Freitagsflügel – 12.06.2020

Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

In seiner „Maria Stuart“ lässt unser bisher größter Dramatiker seine Hauptfigur, nach der das Stück benannt ist, aussagen: 

Man kann uns niedrig behandeln, nicht erniedrigen.

Dies ist die Denkweise derer, die das Schöne anbeten. Wir Muslime – ja nicht nur wir, die gesamte Welt – hat den Sinn für Schönheit verloren. Hat sie ihn je besessen ließe sich einwenden… wie dem auch sei: Als Muslime müssen wir, als Anbeter des Schönen, der die Schönheit liebt, auf unser eigenes Verhalten schauen. Der Gesandte des Schönen, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, lehrte seine Umma, dass es ein Zeichen der Gottesabkehr ist, sich mit den Schwächen, Mängeln und Fehlern anderer zu beschäftigen und nach ihnen zu spähen, um deren angebliches Fehlverhalten öffentlich kundzutun und anzuprangern. Dies ist das Verhalten des Teufels, der hässlich ist und das Hässliche liebt, und all seiner Geschwister im Geiste. Der vielleicht bedeutendste muslimische Repräsentant des schönen Wortes ist Mewlana Jelaleddin Rumi, möge Allah ihm barmherzig sein.  Dschelal-ed-din bedeutet: Schönheit der Religion. Diesen Beinamen erhielt er aufgrund seines Werkes in Wort und Tat. Er klärt uns über die Verhaltensweise der Anbeter des Schönen auf:

O du suchender Muslim (wörtl. Murid), gute Manieren (Edep) sind tatsächlich nichts anderes als Geduld mit jedem, der keine guten Manieren hat. Wenn du jemanden siehst, der sich über Soundso schlechte Veranlagung und Charakter beschwert, dann wisse, dass der Beschwerdeführer einen schlechten Charakter hat, wenn er schlecht über diese schlecht veranlagte Person redet, denn nur der hat einen guten Charakter, der die schlecht Veranlagten und schlecht Gelaunten geduldig erträgt. (Mewlana Rumi: Masnevi, Band IV, Vers 771ff)

Wenn jemand sagt: „Ich liebe oder ich suche das Schöne, ich liebe es! Ich finde es überall.“ So ist dies erst einmal nichts als eine leere Behauptung. 

Eines Tages kam der Prophet in eine Moschee und fragte die anwesenden Muslime: „Wer von euch ist ein wahrer Gläubiger?“ – Die Gefährten schwiegen. Irgendwann sagte Umar, möge Allah zufrieden mit ihm sein: „Wir sind wahre Gläubiger.“ – Der Gesandte des Schönen antwortete: „Jede Behauptung benötigt einen Beweis. Wo liegt der Beweis für euren Glauben?“ Darauf antwortete Umar ibn al-Khattab: „In der Fülle sind wir dankbar, Schwierigkeiten erdulden wir, mit Schicksalsschlägen (göttlicher Vorherbestimmung) sind wir wohlzufrieden.“ Der Gesandte des Schönen, der das Schöne liebt, erwiderte: „Beim Herren der Kaaba, mit diesen Eigenschaften seid ihr wahrhaft Gläubige.“ –

Einzig und allein von meinem eigenen Verhalten hängt es ab, ob ich ein wahrhaft Gläubiger bin. Die Entscheidung liegt immer nur und einzig nur bei mir selbst. Wie reagiere ich auf die verschiedenen Verhältnisse meines Lebens? –

Nicht davon, was andere über mich denken, nicht davon, wie andere mich behandeln und auch nicht davon, was ich von mir selbst behaupte oder denke – von keinem dieser Dinge hängt es ab, ob ich Würde besitze: die Würde, die gemäß unseres Grundgesetzes unantastbar sei. Warum versuchen die Menschen dann ständig sich gegenseitig zu entwürdigen, indem sie andere anprangernd sich und ihre eigene Meinung in besserem Licht darstellen möchten? Diese Menschen erniedrigen niemanden als sich selbst. Sie werden am Tag des Jüngsten Gerichts vom Schönen, der die Schönheit liebt, von Allah, dem Majestätischen, angeprangert werden für ihr hässliches Verhalten:

„‚Heute kommen Schande und Schlimmes über die Leugner, die von den Engeln abberufen, da sie stets gegen sich selbst Übles getan. Und sie bieten Frieden: ‚Nichts Schlimmes haben wir getan.‘ Nein! Gott weiß sehr wohl, was ihr stets getan. So tretet ein in die Tore der Hölle, um ewig darin zu weilen! Schlimm ist die Lagerstätte der Hochmütigen!“ (Koran, 16/27ff)

Was ist Hochmut? Dies definiert der Gesandte des Schönen: „Hochmut ist die Wahrheit nicht zu akzeptieren und andere herabzusetzen.“ (bei Muslim überliefert) Andere niedrig zu behandeln ist eine Form des Hochmuts! eine Form des hässlichen Verhaltens, andere niedrig zu behandeln ist eine Form der Anbetung des Hässlichen! Wem machen wir eigentlich etwas vor in unserer Behauptung, wir würden dem Schönen, der die Schönheit liebt, dienen…?

Maria Stuart spricht eine tiefe koranische Weisheit aus mit ihrem universalen Satz! Wenn jemand mich beleidigt oder demütigt, meint er die Oberhand zu gewinnen und im Vorteil zu sein. Der armselige Narr oder die armselige Närrin weiß da nicht, dass er oder sie gerade die eigene Seele erniedrigt hat. Unsere Seele strebt immerzu zum Göttlichen und will das Göttliche schauen: In Wort und Tat und allem! Aber wir schenken unserer Seele kein Gehör. Stattdessen schenken wir den Verhaltensweisen anderer Menschen Gehör und fokussieren uns darauf, was andere Menschen tun. Dies führt dazu, dass wir selbst zu dem Niedrigen werden, das wir meinen in anderen zu erkennen, doch sind dessen vollkommen ahnungslos. 

Barmherzig sein zu dürfen ist ein Segen,
Nicht Schwäche wie so viele Menschen meinen;
Gewährt nur denen, die ihr Herz verpflegen,
Verwehrt den Menschen, die beständig meinen.

Das Herz ist abzulesen im Benehmen.
Erleuchtet wird das Herz, wenn wir uns zähmen.

Wenn wir also schiefblicken trägt dies dazu bei, dass wir zu niedrigen Menschen werden, denn schiefzublicken führt dazu andere niedrig zu behandeln. Wer denkt, dass andere es nicht verdienen barmherzig behandelt zu werden, wird sie nicht barmherzig behandeln. Er wird sie niedrig behandeln: eben so wie er meint, dass es ihnen gebührt. Dies ist die Anbetung der Hässlichkeit. Das Gegenteil der Anbetung der Schönheit. Der Gesandte des Schönen, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, lehrte seine Umma:

Seid keine Menschen, die sich aufspielen, hochmütig werden oder Unruhe stiften. Gehört nicht zu denen, die mit etwas anderem als dem Schönen und Guten Handel treiben, denn sie verschieben ihre Taten auf morgen. (bei Heysemi überliefert: Mecmau’z-Zevaid, 5/172)

Hässliche Verhaltensweisen wirken nicht inspirierend, schöne Verhaltensweisen wirken inspirierend auf andere. Aus schönem und gutem Verhalten entwickeln sich schöne und gute Verhaltensweisen, hässliches und niedriges Verhalten provoziert weitere hässliche und niedrige Verhaltensweisen – bis jemand diese Kettenreaktion  von Ursache und Wirkung (Kausalität) durchbricht. 

Wer die Liebe lebt, ist frei,
Der Kausalität Arznei.

Doch warum sagt Muhammed (s), dass diejenigen, die mit etwas anderem als Gutem und Schönem Handel treiben, ihre Taten auf morgen verschieben? Diese Antwort gibt uns Goethe, unser deutscher Meister: „Das Falsche hat den Vorteil, dass man immer darüber schwätzen kann; das Wahre muss gleich genutzt werden, sonst ist es nicht da.“ Und im Lehrbrief sagt Goethe: „Wer sie (die Kunst) ganz besitzt, mag nur tun und redet selten oder spät.“ – Im Sure des Korans, in dem mein Name Erwähnung findet, sagt der Schöne: „O ihr, die ihr glaubt, warum sagt ihr, was ihr nicht tut?“ (Koran, 61/2) und in einem Brief, den Rainer Maria Rilke an meinem Geburtstag schrieb, sagt er: „Das Wort muss Mensch werden. Das ist das Geheimnis der Welt.“ –

Die Anbetung des Schönen muss augenblicklich stattfinden, beginnend mit dem Fokus auf das Schöne. Sich auf das Schöne zu fokussieren und sich dem Schönen auszusetzen bewirkt Heilung des Gemüts. Ein geheiltes Gemüt erst kann die Welt und ihr komplexes Wirrwarr entwirren und durchschauen. Anders ist es nicht möglich. Die Handlungen des Körpers, so Imam al-Ghazali, verändern die Beschaffenheit des Herzgemüts. Dieses Herzgemüt muss geheilt werden mittels Handlungen. Handlungen dienen dazu, so der große Jahrtausendgelehrte, dem Herzen eine Richtung zu geben. Jede Handlung, absolut jede, ohne Ausnahme wendet das Herz einer Richtung zu. Hässliche Handlungen weisen uns in Richtung Dunkelheit. Schöne Handlungen weisen uns in Richtung Erleuchtung. Wer hässlich handelt, d.h. mit etwas anderem als dem Guten und Schönen Handel treibt, wird beginnen ständig zu debattieren und zu diskutieren und dies als einen Gewinn ansehen, obwohl doch gerade Imam al-Ghazali von diesem hässlichen Charakterzug befreite, indem er die Philosophen, die sich auf bloßes Debattieren fokussierten, widerlegte. Wissen allein rettet nicht, dies sei, so Imam al-Ghazali, die Denkweise, der Philosophen, die sich im Geschwätz verloren, wie auch unser deutscher Meister, Goethe! uns lehrt. 

Wer damit beschäftigt ist, das Schlechte in der Welt zu sehen, verhält sich hässlich; ja man könnte sagen teuflisch! Denn es führt letztendlich dazu, das Schöne aus den Augen zu verlieren und zu dem zu werden, über das man doch eigentlich entsetzt war. Aus diesem Grund kann uns niemand erniedrigen. Wenn es jemand versucht, muss gemäß Scharia geantwortet werden:

„Und wer spricht schönere Worte, als der ruft zu Gott und verrichtet gute Werke und sagt: ‚Ich bin einer der Ergebenen?‘ Und nicht gleichen einander die gute Tat und die schlechte Tat. Wehre sie ab mit einer besseren Tat!“ (Koran, 41/33f)

Auch über die Bedeutung dieser bedeutsamen Worte klärt Goethe auf erstaunliche Weise auf und gibt uns ein Beispiel dafür, wie mit Menschen umzugehen ist, die versuchen andere zu erniedrigen, denn in Wirklichkeit erniedrigen sie nur sich und ihr eigenes Dasein:

Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.

Möge Allah, der Majestätische, und niemals zu denen gehören lassen, die meinen andere zu erniedrigen. Möge Er uns zu denen gehören lassen, die sich und andere erheben. Möge Allah teala gnädig und barmherzig sein. Möge Er uns vor unserem eigenen Übel, dem Übel der Menschen, der Teufel und der Welt schützen… (Amin)

O du suchender Muslim (wörtl. Murid), gute Manieren (Edep) sind tatsächlich nichts anderes als Geduld mit jedem, der keine guten Manieren hat. Wenn du jemanden siehst, der sich über Soundso schlechte Veranlagung und Charakter beschwert, dann wisse, dass der Beschwerdeführer einen schlechten Charakter hat, wenn er schlecht über diese schlecht veranlagte Person redet, denn nur der hat einen guten Charakter, der die schlecht Veranlagten und schlecht Gelaunten geduldig erträgt.

Mewlana Rumi: Masnevi, Band IV, Vers 771ff

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