Ach, wie banal die Liebe doch ist!

– Warum man bei übermäßigen Kribbeln im Bauch, lieber zum Arzt gehen sollte.

Heutzutage ist „Liebe“ wie das „Vallah“ eines Händlers auf dem Basar: nicht ernst zunehmen. Wir benutzen ein bedeutungsstarkes Wort, um einfache Emotionen zu Essen, Filmen, Orten und Ereignissen übertrieben auszudrücken. „Du weißt gar nicht, wie sehr ich diesen Film liebe! O mein Gott!“ Dabei stand Liebe mal für eine starke emotionale Bindung und Abhängigkeit. Sie stand für offene Verletzlichkeit und Vertrauen. Für Intimität und Zuneigung. Doch durch den häufigen sprachlichen Gebrauch verliert das Wort an Bedeutsamkeit. Männer benutzen es, um naive Mädchen ins Bett zu kriegen. Jede frustrierte Hausfrau, um eine Affäre vor ihrem Ehemann zu verstecken. Und jede Auslandsreisende, die mit „well …“ einsteigt, um ungefragt etwas aus ihrem Jahr in Australien zu erzählen. Schlimmer find ich aber, falsche Emotionen der Liebe zuzuschreiben. Eifersucht und Überwachungszwang sind nicht Teil der Liebe, sondern von Minderwertigkeitskomplexen und Vertrauensmangel. Aggression und Wut entstehen durch Enttäuschung und Angst. Noch nicht konkret genug?

Hier ein paar Beispiele:

1. Beispiel: Schmetterlinge in der Faust.

Ein Bekannter war in der achten Klassen in ein Mädchen verliebt. Jede Pause sagte er, dass er gleich hingehe und ihr seine Liebe gestehen will. Wochen vergehen. Endlich kommt der Tag, an dem er Worten Taten folgen lässt. Fokussiert schaut er auf das Mädchen. Er sagt nur noch: „Jetzt sag ich es ihr“, steht auf und stampft auf sie zu. Er steht vor ihr, sie schaut neugierig zu ihm. Er schreit: „ICH LIEBE DICH!“, und schlägt unkontrolliert auf sie ein. Leute ziehen ihn zurück. Das Mädchen würde zum Glück nicht schlimm verletzt.

2. Beispiel: Romeo und Julia.

Ein 13-jähriges Mädchen, welches zwangsverheiratet werden soll, verliebt sich auf einem Maskenball in einen Jungen, einer verfeindeten Familie, den sie zum ersten Mal sieht. Sie führen ein Gespräch am Fenster des Mädchens, bei dem sie abmachen zu heiraten. Die Familien sind dagegen. Freunde und Familienmitglieder der Beiden sterben ihretwegen. Der Plan des Mädchens, einen Scheintodtrank einzunehmen, um in eine Krypta gelegt zu werden und dann, mit ihrem Geliebten zu fliehen, gelingt. Der  entscheidende Brief erreicht Romeo nicht. Er hört nur von ihrem Tod, begibt sich zu ebendieser Krypta, um sie regungslos daliegen zu sehen. Aus Trauer vergiftet er sich und stirbt neben ihr. Julia wacht auf und sticht sich selbst ebenfalls in die Brust.

3. Beispiel: „… i would jump in front of a train for you …“

Ein junges Liebespaar, in einer einjährigen Beziehung. Bis dahin war es eine schöne Zeit, doch das Mädchen fühlt sich schon seit längerem eingeengt. Weil sie ihn nicht verletzen möchte und ihn liebt, erträgt sie es. Zeit vergeht, sie kann es nicht mehr in sich halten und erzählt ihm, dass sie neue Erfahrungen machen möchte. Leben möchte. Sich mit ihren 17 Jahren nicht festlegen möchte. Weil sie gar nicht wisse, was sie wirklich wolle. Ihr Freund sieht das nicht ein. Sie streiten sich und es kommt zur Trennung – vom Mädchen initiiert. Der Liebeskummer trifft beide hart. Monate vergehen. Der Junge sieht, wie gut seine Ex über ihn hinweg ist und es scheinbar problemlos schafft, ohne ihn zu leben. Mehrere Zurückeroberungsversuche vom ihm sind gescheitert. Er fällt in ein Stadium der Lethargie und kommt zum Schluss, dass sein Leben ohne sie kein Sinn hat. Seiner Mutter sagt er, dass er kurz herausgeht. Die Mutter meint nur, dass er aufpassen und vor dem Abendessen zurück sein soll. Er setzt seine Kopfhörer auf und hört Musik, in der Hoffnung noch irgendwas fühlen zu können. Es ist ein strahlender Sommertag. Er steigt in die Bahn. Mit ihr fährt er außerhalb der Stadt. Er steigt aus und spaziert auf einer Wiese, auf der Zuggleise verlaufen. Bruno Mars „Grenade“ dröhnt aus seinen Kopfhörern. Die Zeile: „I would jump in front of a train for you …“, hallt in seinem Kopf. Er zieht seine Jacke aus, faltet sie und legt sie neben die Gleise. Darauf sein Handy und die Kopfhörer. Er geht weiter auf den Schienen. Ein Zug kommt ihm entgegen. Er weicht nicht aus. –

Die Eltern bekommen die Nachricht und brechen zusammen. Ein Junge, der sich selbst das Leben nimmt und seiner Familie nur seine zerstückelte Leiche hinterlässt, die schwer zu beerdigen ist. Alles im Namen der Liebe.

Das ist Liebe! Oder doch nicht?

Der Begriff der „Liebe“, ist mittlerweile ein Wort ohne Bedeutung. Ein Begriff, der benutzt wird, um etwas zu beschreiben, was man selbst nicht versteht. Ein Begriff, der einem täuschenden Gefühl, eine mystische Erhabenheit gibt, eine autopoetische Natur zuschreibt, und somit das logische hinterfragen verbietet. Die Geschichten oben sollten zeigen, welche absurden und teils krankhaften Züge ein unreflektierter Umgang mit Gefühlen anrichten kann.

Lasst uns kurz der „Liebe“ die Magie entziehen, uns trauen zu fragen, was sich wirklich hinter der Maske versteckt:

Der Junge aus Geschichte Nummer eins war nie wirklich ein emotionaler Typ. Eher ein Macho, der gerne seine Dominanz beweist. Aufgewachsen in einem strengen Elternhaus. Dass er plötzlich neben seiner Wut und Frust, auf einmal Zuneigung empfand, überforderte ihn wahrscheinlich. Als er ihr dann diese Zuneigung gestehen wollte, überkompensierte er und verlor die Kontrolle.

Geschichte Nummer zwei. Julia ist verzweifelt, sie muss einen älteren Mann heiraten, den sie nicht kennt. Sie sieht Romeo, findet ihn süß und schwärmt von einem Leben mit ihm. Jung und naiv, wie 13-Jährige eben sind. Romeo ist abenteuerlustig und Julia ist die Prinzessin in Nöten, die er retten kann, um sich zu beweisen. Er bezirzt sie und gewinnt ihr Herz, durch einfache Worte, deren Umsetzung so nicht möglich sind. Romeos Freund wird von Julias Familie umgebracht, wodurch das Erobern von Julia, teil seiner Rache wird. Julia ist verzweifelt und klammert sich an Romeo, da er die einzige Hoffnung für sie scheint, um der forcierten Trauung und einem Leben voll Trauer zu entkommen.

Der junge aus der dritten Geschichte hatte schon immer depressive Züge. Er sprach öfter davon sich selbst umzubringen. Seine Freunde redeten ihm ein, dass er so nicht denken dürfe. Sie hören ihm nicht zu. Aus diesem Grund verschloss er sich ihnen gegenüber zu diesem Thema. Die Emotionen und Hormone, die ihn durchfuhren, während er mit seiner Freundin zusammen war, überdeckten das Gefühl der Leere, dass er schon immer in sich trug. Mit dem Schlussmachen, verlor er seinen Sinn im Leben. Dazu der Schmerz des Verlassenwerden und der Gedanke, nicht gut genug zu sein: diese trieben ihn in den Suizid.

Komm zum Punkt! Was ist denn jetzt Liebe?

In der Psychologie beschreibt man drei Formen der Anziehung.

1. Die sexuelle Anziehung: Man findet jemanden attraktiv, das Gehirn sendet Hormone aus, die den Sexualtrieb ankurbeln. Man möchte sich paaren. Ein Überlebensinstinkt, der in dem Menschen verankert ist, um unser fortbestehen zu gewährleisten. Das passiert in der Regel, während der Kennenlernphase.

2. Die Verliebtheit: Das Kribbeln im Bauch, die rosarote Brille beschreibt ungefähr die ersten neun Monate bis zwei Jahre. Man kennt sich noch nicht so gut und muss sich langsam aufeinander abstimmen. Jedes Mal, wenn wir bei unserem Partner sind, kuscheln, uns berühren, schüttet der Körper Oxytocin aus. Was sich äußert durch starkes Wohlfühlen und Kribbeln auf der Haut. Fehler werden akzeptiert oder teilweise sogar als sympathisch angesehen: „Das Schnarchen und grunzen wie ein Ork im Schlaf, ist ja doch irgendwie süß“. Man schwebt auf Wolke sieben und das Leben ist schön. Denn Oxytocin ist dasselbe Hormon, das unser Gehirn ausschüttet, wenn wir Opium zu uns nehmen: Kein Wunder also. Auch der Grund, warum man süchtig nach „Liebe“, oder besser nach körperlicher Zuneigung werden kann. 

Nach dem man sich an den Partner gewöhnt, schüttet unser Körper dieses Hormon nicht mehr aus. Die rosa Brille fällt ab. Man streitet sich öfter. Socken liegen lassen wird als Kapitalverbrechen angesehen. Auch der Grund warum viele Beziehungen in diesem Zeitraum auseinander brechen.

Als drittes und letztes spricht man dann von der Liebe: Die Hormone sind abgeklungen. Man sieht seinen Partner, als die Person die sie wirklich ist. Nicht mehr als euphorische Interpretation und Verherrlichung seiner Hormone. Fehler werden akzeptiert oder Veränderung findet statt. Es entsteht eine Routine. Man geht aufeinander ein. Kennt sich auf einer tieferen, sensibleren und intimeren Ebene. Es ist nicht mehr aufregend, es ist kein Kribbeln oder Feuerwerk. Es ist ruhig. Vertrautheit und Intimität definieren nun die Beziehung. Vertrautheit, die von Tag zu Tag wächst.

Liebe ist keine Achterbahn, kein stetiges Auf und Ab, kein Gefühlschaos und Aufregung. Es ist ein ruhiger Fluss, eine Zuflucht. Ein sicherer Hafen, in dem man vor dem Stress des Alltags Sicherheit findet. „Offensichtlich zwei, doch eins in der Seele, du und ich“, formuliert es Rumi.

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