Freitagsflügel – 10.07.2020

Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

Goethes Faust lud Schuld auf sich. Ist es möglich sich von Schuld zu befreien? Genau dies geschieht am Anfang des zweiten Teiles:

Schon verloschen sind die Stunden,
Hingeschwunden Schmerz und Glück;
Fühl’ es vor! Du wirst gesunden;
Traue neuem Tagesblick.

Wir vertrauen oftmals nicht. Unsere Vergangenheit und unsere Erfahrungen, die wir in der Welt machen, hindern uns daran zu vertrauen. Wir nennen dies dann realistisch. Ist es realistisch unser Zukunftsbild von unseren bisherigen Erfahrungen abhängig zu machen? Kann die Zukunft nur zu dem werden, was wir in der Vergangenheit bereits erlebt haben? –

Nein. Wer so denkt, grenzt die Zukunft auf seine bisherigen Erfahrungen ein. Doch dies zu sagen, reicht schon aus, um von nicht wenigen als Romantiker bezeichnet zu werden – was für ein Kompliment! Ein Romantiker ist jemand, der eine Vision der Zukunft in seinem Herzen trägt und darauf hinarbeitet, dieses Bild der Zukunft zu gestalten.

Stellen wir uns eine von Krieg verwüstete Stadt vor. Trümmer und Ruinen wohin das Auge sieht. Ein Architekt begibt sich in diese Verwahrlosung und träumt von Bauten und Straßen und Brücken – ist er ein Romantiker? Ja, ist er. Er sieht, was sich dort aufbauen lässt, wenn er nur daran glaubt und mit seinen Fähigkeiten dafür wirkt. Eine Helferin in einem Krisengebiet sagte über die Kinder dieser Gebiete: „Die Kinder malen oft Häuser, aber keine zerstörten, sondern schöne Häuser als Ausdruck ihrer Sehnsucht nach einem heilen Zuhause.“ – Wir in Europa zivilisierten Menschen würden diese Kinder als elendige Romantiker abtun, die keinen Sinn für Realität besitzen. So sehr haben wir uns abstumpfen lassen vom Wahn des Realismus. Wir vertrauen nicht mehr in die Zukunft, weil uns die Realität so wertlos erscheint – nichts, das wert ist erhalten zu werden. Wenn die Realität so wertlos ist, wenn die Realität gleichbedeutend mit negativen Beschreibungen des Seins ist, wieso dann nicht loslassen und eine neue Welt architektieren?

Derweil die Welt sich so zerreißt
Und ins Politische verkümmert,
Erfrischt die Kunst den tristen Geist,
Indem sie in Ruinen zimmert.

Ein Architekt, der in Ruinen
Infrastrukturen auferbaut,
Ist Träumer, der, bereit zu dienen,
Sich das Unmögliche zutraut.

Ein Kind im Krieg, fern heiler Welten,
Malt in die Menschenherzen Frieden –
Ermangeln Künste, die erhellen,
So wird die Zukunft nie obsiegen.

Wer keinen Frieden konsumiert,
Wird ewiglich am Frieden zweifeln;
Ein Künstler ist’s, er demonstriert,
Bewirkt wird es im Kleinen, einzeln.

Wie ist es möglich neu anzufangen? Schaikh Feriduddin Attar ist ein Meister der Dichtkunst und der Theologie. In seinem Werk „Konferenz der Vögel“ überliefert er ein Gespräch zwischen dem Teufel und Moses. 

Der erhabene Wahre sagte im Vertrauen zu Musa, Friede sei auf ihm: „Geh zum Teufel, um ein Geheimnis von ihm zu erfahren.“ Als Moses den Teufel antraf verlangte es ihn ein Geheimnis von ihm zu erfahren. Der Teufel sagte zu Moses: „Entnehme dieses Wort niemals deinem Verstand: Sag niemals ‚ich‘, damit du nicht wirst wie ich.“ Schaikh Attar erklärt diese Worte wie folgt:

„Wenn du dir selbst Existenz zuschreibst und Ichbezogenheit in der Größe eines Staubkorns in dir ist, so bist du ein Leugner (arab. Kafir), du bist es nicht wert ein Geschöpf zu sein. Das Ziel des Weges ist es, seine Wünsche nicht zu erreichen, das Ansehen des Tapferen ist es in Verruf zu geraten. Denn sobald auf diesem Weg der Wunsch in Erfüllung geht, treten hunderte Ichs und Existenzen auf.“

Wir Menschen in Europa, wir hier in Deutschland, haben so große Angst in Verruf zu geraten. Vor allem wir Muslime. Wir haben Angst davor, dass wir beim Gebet gesehen werden, haben Angst zu sagen, dass wir fasten, Angst zuzugeben, dass wir gerne im Koran lesen, Angst davor zu sagen, dass wir einer Mezhep folgen, dass wir Abu Hanife als großen Imam verehren! Imam Ghazali verehren! Schaikh Feridudddin Attar verehren! Goethe hatte diese Angst nicht: „Verehrung sei Feriduddin Attar und dem sittlichen Pendname“ sagt Goethe. – Was für ein Unterschied. Wir haben Angst zu unseren Überzeugungen und Idealen zu stehen. Wir wägen jeden unserer Schritte politisch ab – so sind die Muslime in der deutschen Öffentlichkeit. Alles, nur nicht natürlich. Immer affektiert. 

Unser Ansehen ist der Götze, den wir Allah beigesellt haben. Bei Allah! Mögen alle Menschen mich verurteilen, mich brandmarken, mich beleidigen, wenn ich Ihn nur habe, bin ich der glücklichste Mensch der Welt! Das ist strategisch nicht klug, wieso sagst du so etwas, du schadest mit dem, was du sagst – was habe ich denn zu verbergen? Nichts. Mein Herz spricht. Das sind die Menschen nicht gewohnt und deshalb fürchten sie sich und erklären es für Torheit das Herz sprechen zu lassen. 

Es ist kein Verbrechen das Herz sprechen zu lassen; ein Verbrechen ist es, das Herz zuvor nicht auszuschmücken mit Schönblick und Schönsinn. Wer behauptet bloß aufrichtig zu sein, während er oder sie Worte spricht, die hässlich sind und Worte, die spalten und von zynischem Hochmut strotzen, der ist ein Narr und Heuchler und Leugner. Aufrichtig zu sein ist dann lobenswert, wenn das Herz, das sich preisgibt, mit Schönheit gefüllt ist und eben diese angereicherte Schönheit nun preisgibt. Solche Worte stiften friedliches Miteinander und selbst wenn sie Kritik beinhalten, verhindern sie, dass die Kritisierten sich beleidigt fühlen. Doch wo Ichbezogenheit und ein Funke selbstischer Existenz vorhanden ist, dort entsteht Widerwillen. Möge Allah uns davor bewahren.

Reinigung ist der Anbeginn des Neuanfangs. Wer nicht an die Gesundheit glaubt, der kann Gesundheit nicht befördern. Erst sich und dann die unmittelbare Umgebung. Wir wollen eine größere Reichweite haben, wir wollen mehr Likes und Follower um unser Ansehen zu steigern – was für eine Heuchelei. Allah interessiert es nicht, ob ich 10 Likes oder 100.000 Likes habe. Ist unter diesen Likes das Like Allah tealas dabei oder nicht? Wenn Sein Like, das Like des Schönen, nicht enthalten ist, was nützen mir 1 Mio. Follower? 

Vertrauen in die Zukunft ist Vertrauen in Gott, den Majestätischen. Er ist der Schöne, der das Schöne liebt. Der „Allschöne“, wie Ralph Waldo Emerson in seinem Essay „Natur“ aussagt. Schlecht über die Zukunft zu denken, heißt schlecht von Allah zu denken. Wer kein Vertrauen in die Zukunft hat, der hat kein Vertrauen in Allah. Ihm zu vertrauen bedeutet in den Ruinen ein Kunstwerk zu sehen.

Aus welchen Ruinen besteht dein Leben? Was kannst du aus diesen Ruinen formen? Gesegnet seien die Ruinierten, die Elenden, die Fremden dieser Welt… Nur wer in der Gegenwart beschäftigt mit der Gestaltung einer schöneren Zukunft ist, erfährt Vergebung für seine Vergangenheit, nur ein solcher kann sich von Schuld befreien.

Möge Allah, der Majestätische, uns zu Architekten der Zukunft machen. Möge Er uns ermöglichen alle Selbstbezogenheit und selbstische Existenz aufzugeben… (Amin)

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