Freitagsflügel – 03.07.2020

Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

In seinen „Wahlverwandtschaften“ äußert Goethe den bedeutungsschweren Satz:

„Die Ehe ist der Anfang und der Gipfel aller Kultur.“

Goethe belässt es nicht dabei. Er fügt hinzu, weshalb die Ehe der Gipfel „aller Kultur“ ist:

„Sie macht den Rohen mild – und der Gebildetste hat keine bessere Gelegenheit, seine Milde zu beweisen.“

Kultur – eines der besonderen Schlagwörter, nicht bloß in unserer Zeit. Was ist Kultur? Für Goethe drückt sich Kultur nicht bloß in der Hervorbringung von künstlerischen Werken aus. Die Kultur eines Menschen zeigt sich darin, wie dieser sich verhält und die kulturelle Stufe einer Gesellschaft ist daran abzulesen, wie die einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft sich zueinander verhalten. Kultur drückt sich nicht im Theoretischen aus, sondern im praktischen Verhalten. Deshalb sprach Novalis von „praktischer Poesie“: Die echte Dichtung wirkt sich auf das Praktische aus, formt durch Erregung das Gemüt, damit sich das Verhalten, das vom Zustand des Gemüts abhängt, schöngebildet wird. 

Die Ehe, so Goethe, ist deshalb der Gipfel der Kultur, weil sie den Charakter eines Menschen, ob er nun will oder nicht, milder macht. Wenn er nicht milder wird, so wird die Ehe keinen Bestand haben. Für Goethe stellt Milde ein Anzeichen von Bildung im Menschen dar. Wo keine Milde im Verhalten zum Vorschein tritt, ist keine Bildung vorhanden. Ganz im Geiste des Islam. Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, sagte:

„Höre nicht auf dich mild zu verhalten. Wenn eine milde Wesensart in etwas enthalten ist, schmückt sie diese Sache mit Schönheit aus. Wenn sie herausgerissen wird, verschlechtert sich die Sache mit Hässlichkeit.“ (bei Muslim überliefert)

Die Ehe macht diejenigen, die sie eingehen, milder im Verhalten. Aus diesem Grund ist sie der Gipfel der Kultur. In einem Hadith in der Sammlung „Kanz’ al ummal“ überliefert, sagt Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden: 

„Der Gipfel des Verstandes ist es, den Menschen gegenüber sanftmütig zu sein und mit ihnen gut auszukommen.“

Wenn wir diese Weisheiten in Erinnerung behalten, wird es verständlicher, warum Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, aussagt, dass die Ledigen die „schlechtesten der Gemeinschaft“ sind. (bei Taberani überliefert) – Der Bund mit einem Menschen führt dazu, in alle Überlegungen seinen Partner miteinzubeziehen, keine Entscheidung egoistisch zu treffen. Ehe bedeutet Verantwortung. Wir sehen in heutiger Zeit wie viele Menschen sich dieser Verantwortung entziehen möchten, weil sie die so bezeichnete Freiheit genießen möchten. Die Ehe schränkt in der Tat ein. Alles, was bildet, schränkt erst einmal ein. Einschränkung ist das Wesen der Bildung. Wir gehen eine Ehe meist aber nicht mit dem Gedanken ein, durch diesen Bund gebildet zu werden. Was bedeutet gebildet werden? Es bedeutet wie der Prophet und Goethe sagen, milder zu werden, fürsorglicher zu werden, gütiger zu werden. Bildung bedeutet zu lernen, wie man sich um andere kümmert. Bildung bedeutet das Wohl der Familie dem eigenen Wohl vorzuziehen. Wer dies nur durch die Ehe lernen kann und nicht anders, ja der muss heiraten. Wer durch Heirat zu einem egoistischeren Menschen wird, zu einem rabiateren, der soll es unterlassen. Heiraten unter allen Umständen – das ist nicht das Ziel. Zu einem gebildeten Menschen zu werden, von dessen Bildung die Mitmenschen, die Gesellschaft und die Menschheit Nutzen zieht, das ist das Ziel und der Zweck einer Ehe. 

Novalis schrieb seiner Verlobten Sophie von Kühn ein Gedicht. In diesem heißt es in einer Strophe:

„Wenn ich wunde Herzen heile
Jede Stunde besser bin
Nie im Guten lässig weile
Dieses Lob nimm dir dann hin.“

Die Liebe zu seiner Verlobten machte Novalis nicht bloß milder. Sie machte ihn tätiger, aktiver, beflissener. Die Liebe zu seiner Partnerin machte Novalis empfänglicher für den Kummer auch der Gesellschaft. Dass er „wunde Herzen“ heilt, ist ein Ausdruck, der, durch seine Verlobte, aus ihm strömenden Liebe. Ein Mensch, der in uns die Liebe entfacht, ist von unschätzbarem Wert. Er führt uns dazu uneigennützig zu sein. Wenn jemand behauptet eine andere Person zu lieben, aber lediglich seine eigenen Triebe im Sinn hat, dann ist dies Begierde, keine Liebe. Diese beiden werden sehr häufig verwechselt. Mit seinem Partner intim zu werden zeugt von diesem Beispiel. Wer seinen Partner, seine Partnerin liebt, ist erst dann zufrieden, wenn auch er oder sie zum Höhepunkt gelangte. Nicht bloß in einem, in beiden bleibt eine Leere zurück, wenn der Höhepunkt ausblieb. Vereinigung solcher Art wird von Liebe angetrieben. Das heißt nicht, dass alles immer blumig ablaufen muss im Schlafzimmer. Auch mal ganz im Gegenteil: Wenn der Partner, die Partnerin auch Bedürfnisse anderer Art hat, so dürfen diese Bedürfnisse erfüllt werden. 

Wie oft dachtest du: „Ich bin verliebt!“
Schon der Satz beweist das Gegenteil,
Denn solange es das »Ich« noch gibt,
Wird dir die Bedeutung nicht zuteil.

Wenn du aufhörst selbst zu wollen
– Selbstgewählt, aus freier Wahl! –
Näherst du dich Anmutsvollen,
Kennst kein »Mich« mehr, keine Qual.

In den Wünschen des Geliebten
Die Erfüllung zu empfinden,
Ist ein Recht der Ausgesiebten,
Derer, die’s »Sich« überwinden. –

Die Ehe ist ein Mittel zu einem vollkommeneren Menschen zu werden. Deshalb sagte Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, dass die Ehe die Hälfte des Imans (d.h. des Glaubens an die Einheit Gottes) darstellt. Der Bund führt zu einer Charakterveränderung. Die Liebe verändert den Menschen. Goethes Gedicht „Neue Liebe, neues Leben“ drückt dies auf erstaunliche Weise aus. Und weil eben die Liebe zu jemandem den Liebenden verändert und sich Züge der oder des Geliebten aneignet, ist gut darauf achtzugeben, welcher Liebe man sich hingibt.  Der osmanische Poet Fuzuli drückt dies in einem Gedicht aus: „O mein Herzensvogel, fliege achtlos nicht umher auf Liebesfeldern, / Wer auf diesen Feldern fliegt, muss wissen, dass hier viele Jäger sind.“ Und Schiller drückt dies in seinem Lied an die Glocke in dem Satz „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“ bedeutsam aus… 

Sich in das Leben fremder Menschen nicht einzumischen gebietet der Anstand, die Achtung. Sich nicht in das Leben derer zu mischen, die wir lieben, ist grobe Lieblosigkeit. Novalis notiert am 15.04.1800 in sein Tagebuch:

„Das höchste Glück ist, seine Geliebten gut und tugendhaft zu wissen. Die höchste Sorge ist die Sorge für ihren Edelsinn.

Aufmerksamkeit auf Gott und Achtsamkeit auf jene Momente, wo der Strahl einer himmlischen Überzeugung und Beruhigung in unsre Seelen einbricht, ist das Wohltätigste, was man für sich und seine Lieben haben kann.“ 

Ähnliches mit selber Bedeutung sagt Allah, der Liebende der Liebenden, im Koran: 

„O ihr, die ihr glaubt, hütet euch und eure Angehörigen vor einem Feuer, dessen Brennstoff Menschen und Steine sind.“

Zu lieben bedeutet für jemanden mehr zu wünschen als für sich. Zu wollen, dass es der oder dem Geliebten besser geht als einem selbst. Die höchste Gabe auf dieser Erde ist Edelsinn. Edelsinn bedeutet das Wahre, Schöne und Gute anzuerkennen und dem Schönen und Wahren ergeben zu leben. Es ist realitätsfern zu sagen, dass jeder für sich verantwortlich sei. Es stimmt zwar, aber der Wunsch, dass es vor allem den Geliebten gut ergeht, den kann ein Mensch in sich nicht leugnen, es sei denn seine Liebe ist schwach oder überhaupt nicht echt. Je nach dem was für Werte jemand hat, was er oder sie als gut und schön empfindet, möchte er/sie, dass der/die Geliebte auch teil daran hat. Vor allem wenn es um einen jenseitigen Glauben geht. Wie egoistisch ist der Mensch, der selbst einen Glauben hat, ihm aber gleichgültig ist, ob seine Liebsten auch ewiges Glück erfahren? Dies lehrt uns Novalis. 

Doch dieser Wunsch hat seine Grenzen. Ganz gleich, was man als gut und schön empfindet, Pflicht ist es, das Gute und Schöne anderer zu respektieren. Es nicht zu respektieren ist hässlich und niederträchtig. Wenn mein Gutes und Schönes die Existenz des Guten und Schönen anderer ausschließt, ist mein Gutes und Schönes weder gut noch schön. Darüber klärt uns Oscar Wilde auf: „Es ist nicht selbstsüchtig so zu leben, wie man wünscht; selbstsüchtig ist von anderen zu verlangen, dass sie so leben, wie man es wünscht.“

Die Ehe ist die Vereinigung zweier Seelen, zweier Körper zu einem. Eine Trennung sollte nur dann und nur dann stattfinden, wenn die Seelen sich so sehr abstoßen, dass das Gleichgewicht des Guten und Schönen zu sehr gestört wird und hässliche Verhaltensweisen die Normalität werden. Wenn jemand seine Socken zu oft liegen lässt, der Müll einmal zu oft verspätet rausgebracht wird, wenn die eine Person so oft Wollust verspürt und sie stillen möchte, die andere Person aber nicht darauf eingehen möchte, und dieses Ausbleiben zu großer Aggression führt, dann lehrt die Ehe Geduld, Standhaftigkeit: der Edelsinnige, wie Goethe sagt, ist in der Lage seine Milde zu beweisen – wo nicht, wo Wut und Zorn, deren Auftreten Teil der menschlichen Existenz sind, dazu führen, dass jemand zu oft die Fassung verliert, dort ist es ratsam sich Hilfe zu suchen und darüber nachzudenken, ob aus dieser Vereinigung wirklich Bildung und Reifung der Herzen weiterhin gewährleistet werden kann. Das Dasein darf nicht zu einer Qual werden. Dies ist nicht im Sinne einer ehelichen Vereinigung. 

Ein gemeinsames Ziel kann Partner zusammenführen. Gemeinsam in dieselbe Richtung zu blicken, das stärkt die Bindung. Gemeinsam Schwierigkeiten durchzustehen, das stärkt die Bindung. Allah, der Liebende, der die Liebenden liebt, ist das gemeinsame Ziel eines muslimischen Ehepaares – wo nicht, kann dies zu einer Disharmonie führen. Aber selbst wenn Er das gemeinsame Ziel ist – dies ist kein Patentrezept. Ohne Arbeit funktioniert eine Ehe nicht. Ehe ist immer Arbeit. Liebe ist immer Arbeit. 

„Am Anfang schien die Liebe leicht,
Doch dann erfolgten Schwierigkeiten…“
(Hafis Schirasi)

Möge Allah, der Liebende, uns allen Ehepartner gewähren, die zu unserer Bildung und Reifung beitragen. Möge Er uns Partner gewähren, denen wir Ruhe stiften und die uns Ruhe stiften. Möge Er unsere Beziehungen segnen und die einsamen Seelen zu den ihnen passenden führen… (Amin)

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Elif sagt:

    Hallo,
    zunächst danke fuer diesen wundervollen Text, dein Schreibstil liest sich sehr schön. Gerade bei dem vorherrschenden Indivudualismus zu lesen, dass eine Beziehung / Ehe mit Arbeit verbunden ist, ist echt schön.
    Einige Dinge haben mir keine Ruhe gelassen, deshalb möchte ich gerne noch Fragen zu deinem Text stellen.
    Laut der Hadithe von Taberani überliefert, sind die Ledigen die schlechtesten einer Gemeinschaft. Im ersten Moment, dachte ich, dann sollte man den Bund der Ehe eingehen, komme was wolle. Wenig später schreibst du, dass man aber nicht nur um der Ehe wegen diese eingehen soll. Aber wer will schon der schlechteste der Gemeinschaft sein? Und ja, das schriebst du auch, man sollte die Ehe nur eingehen, wenn man liebt…

    Die Ehe führt zu Bildung. Aber warum schränkt Bildung ein? Ist man dann nicht weiser? Man lernt doch, wie kann das einschränkend sein?

    Das wars schon. 🙂
    Liebe Grüße
    Elif

    Gefällt 1 Person

    1. Farazi sagt:

      Hi und herzlichsten Dank für dein Lob und deine Kommentare!

      Einschränkend ist alles, was uns bildet. Es schränkt den „Genuss“ ein. Ein Partner bedeutet nein zu allen anderen „Möglichkeiten“, das wirkt einschränkend. Ja zu einer Person bedeutet ja zu ihren Schwächen, Fehlern, zu ihrem Leben – das bedeutet noch mehr Verantwortung, weniger Freiheit darin, wie ich meine Zeit nutze. Auch da darf es nicht zu einschränkend sein. Mancher kann mit einem Partner nicht, der einmal die Woche einen Text zum Freitag schreibt oder regelmäßig Vorträge hält. So etwas muss vorher abgesprochen werden. Verständnis und der auch nötige Freiraum der Partnerin, des Partners BILDET Charaktereigenschaften aus, wie Goethe sagt. Bildung bedeutet immer Druck, wie beim Einatmen und erst im nächsten Schritt Erleichterung (Weisheit), nämlich beim Ausatmen. Ausatmen heißt Einsicht entwickeln, warum der Druck nötig war.

      Wer über genügend Charakter verfügt, in der Lage ist sich zu kümmern, der ist der schlechteste, wenn er es nicht. Wer nicht dazu in der Lage ist, sich zu kümmern – vor allem seelisch, der Partnerin, dem Partner beizustehen – der ist nicht schlecht, wenn er/sie nicht heiratet. So jemand ist klug, da er bereits zur Selbsterkenntnis gelangt ist und weiß woran zu arbeiten ist…

      Ich hoffe, das ist zufriedenstellend 🙂

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  2. Elif sagt:

    Natürlich ist es zufriedenstellend, danke. Jedenfalls die Schnelle und Teile der Antwort.
    Vielleicht verstehe ich das auch alles nicht richtig, aber du setzt die Bildung des Charakters mit Bildung = mehr Wissen gleich, verstehe ich das richtig? In Bezug auf die Partnerschaft verstehe ich die Einschränkung, aber nicht im Bezug auf das Einschränken des Genusses, weil man sich bildet. In dem Moment, in dem ich mich besser kenne und womöglich stelle ich dann fest, dass dieser Genuss mir nicht gut tut, das ist fuer mich nicht einschränkend. Das ist Freiheit und zwar vom Feinsten… Aber wie gesagt in Bezug auf die Partnerschaft verstehe ich das…
    Ich danke dir fuer die Antwort!

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    1. Farazi sagt:

      Ich teile deine Gedanken und bejahe sie. Das ist gesprochen aus der Sicht eines Menschen, der Bildung als einschränkend empfindet, weil es mit Mühen verbunden ist. Wer es einmal, wie auch du, erkannt hat, der wird nicht als einschränkend empfinden, sondern als Befreiung!

      Goethe dichtete:

      Laß dich die Lehren nicht verdrießen,
      Sie hindern dich nicht am Genuß,
      Sie lehren dich, wie man genießen
      Und Wollust würdig fühlen muß.

      Das fasst es wundervoll zusammen!

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      1. Elif sagt:

        Ich danke dir fuer die Mühe darauf zu antworten. 🙂

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