Freitagsflügel – 17.07.2020

Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

In seinen „Unterhaltungen Deutscher Ausgewanderten“ lässt Goethe eine seiner Figuren einen bedenkenswerten Satz aussagen: 

Die Eltern möchten den Kindern meistenteils nur gewähren, was sie selbst in früherer Zeit genossen.

Wie treffend drückt unser Dichterfürst aus, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen. Was die Älteren nicht gewohnt sind, weil es neu ist, wird als entbehrlicher Genuss abgetan. Dies werden nicht wenige junge Menschen erfahren haben. Auf muslimische Eltern dieser Zeit trifft noch etwas zu: Die Eltern möchten in ihrem Kind die geheimen Träume leben, die sie selbst aufgrund mangelnder Möglichkeiten in ihrer Jugend nicht leben konnten. 

Während die Kinder sich oftmals keine überteuerte Hochzeit wünschen und es schlicht gestalten wollen, sagen die Eltern oft: Meine Kinder sollen genießen, was ich nicht genießen konnte. Dies bereitet jungen Muslimen nicht nur in Deutschland große Sorgen. „Was werden denn die Menschen sagen?“ Die Frage danach, was Allah, der Allschöne, der das Schöne liebt, gefällt, wird in den Hintergrund gerückt. Die Frage danach, was gut und schön ist, wird plötzlich zur Nebensache. Zwar sollen Bittgebete während der Hochzeit nicht fehlen, doch die Schlichtheit, die einen wesentlichen Bestandteil unseres muslimischen Glaubens darstellt, wird völlig ignoriert. Der Meister der Liebe, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, sagt:

„Hört ihr nicht, hört ihr nicht? Schlichtheit gehört zum Glauben! Schlichtheit gehört zum Glauben!“ (bei Abu Dawud überliefert)

Dadurch wird es den jungen Menschen erschwert den Schritt in Richtung Ehe zu tun. Viele junge Muslime wünschen sich früh zu heiraten, doch uneheliche Beziehungen scheinen deshalb attraktiver, weil der Eheschluss so sehr erschwert wird. Dies ist sicherlich nicht im Sinne Allahs, des Liebenden, und der Lehre des Erfolges, die Er uns durch Muhammed, Seinen Knecht und Diener, mitteilte – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden.

Die Imame bitten dafür, dass die Ehe wie die von Ali und Fatma, möge Allah mit ihnen zufrieden sein, halten soll, doch wer besitzt Alis und Fatmas Schlichtheit? Die Menschen loben Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, doch wer geht seinem Beispiel als Schwiegervater voran? Was für ein Schwiegervater war unser Prophet, das Vorbild der Universen? Die Brautgabe (d.h. im islamischen Verständnis das Geschenk des Mannes für die Braut) für seine Tochter war wie hoch? 

Männern wird es erschwert. Frauen wird es erschwert. Einerseits ist da die Mehrheitsgesellschaft, die Muslime, die bis zur Ehe mit dem Geschlechtsverkehr warten möchten, als zu prüde und rückständig betrachtet, andererseits die eigenen Eltern, die Familie, die es einem erschwert, das menschliche Bedürfnis auch nach sexueller Intimität im religiösen Rahmen auszuleben. Wir jungen Muslime stehen in der Mitte – in der Mitte zwischen traditionellen und übermodernen Vorstellungen, die es beide sehr erschwerlich machen. 

Einerseits wünschen die Eltern, dass der Partner, die Partnerin des Kindes aus einem guten Elternhaus kommen soll, andererseits scheinen sie die Frage zu ignorieren: ob das eigene Haus überhaupt ein gutes Elternhaus darstellt. Was heißt gutes Elternhaus? Stellen wir uns überhaupt diese Frage? Oder bezeichnen wir eher das als gut, was in unsere angewöhnte Vorstellung von gut und schlecht passt? 

Was ist nötig für eine Hochzeit? Hierin unterscheiden sich die verschiedenen Rechtsschulen. Es ist nötig zu wissen, welcher Mezhep man angehört. Dies ist von essenzieller Bedeutung für eine/n Muslim/in. Wir müssen uns bewusst sein, was wir wollen, welchen Anspruch wir haben und sollten uns nicht vormachen, dass unsere Kinder dieselben Wünsche und Erwartungen haben, wie wir. Vielmehr sollten wir unseren Kindern universale Weisheiten mit auf den Weg geben, damit sie selbst mit den Wirren des Lebens umgehen lernen. Wenn wir beständig unsere Maßstäbe auf unsere Kinder anwenden, werden wir ihnen die Zukunft verbauen. Sie benötigen Hilfe, doch diese Hilfe darf nicht bedeuten, dass sie sich gezwungen fühlen, unsere Vorstellungen anzunehmen.

Zu helfen bedeutet, jemandem den Freiraum zu lassen, seine Vorstellungen zu entwickeln, nachzufragen, ob dieser und jener Umstand bedacht worden ist oder vorzuschlagen auch dies und jenes in Betracht zu ziehen und dann die Entscheidung den direkt Betroffenen zu überlassen. Wer Ratschläge unter der Bedingung erteilt, das sie angenommen werden müssen, ist ein Tyrann. Dies sagt der andalusische Gelehrte Ibn Hazm, möge Allah ihm gnädig sein, in seinem Werk „Al-Ahlak ve-s Siyer“. 

Universale Weisheiten und im Leben gemachte Erfahrungen, diese sind das klassische Element im Leben. Das romantische Element ist es, diesen klassischen Bedeutungen eine moderne Form zu verleihen. Dies ist die Kombination des Klassischen mit dem Romantischen. Universale Weisheiten in modernen Gewändern – das ist Klassische Romantik, derer die Welt so sehr bedarf. Kinder, die nicht auf weise Ratschläge der Älteren hören sind närrisch, genauso närrisch wie Eltern, die meinen, in ihren Kindern eine zweite Jugend leben zu müssen, weil sie die eigene Jugend verpasst haben. Solche Eltern, die ständig beklagen, ihre Jugend verpasst zu haben, verpassen den Wert und die Würde des Alters, sagt Sultan Murad II. seinem Sohn: Fatih Sultan Mehmet. Wer im Alter die verpassten Möglichkeiten in der Jugend bejammert, verpasst die Möglichkeiten des Alters. Dies sagt Sultan Murad II. Die höchste Weisheit, so der Sultan an seinen Sohn, der die Welt in ihren Grundfesten erschüttern wird, die höchste Weisheit ist es, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Die Stürme des Schicksals zu akzeptieren und dementsprechend zu agieren. Das Geheimnis auch im Alter noch Gesundheit zu genießen ist es, gut mit den Menschen auszukommen. 

Wer hat seinen Kindern je solche Ratschläge gegeben? Wer hat solche Ratschläge von seinen Eltern erhalten? Wir sind so erpicht darauf, dass unsere Kinder begreifen, wie wichtig ein guter Abschluss ist, wie wichtig es ist, Geld zu verdienen, eine Ausbildung oder ein Studium zu absolvieren, dass wir versäumen ihnen beizubringen, was es bedeutet ein Mensch zu sein.

So hab den Mut ein Mensch zu sein,
Den Mut zu tun, was niemand tut;
Wer anderen nicht kann verzeihn
Dem mangelt es an Lebensmut.

Wir sollten beispielsweise das Pendname lesen von Schaikh Feriduddin Attar. Löblich wäre es, wenn dieses Werk neu ins Deutsche übersetzt wird. Unser Dichterfürst schwärmte und genoss die Anstandsliteratur aus dem Orient, die Fürstenspiegel. „Das Buch Kabus“ aus dem Persischen oder „Das Buch Oguz“ aus dem Türkischen. Wir sollten es uns zur Gewohnheit machen, unseren Kindern Ratschläge mit auf den Weg zu geben, die ihnen helfen mit verschiedenen Situationen und Menschen im Leben gut umzugehen. Doch leider ist zu beobachten, dass zu Hause nicht über Werte gesprochen wird. Geld und gesellschaftliches Ansehen ist regelmäßiger das Thema. Das ist sehr traurig und bedauerlich. 

„Mein Sohn, du bist auf dieser Erde ein sehr wichtiger Teil. Wenn du es nicht tust, wird es niemand anderes tun. Ich liebe dich. Und ich wünsche mir, dass du zu einem Menschen wirst, der das Wohl anderer mitbedenkt, der andere nicht verurteilt, ihnen hilft, aber auch sich selber schützt und die Grenzen seiner Möglichkeit erkennt: Hilf denen, die Hilfe möchten, nicht denen, die erst davon überzeugt werden müssen, dass sie Hilfe benötigen. Ein totes Herz zu heilen geschieht meist unbewusst. Sei du lebendig und deine Lebendigkeit wird sich auf andere übertragen. Warum du hier bist? Damit ein Mensch mehr auf dieser Erde ist, der al-Jameel dient, damit ein Mensch mehr auf dieser Erde ist, der durch seinen Zustand, seine Gedanken und Worte von der Schönheit Allahs kündet. Liebe das Schöne, liebe das Wahre. Wo du nicht zufrieden bist mit dem Wahren, erkenne den Fehler in dir – das Wahre ist immer gut, das Schöne ist immer wohl, aber wohl ist es nicht immer verständlich für unseren endlichen Verstand. Mein Sohn erkenne die tiefe Weisheit der goetheschen Worte an:

Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.

Mein Sohn, möge zuerst Allah, der Majestätische, mir meine Fehler verzeihen und dann du, dass ich nicht ein besserer Vater für dich sein konnte. Vergiss mich nicht in deinen Bittgeben.“

Möge Allah teala uns zu liebenden und fürsorglichen Eltern machen. Möge Er uns helfen unsere Kinder gut zu erziehen und ihnen Werte mit auf den Weg zu geben, die sie gewappnet machen für die Stürme des Lebens… (Amin)

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