Freitagsflügel – 05.06.2020

Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

Im Jahre 1815 schrieb unser Joseph von Eichendorff das Gedicht „Nachtlied“. Die letzten beiden Strophen daraus lauten:

Wie weit die falsche Welt auch sei,
Bleibt mir doch Einer nur getreu,
Der mit mir weint, der mit mir wacht,
Wenn ich nur recht an ihn gedacht.

Frisch auf denn, liebe Nachtigall,
Du Wasserfall mit hellem Schall!
Gott loben wollen wir vereint,
Bis dass der lichte Morgen scheint!

Die Welt ist erschüttert. Napoleon hatte in Europa gewütet und während Goethe fleißig am Diwan schreibt, schreibt Eichendorff ein Gedicht, in dem er mit der Nachtigall (türk. bülbül) um die Wette singen möchte – wie es auch Yunus Emre und andere türkische Dichter taten. Auch der größte aller Liebesdichter, Mewlana Jelaleddin Rumi, möge Allah ihm barmherzig sein, tat Ähnliches. Mewlana Rumi dichtete während die Mongolen wüteten: 

Die Menschen fürchten die Mongolen,
Wir dienen dem Erschaffer der Mongolen.

Seinen Fokus trotz der Hässlichkeiten, die einen umgeben, auf den Schönen und Helfenden gerichtet zu haben, das ist wahre Glaubenskraft. Friedrich Schiller rief dazu auf, während die Welt in Parteiung versinkt, sich dem Schönen zu widmen und rief die „Horen“ ins Leben. 

Wundervolle Vorbilder für die heutige Zeit! Während heute die verschiedenen Gesellschaftsschichten und Lobbys um Einfluss schachern, gemäß des teuflischen Charakters, zu widerstehen und um die Gunst des Wahren und Schönen zu schachern, das ist der Charakter der Liebenden, die Geschichte schreiben werden. Die Welt ist betrügerisch, so Eichendorff. Es gibt hienieden keine Treue. Schauen wir sie uns an:

Sicherheit erhalte ich nicht durch Geld, es kann schwinden oder wertlos werden und schon gar nicht kann ich es essen, und es kann mich auch nicht vor einer Krankheit beschützen. Es kann keinen Freund kaufen – wer sich kaufen lässt, der ist kein Freund. Es kann keine Loyalität kaufen – denn wer käuflich ist, ist dem loyal, der mehr bietet.  Sicherheit ist die größte Illusion. 

Imam Ahmed überliefert: Ein Mann kam eines Tages zum Propheten und stellte ihm eine Reihe von Fragen. Eine davon war: „Ich möchte der mächtigste aller Menschen werden.“ – Der Meister der Liebenden, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, antwortete: „Setze dein Vertrauen in Allah und du wirst der mächtigste Mann auf Erden sein.“ Denn Er, so auch Eichendorff, ist der Eine, der allein treu ist. Doch hier ist auch eine Bedingung, so lehrt uns Eichendorff: „Wenn ich nur recht an ihn gedacht“… – Wenn wir uns öfter die Frage stellen, was dieser und jener Mensch von uns denkt, sind wir Sklaven von Sklaven. Wenn wir uns die Frage stellen, ob das, was wir tun, die Zustimmung Muhammeds, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, erhalten würde, dann sind wir Diener des Wahren und Schönen. Warum – er ist doch ein Mensch? – ja, ein Mensch, der in all seinem Betragen dem Wahren (arab. Al-Hak) und Schönen (arab. Al-Jameel) diente.  

Das Dienen ist heute sehr sehr negativ konnotiert. Jeder ist darauf erpicht zu herrschen. Goethe selbst wird vorgeworfen ein „Fürstenknecht“ zu sein. Er diene bloß, sei unfrei. Goethes Worte zu diesem Thema, der gar in religiösen Dingen kein Blatt vor dem Mund nahm, sind des Merkens würdig:

„Diene ich denn etwa einem solchen, der auf Kosten des Volkes nur seinen eigenen Lüsten lebt? Solche Fürsten und solche Zeiten liegen gottlob längst hinter uns. Ich bin dem Großherzog seit einem halben Jahrhundert auf das innigste verbunden und habe ein halbes Jahrhundert mit ihm gestrebt und gearbeitet; aber lügen müsste ich, wenn ich sagen wollte, ich wüsste einen einzigen Tag, wo der Großherzog nicht daran gedacht hätte etwas zu tun und auszuführen, das dem Lande zum Wohle gereichte, und das geeignet wäre den Zustand des einzelnen zu verbessern. Für sich persönlich, was hatte er denn von seinem Fürstenstande als Last und Mühe! Ist seine Wohnung, seine Kleidung und seine Tafel etwa besser bestellt, als die eines wohlhabenden Privatmannes? Man gehe nur in unsere Seestädte und man wird Küche und Keller eines angesehenen Kaufmanns besser bestellt finden, als die seinigen.

Wir werden diesen Herbst den Tag feiern, an welchem der Großherzog seit fünfzig Jahren regiert und geherrscht hat. Allein, wenn ich es recht bedenke, dieses sein Herrschen was war es weiter als ein beständiges Dienen! Was war es als ein Dienen in Erreichung großer Zwecke, ein Dienen zum Wohl seines Volkes! Soll ich denn also mit Gewalt ein Fürstenknecht sein, so ist es wenigstens mein Trost, dass ich doch nur der Knecht eines solchen bin, der selber ein Knecht des allgemeinen Besten ist.“

Doch wir Menschen fürchten uns davor. Man redete uns ein, es sei Unfreiheit. Unfreiheit wäre es, wenn ich ohne Gewissen handeln würde. Doch was sagte Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden: „Frage dein Gewissen, auch wenn die Rechtsgelehrten bereits ein Urteil abgaben.“ – Wer den Wunsch hegt zu herrschen, der muss dienen. Wer Privilegien haben möchte, die kein anderer hat, der muss mehr leisten und mehr Verzicht üben als alle anderen. Wer größeren Einfluss haben möchte, der muss sich bewusst sein, Schuld zu sein, wenn etwas nicht läuft. Schuld kann nur sein, wessen Verhalten den Unterschied machen kann. Mahnende Worte an den Fürsten richtete Goethe in einem Gedicht. Eine Strophe daraus lautet:

Der kann sich manchen Wunsch gewähren,
Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt;
Allein wer andre wohl zu leiten strebt,
Muss fähig sein, viel zu entbehren.

Wer nicht Verzicht übt, kann nicht bewirken, dass andere Verzicht üben. Dies gilt vom Vorsitzenden der Jugendgruppe bis hin zum höchsten Regierenden. Wenn jemand in einem Thema sündig ist – wer von uns ist es denn bitte nicht, Tadellosigkeit wird nicht erwartet – der sollte über dieses Thema nicht sprechen. Nicht, weil auch das falsch ist – ein Dieb, der sagt, dass Plünderei gesetzlos und unwürdig ist – lügt der denn? Nein, er hält sich nur selbst halt nicht daran. Deshalb scheint er nicht glaubwürdig. Seine bloßen Worte ohne Kenntnis seiner Taten sind glaubwürdig, wenn wir den Verstand benutzen. Erst wenn wir den Charakter des Diebes hinzuaddieren widerstreben wir ihm Glauben zu schenken.

Die großen Wissenden á la Ghazali oder Molla Husrev, den wir letzte Woche kennenlernten, lernten gar von Plünderern und Dieben – und weil sie gerade auch von ihnen lernten, führten sie die Diebe zur Reue. 

Auch dann mit der Nachtigall um die Wette zu singen, während man betrogen, beleidigt und angeprangert wird, zeugt von wahrer Ergebenheit dem Schönen gegenüber. Ich übersetzte das Buch „Lasst uns einander um Allahs willen lieben“ des Sufimeisters Muhammed El-Konyevi. In diesem Werk finden sich zahlreiche herznährende Anekdoten. Eine davon handelt von Abu Bakr, sei Allah zufrieden mit ihm. Ein Mann kam zu ihm und beleidigte ihn. Er schwieg. Jener beleidigte weiter. Er schwieg. Jener beleidigte weiter und er gab Kontra. In diesem Moment stand Muhammed, der Meister der Liebenden, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, auf, und ging. – Abu Bakr ging sofortig hinterher und fragte, ob er etwas falsch gemacht habe. Der mit den Engeln sprechende Meister der Liebenden antwortete: „Ein Engel kam herab vom Himmel und strafte jenen, der dich angriff, Lügen, doch als du dich verteidigtest, nahm Schaitan seinen Platz ein; und ich kann nicht sitzen bleiben, wo Schaitan sich aufhält.“ (bei Abu Dawud überliefert)

Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, lehrte seinem aufrichtigsten Schüler, was es bedeutet den Engelsbund nicht zu brechen. Dies geht nur, wenn auf Beleidigungen und Anschuldigungen anderer mit Besserem geantwortet wird. Wer also auf Beleidigungen und Anschuldigungen anderer mit der Erinnerung des Schönen und Guten reagiert, wer weiterhin wie Eichendorff mit der Nachtigall um die Wette singt, der wird engelsumgeben sein, der wird die Präsenz des Göttlichen verspüren… möge Allah uns zu diesen gehören lassen.

Als ich im mystischen Konya war, sagte ein Krämer zu mir: „Kennst du nicht unseren Yunus?

‚Wo ein Schläger ist, braucht’s einen Händelosen,
Und wo ein Beleidigender ist, braucht’s einen Stummen.’“

Auch im Buch des Sufis, Muhammed El-Konyevi, findet sich eine uns Achtsamkeit lehrende Anekdote über Jesus, Friede sei auf ihm: Als Jesus eines Tages beleidigt wurde, erwiderte er, wie soll es anders sein, freundliche Worte. Auf die Frage warum er so reagiere, antwortete die Seele Allahs (arab. Ruhullah): „Jeder gibt von dem Kapital aus, das er besitzt. Sie besitzen Boshaftigkeit, ich hingegen besitze nur Güte.“

„Das Betragen ist“ nun einmal „ein Spiegel, in welchem jeder sein Bild zeigt“, wie unser Dichterfürst uns lehrte. Erniedrigt steht nur der da, der sich niedrig verhält. Wer sich so verhält, wie es Abu Bakr tat, ist ein Begleitsänger der Nachtigall! 

Frisch auf denn, liebe Nachtigall,
Du Wasserfall mit hellem Schall!
Gott loben wollen wir vereint,
Bis dass der lichte Morgen scheint!
(Joseph von Eichendorff)

Möge Allah, der König der Könige, uns untergehen lassen, wenn wir uns niedrig verhalten. Möge Er uns nicht auf die Täuschungen der Niedrigen hereinfallen lassen. Möge Er uns zu jeder Zeit die Urteilskraft geben, das Wahre als wahr und das Falsche als falsch anzuerkennen. Möge Er uns allen Menschen fernhalten, die uns von Ihm fernhalten.

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