lächeln zu viel verlangt? Wir fragen Menschen, wie es ihnen geht, ohne die Antwort ernsthaft abzuwarten. Imam Scharani sagt, dass diese Verhaltensweise ein Anzeichen der Heuchelei ist. Was sagt Lord Henry Wotton in Oscar Wildes Dorian Gray. Es heißt, er preist den Hedonismus. Was für ein Schwachsinn. Er will den Hedonismus revolutionieren! Was sagt er:

„Die eigene Natur voll zum Ausdruck zu bringen — diese Aufgabe hat jeder von uns hier zu lösen. Heutzutage hat jeder Mensch Angst vor sich. Sie haben ihre heiligste Pflicht vergessen, nämlich die gegen sich selbst. Natürlich sind sie wohltätig. Sie nähren den Hungernden und kleiden den Bettler. Aber ihre eigenen Seelen darben und gehen nackt. Der Mut ist unserem Geschlecht abhanden gekommen. Vielleicht haben wir ihn nie wirklich besessen. Die Furcht vor der Gesellschaft als der Grundlage der Sittlichkeit, und die Furcht vor Gott, als dem Geheimnis der Religion — das sind die zwei Dinge, die uns beherrschen.“

Was Henry Wotton als Furcht vor Gott bezeichnet ist nichts anderes als die Furcht vor der Gesellschaft! Gott ist tot, sagte Nietzsche, ein Zeitgenosse Wildes. Beide starben im Jahr 1900. Im Jahr 1900 verlor Europa seine letzten Genies. Rilke lebte. Doch Weltkriege führten dazu, dass sein Genie nie wirklich entdeckt wurde! Das ist das Elend der Genies um 1900! Die Nationalisten verhinderten ihre Entfaltung! Greifen wir sie wieder auf. Was meint Henry Wotton? Die Menschen glauben nicht an Gott. Sie glauben bloß an ihre eigene Vorstellung von Gott. An Gott glauben hieße, an Ihn so glauben, wie Er sich uns gibt. Wie gibt Er sich uns? Das ist die Frage, die jeder für sich beantworten muss. Ich glaube, dass Er sich uns in Genies ausdrückt. Die größten Genies sind die Gesandten und Propheten und nur universale Menschen verdienen es, dass sie als Genie bezeichnet werden. Wer sich auf eine Nation beschränkt, der ist ein Idiot. Einer Nation zu dienen jedoch ist das wertvollste und zeugt von Ergebenheit dem Allschönen gegenüber. Wer einem Menschen hilft, hilft allen. Wer allen hilft, hilft keinem. Wer einer Nation hilft, hilft allen, wer allen Nationen hilft, oder besser: zu helfen meint, hilft keiner. Einer Nation ist dann gedient, wenn in ihr die Idee der Menschheit belebt wird. 

Wir wollen anderen helfen, aber vergessen uns selbst zu helfen. Muslime, die selbst an ihrem Glauben zweifeln, rufen andere in die Moschee, um ihre Zweifel zu beseitigen. Muslime, die selbst kein Wissen über sich und ihren Glauben haben, rufen zu Vorträgen, um andere zu belehren. Was für eine vollendete Narrheit! 

O Kind, Du kennst Ali und Ebu Bekir, dein Verstand und deine Seele jedoch, sie kennen Gott nicht! Du verstehst es einfach nicht. Verzichte und werde wie Rabia (al-Adawiyya) zu einem Menschen der Wahrheit. Sie war nicht einfach eine Frau – sie entsprach 100 Männern! Denn von Kopf und Fuß kümmerte sie sich.

(Schaikh Feriduddin Attar: Die Konferenz der Vögel, Kapitel: Wie Ali und Ebu Bekir sich aufopferten)

Sie kümmerte sich um ihre eigene Seele, um ihr eigenes Herz. Anderen zu helfen und zu dienen ist ein Schritt und eine Stärkung für die eigene Seele, doch wer dies nicht erkannt hat, der sieht bloß Lasten und Schwierigkeiten. Diese Lasten und Schwierigkeiten lieben zu lernen ist der Sinn des Lebens. Sich selbst zu helfen ist der Ausdruck des höchsten Altruismus. Wer sich selbst nicht hilft, kann anderen nicht helfen. Wer zu viel denkt, ob er anderen helfen sollte, ist ein Vollidiot. Hilf dir selbst, indem du dich der Schönheit hingibst. Tue, was schön ist, liebe, was schöner ist – und lass dein Herz am Schönen hängen. Es erscheint nicht immer klug, aber ist langfristig die weisere Entscheidung. Zerstöre den Götzen der Sicherheit! Lebe die Fragen, damit Allah teala dir irgendwann die Antworten zuteilwerden lässt. Du willst die Antworten von Morgen schon heute?! Du Narr, Allah will doch auch das Gebet von Morgen nicht schon heute, die Zakat des kommenden Jahres will Er doch auch nicht schon dieses Jahr – schämst du dich nicht, die Sicherheit von Morgen schon heute besitzen zu wollen? Lasse dich wie Abraham in das Feuer der Anstrengung und Mühsal fallen – verlasse deine Bequemlichkeit und Komfortzone. „Das Paradies ist umgeben von bequemlichen Dingen und die Hölle von mühseligen Dingen.“ Dies sagt Muhammed, der Meister der Liebenden, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken. Worauf wartest du? Zerbreche deinen Glauben daran, dass Geld und dein gutes Ansehen dir Sicherheit verleihen! Riskiere es in Verruf zu geraten, tue, was dir und anderen nützt! Bete, faste, wenn du es fürchtest. Hilf den Bedürftigen, während alle sagen, dass du bloß ein Schauspieler bist. Wonach bedürfen die Bedürftigen? Sie bedürfen der Liebe, des Lächelns, sie bedürfen weiser Ratschläge! Sie bedürfen des Vorbildes aus dem Gefängnis der Mehrheitsgesellschaft auszubrechen und dem Schönen und Wahren zu dienen. Liebe, lebe und erwarte keine Anerkennung. Welches Genie wurde denn anerkannt? 

Ein Prophet gilt in seinem Vaterland nichts, lehrt uns Goethe und hat er nicht recht behalten? Werden seine Lieder nicht andernorts häufiger und inniger gesungen? Liebe für alle Menschen, die nicht lieben können, lächle, für alle Menschen, die nicht lächeln können, bete! für alle, die nicht beten können. Nähre dein Herz durch deine eigenen Handlungen, nicht deinen Körper durch zu viel Essen. Wer zu viel isst, der hasst sich selbst, denn er richtet seine Seele zugrunde. 

Denke nicht zu viel nach, lasse die Dinge auf dich wirken und liebe die Fragen und lebe die Fragen. 

Im zweiten Band seines Mesnevis sagt Schaikh Mewlana Rumi:

Ich habe lange Zeit damit verbracht vorsichtig zu planen. Von nun an werde ich ein Verrückter sein.

Möge Allah teala uns zu den Verrückten gehören lassen, die diese Erde auf eine Art und Weise verrücken, die Liebe mehrt und Schönheit erkennt… Möge Er uns die Fragen lieben lehren und gewähren eines Tages in die Antworten hineinzuleben… (Amin)

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