Der Preis der Integration, o Brüder!

am

Ein sehr interessantes Leben scheint auf mich zu warten – indes aufrichtig wär‘ ich lieber tot. 

Novalis am 20. Januar 1799

April und Mai und Julius sind ferne, /

Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!

Hölderlin in seiner zweiten Lebenshälfte
Auch mir ward ein besondres Los zuteil,
Ein Los zu viel für nur ein Menschenleben,
Die Prüfung liegt dort, wo ich such das Heil.
Das ist der Preis des faustschen Strebens.

In Deutschland ist das Dichterdasein schwer,
Verkünden nicht bloß Hölderlin und Goethe:
Man möchte eine Dichtung inhaltsleer
Und fürchtet eine schöne Morgenröte.

Statt Weisheit will man Weißheit, was für Narren!
Wie soll mit einem solchen Volk ich leben?
Ein Volk, das liebt im Irrtum zu verharren,
Dem die Borniertheit gilt als hohes Streben –

Und auch auf mich, Novalis, scheint ein Leben
Höchst intressant zu warten, doch beneide
Ich Tote mehr... o Hölderlin, o Theben! 
Auch ich, auch ich! Ich lebe nicht mehr gerne...

Mein Deutschland ist ein Land, das produziert,
Ein Land, das Pflichtbewusstsein lobt, doch ach!
Heißt Pflichterfüllung, dass das Menschsein stirbt?
Ist euer Menschlichkeitsgemüt so schwach?

Ich integrierte mich, o Hölderlin,
O welch Verbrechen, oh! welch schwere Tat!
Mein Herz, das einst dem Schönen hat gedient,
Es suchte nun bei Binsenmenschen Rat...

Gekühlt und distanziert nun lebe ich,
Ich sehe keine Engel mehr, nur Sterne,
Gefühllos zu berechnen. Abendlich.
O Hölderlin! Ich lebe nicht mehr gerne.

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