Freitagsflügel – 29. Mai 2020

Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

Im „Prolog des Himmels“ seines „Faust“ lässt Goethe den Herrn fragen:

Kommst du nur immer anzuklagen?
Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

Der Teufel, Mephistopheles, antwortet sogleich:

Nein, Herr! Ich find’ es dort, wie immer, herzlich schlecht.

Hier findet sich der Grundcharakterzug des Teuflischen: Schlecht zu denken von jemandem oder den Ereignissen auf der Welt, das ist ein Wesenszug des Teuflischen. Mephisto tut hier nichts anderes als dem Herrn zu sagen, dass er mit ihm nicht zufrieden ist. Haben wir diesen Zug nicht alle in uns? 

Sobald etwas in der Welt geschieht, das uns nicht zum Vorteil gereicht, suchen wir einen Schuldigen. Das ist der Grundcharakter der Verschwörungstheoretiker. Doch nicht nur dieser. Es ist der Charakter derjenigen, die nicht Gott als Urheber der Geschehnisse in der Welt betrachten, sondern Menschen an die Stelle Gottes erheben. 

Sie wissen alles… sie hören alles… wir können nicht mehr frei sprechen – hier bin ich jedes Mal geneigt zu erwidern: „Meinst du etwa Allah und die Engel?“ Sagt Allah im Koran nicht, dass er der beste Planer ist? Was ist ein Plan des Menschen schon im Vergleich mit der Planung der Weltgeschichte? Allah, der Majestätische, ist der Planer der Geschicke und je nachdem, wie wir uns anstellen, wird unser Schicksal angenehmer oder unbehaglich. Novalis macht auf diesen besonderen Hinweis aufmerksam, der in der deutschen Sprache steckt: „Schicksal und sich schicken scheinen mir nicht ohne Bedeutung nahe verwandt: Wie wir uns schicken, so ist unser Schicksal.“ 

So wie wir uns schicken – das heißt, wie wir denken über uns, andere und die Ereignisse in der Welt und auch wie wir uns verhalten, uns selbst gegenüber, anderen und im Öffentlichen; das formt unser Schicksal. Wer über das Verhalten anderer jammert und klagt, es ständig öffentlich ankreidet, ist im Besitz des teuflischen Charakterzugs der Nörgelei. Der Grundzug des Engel ist das Nichtbeschweren, das Annehmen dessen, was von uns nicht Beeinflussbaren. So stellt Goethe die auftretenden Engel dar:

Der Anblick gibt den Engeln Stärke,
Da keiner dich ergründen mag,
Und alle deine hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.

Bewusst und mit Vorsatz seinen Fokus auf das Schöne zu richten, das ist der Wesenszug der Engel und der Menschen, die engelhafte Züge aufweisen. Der eine Wesenszug nähert uns den Engeln an und der andere dem Teuflischen. Je nach dem, was für Charakterzüge ich besitze, werden auch meine Freunde sein. Wenn ich möchte, dass die Engel meine Freunde sind, das Förderliche, Entwickelnde, muss ich ebenfalls suchen mir den engelhaften Wesenszug des Schönblicks anzueignen. Wenn ich nirgends etwas Schönes erblicken kann, deutet dies auf mangelnden Schönblick in mir hin – Schiefblick bestimmt mein Wesen: der Wesenszug des Teuflischen. 

Vor allem wenn Menschen handeln, muss ich mir dem bewusst sein. Wir neigen dazu Menschen Schuld zuzuweisen: Weil du so getan hast, ist das passiert… es wäre nicht passiert, wenn… – dies ist in der Regel die Denkweise der Menschen, die davon ausgehen, dass das Göttliche nicht direkt in das Weltgeschehen eingreift: eine entromantisierte Sicht auf die Welt, eine Welt ohne lebendige Spiritualität! Er greift direkt ein – mittels Menschen. Auch Novalis weist darauf hin: „Unter Menschen muss man Gott suchen. In menschlichen Begebenheiten, in menschlichen Gedanken und Empfindungen offenbart sich der Geist des Himmels am hellsten.“ Im Wirken der Menschen das göttliche Wirken zu erkennen, das ist das Wesen der Engelsmenschen. Dies ist jedoch nicht möglich, wenn ständig Menschen als Schuldige identifiziert werden. Dieser und jener sei Schuld am Coronavirus – was, wenn Gott es einfach wollte! Hätte etwas gegen den Willen Gottes geschehen können? Wenn Er es zulässt, wer sind da wir in unserer grenzenlosen Arroganz, es abzulehnen und uns darüber zu beschweren? Stattdessen sollten wir den göttlichen Funken in uns nutzen und Gutes und Schönes wirken mit der uns verliehenen Kraft. Und gerade weil Allah, der Erschaffer, möchte, dass wir nicht anklagen, sondern aktiv wirken sagt Er ganz im Sinne des Herrn, den Goethe auftreten lässt:

„Jeder, der nicht mit Meinem Schicksal zufrieden ist, die von Mir gegebenen Plagen nicht erduldet, Meinen Gaben gegenüber nicht dankbar ist und sich mit der Versorgung, die Ich ihm gebe, nicht zufrieden gibt, der soll einem anderen Herren dienen außer Mir.

Jeder, der wegen der Welt traurig wird und sich sorgt, ist so, als ob er sich über Mich ärgert. Wer sich über ein Übel beschwert, ist so, als ob er sich über Mich beschwert.“ (aus Ghazalis: 40 Hadith Kudsi)

Dies hört sich streng und gebieterisch an, doch unser Schöpfer und Herr tut hier nichts anderes, als uns in Freiheit zu setzen: 

frei vom Jammern und Klagen
werden wir in die Lage versetzt,
die Stürme des Lebens zu tragen,
drum fühlen wir uns nicht verletzt.

Weil das Teuflische beständig mit dem Finger auf andere zeigt, beständig klagt und weil ihm niemals etwas recht ist, kann das Teuflische eben nicht erbaulich wirken. Um etwas erbauen zu können, entwickeln zu können, muss angenommen werden, was vom Schicksal kommt. Was ist das Schicksal anderes als Allahs allgegenwärtiges Wirken? Der Schicksalsschlag, der mich trifft, ist der Stein, mit dem ich etwas bauen kann. Das ist es eben, was Goethe und Novalis verbindet. Vielleicht hat Goethe dies in Novalis erkannt und sagte deshalb über ihn, dass er hätte ein Imperator der deutschen Literatur hätte werden können… 

Es ist eben auch dieser Wesenszug des Engelhaften, den Goethe an muslimischen Dichtern bewunderte:

„Ferner kostet’s dem orientalischen Dichter nichts, uns von der Erde in den Himmel zu erheben und von da wieder herunterzustürzen oder umgekehrt. Dem Aas eines faulenden Hundes versteht Nisami eine sittliche Betrachtung abzulocken, die uns in Erstaunen setzt und erbaut.

Herr Jesus, der die Welt durchwandert’,
Ging einst an einem Markt vorbei;
Ein toter Hund lag auf dem Wege,
Geschleppet vor des Hauses Tor,
Ein Haufe stand ums Aas umher,
Wie Geier sich um Äser sammeln.
Der eine sprach: »Mir wird das Hirn
Von dem Gestank ganz ausgelöscht.«
Der andre sprach: »Was braucht es viel,
Der Gräber Auswurf bringt nur Unglück.«
So sang ein jeder seine Weise,
Des toten Hundes Leib zu schmähen.
Als nun an Jesus kam die Reih,
Sprach, ohne Schmähn, er guten Sinns,
Er sprach aus gütiger Natur:
»Die Zähne sind wie Perlen weiß.«
Dies Wort macht' den Umstehenden,
Durchglühten Muscheln ähnlich, heiß.“

Das Erbauliche ist es, was wir in uns fördern müssen. Eine Handlung, die wir ausführen, ein Beitrag, den wir teilen – inspirierend oder nicht? Nur das Inspirierende ist es wert geteilt zu werden. Etwas, aus dem sich nichts entwickeln kann, ist weder schön noch wahr… Das Wahre und Schöne entwickelt uns, der Irrtum, das Falsche, Unwahre und Hässliche, es verwickelt uns. Entwicklung und Verwicklung! Klagen und Jammern wie Mephisto es tut, verwickelt – daraus entwickelt sich nichts, deshalb ist es weder schön noch wahr, noch gut. Und eben das liegt im Ratschlag Muhammeds, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, verborgen:

„Seid nicht schiefsinnig (arab. sui-dhan), Schiefsinnigkeit (arab. sui-dhan) führt dazu, dass falsche Entscheidungen getroffen werden.“ (bei Bukhari überliefert)

Es zeugt von der Schöne seiner oder ihrer Gottergebenheit, wenn jemand schönsinnig ist und über Schönblick verfügt. Said Nursi sagt: „Wer schönblickt, der denkt auch schön. Wer schönsinnt, der kann das Leben auch genießen!“

Möge Allah, der Schöne, uns schönblicken lassen. Möge Er uns zu engelhafteren Menschen machen und uns davor bewahren dem Teuflischen zu ähneln… (Amin)

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