„Ich muss mit ihm reden“

In Tränen aufgelöst griff sie sich ihren Schlüssel und hastete die Treppen runter.
Ein erschrockenes „Wohin?“ hallte ihr hinterher, doch sie hatte schon die Tür zufallen lassen und war bereits über alle Berge.
Es war eine kühle Nacht, merkwürdig hell für eine Oktobernacht.
Augewühlt rannte sie durch die leichte Dunkelheit, ihre Schritte hallten durch die enge Gasse wie ein Echo.
Reden. Reden. Jetzt.
Im Auto klammerten sich ihre kalten Hände an das Lenkrand, als würde sie es zerbrechen wollen.
Warme Tränen malten Spuren auf ihr Gesicht, während sie unentwegt blizelte. Spuren, die wohl dazu verdammt waren, ewig zu bleiben.
Der Blick verschwommen und unerkenntlich. 
Wie ihre Gedanken.
Nebelig.
Nichts ließ sich fassen, ergreifen, festhalten.
Ihre Seele schien durch getrübte Wolken zu irren.
Sie wollte nur so schnell es geht dort ankommen.
Denn sie musste mit ihm reden.
Jetzt. 
Augenblicklich.
Als nun auch der kalte Herbstregen einsetzte, begann sie zu zittern.
Eiseskälte draußen, Eiseskälte im Inneren der Seele.
Die Kälte schmerzte innig.
Nun war sie fast da.
Schniefte erschöpft.
Mit klammen Fingern schloss sie das Auto ab, hastete durch den mittlerweile strömden Regen.
Ihr Herz pochte bis zum Hals. Als würde es augenblicklich aus ihrem Brustkorb rausspringen wollen, sich davonmachen wollen.
Unbeholfen schlang sie sich die Arme um den Körper.
Sie mussten reden. Jetzt.
Vorsichtig, fast bedächtig trat sie ein, schloss die Tür.
Eine feine Gänsehaut zog sich langsam über ihre Arme.
Ihr Herz pochte lauter.
Taktlos.

Und plötzlich platze es aus ihr heraus.
Die Tränen vermischten sich mit ihrer Trauer, den trüben Gedanken und Sorgen zu einem heillosen Durcheinander.
Ihre Seele bebte vor Kummer. Seelenbeben.
All Das, was sich Jahre angehäuft hatte.
Innerlich gedrückt hatte, wie ein Schuh, welcher zu eng war.
All Das, was wie ein alter Wollpullover gekratzt hatte.
Innerlich gekratzt und gedrückt hatte..
All Das.
Doch endlich konnte sie mit ihm reden.
Sie war gekommen, um das Schweigen zu brechen.

Langsam trat sie einen weiteren Schritt nach vorne, sank auf den Boden und drückte ihre Stirn auf den gemusterten Teppich, während ein Schluchzen ihren zarten Körper erfasste.⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ 
                                                         „Ya Rabb. Ich bin gekommen. Ich muss mit dir reden.“

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