Über einen König der Poeten

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„Der Dichter ist eine allen Zeitaltern eigene Heldengestalt; den, wenn er einmal erzeugt ist, alle Zeitalter besitzen, den das neueste, wie das älteste Zeitalter erzeugen kann; und auch erzeugt, so oft es der Natur beliebt.“

Thomas Carlyle, schottischer Essayist und Historiker, der in Großbritannien sehr einflussreich war. Aus seinen Vorlesungen: Helden und Heldenverehrung

Dieses Land hatte einst Dichterfürsten – Könige der Poeten – sie sind nun seit sehr langer Zeit bereits tot. Deutschland ist kein Land der Dichter und der Denker mehr, es ist ein Land der Richter und der Werber. Die absolute Mehrheit richtet und ein Teil weiß die niederen Instinkte der unbewusst lebenden Menschen zu nutzen und Geld damit zu verdienen. Echte Poesie ist tot. Noch nie hat Deutschland nach Goethe so dringend einen König der Poeten benötigt. Einen König der Poeten, den gibt es nicht nur einmal. Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Poetenkönig. Er ist es, der die absolute Freiheit besitzt, soweit sie möglich ist. Denn: Der König der Poeten ist erhaben über Likes und Kritiken – Ruhm und Beifall versklaven ihn nicht. Kommerzielle Erfolge oder Anerkennung verändern ihn nicht. Wo sich jemand seines Herzensuniversums bewusst wird, achtet und respektiert er ihn. Mode und Zeitgeist verzerren nicht seine Meinung. Er ist der transzendentale Arzt nicht bloß eines Menschen, sondern der Gesellschaft. Seine Worte sind wie Herzbalsam. Er besitzt durch seine Authentizität die Fähigkeit aus Feinden Freunde zu machen. Er tut es nicht zweckmäßig, es geschieht, genauso wie Saaten nicht ihr Aufblühen verhindern können, wenn es regnet. Er ist ein Regen der verborgenen Saaten in den Herzen.

»Ein wahrer Dichter, ein Mann, in dessen Herzen die Anlage eines reinen Wissens keimt, die Töne himmlischer Melodien vorklingen, ist die köstlichste Gabe, die einem Zeitalter mag verliehen werden. Wir sehen in ihm eine freiere, reinere Entwicklung alles dessen, was in uns das Edelste zu nennen ist; sein Leben ist uns ein reicher Unterricht, und wir betrauern seinen Tod als eines Wohltäters der uns liebte sowie belehrte.«

Thomas Carlyle an Johann Wolfgang von Goethe

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