Ästhetik der Gottergebenheit

Von vielen zitiert, von jedermann gerühmt, doch was ist mit dem Hadith: „Allah ist schön und liebt das Schöne“ gemeint? Der Begriff ‚schön‘, was bedeutet er? Liegt Schönheit nicht im Auge des Betrachters? Ist Schönheit nicht subjektiv?

Die islamische Antwort darauf: Schönheit ist nicht subjektiv, doch wird vom Subjekt hervorgebracht. Dass sie vom Subjekt hervorgebracht wird, sagte bereits unser Schiller. Seine schillernden Ideen stehen im Einklang mit denen, welche die islamische Lehre verkündet.

Schön, ästhetisch oder anmutig – im Alltag synonym verwendet. Ein Zeitungsartikel reicht nicht aus, diese Begriffe und ihre Unterschiede im Detail zu betrachten. Doch sie synonym zu verwenden schränkt das Ausdrucksvermögen stark ein. Drum ein extrem kurzer Überblick: Ästhetisch kann sowohl Schönes als auch Hässliches sein. Alles, was die Sinne bewegt, d.h. die menschliche Wahrnehmung beeinflusst, gehört zur Ästhetik. Ästhetik ist der Oberbegriff.

Schön ist das, was einen wohltuenden Eindruck hinterlässt. Dies kann sowohl etwas Sinnliches, d.h. etwas für das Auge Fassbares sein, als auch etwas Geistiges, d.h. etwas, das vom Verstand oder Herz gefasst werden kann. Und Anmut ist seit Schiller das, was Sinnliches und Seelisches im Ausdruck vereint.

Wenn nun im Alltag gesagt wird: „Das ist schön“, so ist mal schön und mal anmutig gemeint. Wenn von der Schönheit eines Menschen die Rede ist, so ist meist sein Aussehen gemeint. Auch, aber seltener, wird schön als Attribut des Verhaltens verwendet. „Er verhält sich schön“ oder „Sein Betragen ist schön“. Letzteres wäre genau genommen anmutig. Überall dort, wo sich die Seele für das Auge sichtbar ausdrückt, d.h. der Mensch in eine Handlung Seele hineinlegt, handelt es sich um Anmut.

Im Türkischen werden die Worte ‚gut‘ und ‚schön‘ synonym verwendet. Wenn die Aussage Muhammeds, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, über den Charakter übersetzt wird, wird es immer mit ‚schön‘ übersetzt, obwohl es im arabischen Original nicht vorkommt: „Ich wurde gesandt, um den guten (im Türk. schönen) Charakter vollkommen zu machen.“ Erinnern wir uns an diesem Punkt an das Hadith, das jedermann liebt: „Allah ist schön und Er liebt das Schöne.“ Würde Allah etwas lieben, das nicht gut ist? Das bedeutet: Alles Schöne ist gut. Wo etwas nicht gut ist, kann es nicht schön sein. Wo etwas nicht schön ist, kann es nicht gut sein.

Eine schwere Krankheit würde der Mensch weder als gut noch als schön bezeichnen. Wenn diese Krankheit jedoch dazu führt, dass der Charakter des Menschen sich verbessert, so ist sie ästhetisch. Charakter verbessern bedeutet Menschlichkeit auszubilden. Schicksalsschläge und Missstände sind ebenso zu betrachten. Sie wirken unschön, hässlich, doch in ihnen ist Medizin verborgen. Bestimmte Krankheiten benötigen schwere Medikamente, eine harte Therapie. Keiner käme auf die Idee einen Arzt, der ein Medikament mit eventuell gravierenden Nebenwirkungen verschreibt als hässlich oder schlecht zu bezeichnen. Ein Mensch, der charakterlos ist, dessen Herz ist von Krankheiten befallen. Je nach Art der Herzenskrankheit wird ein bestimmtes Medikament benötigt. Dieses Medikament tritt mal in Form von Schicksalsschlägen, mal in Form einer Ratschlag gebenden Person auf. Körper reagieren unterschiedlich auf bestimmte Medikamente; so reagieren auch die Herzen der Menschen unterschiedlich auf das Medikament, welches ihnen von Allah, dem Schönen, verabreicht wird. Alles, was auf dieser Erde geschieht, besitzt vom göttlichen Standpunkt aus Ästhetik. Sogar der Mord an unschuldigen Menschen. Nur vom beschränkten menschlichen Standpunkt aus, erscheint etwas als hässlich. Wenn jemand aus Hass ein 3-jähriges Kind ermordert, so ist es eine Gräueltat. Vom Standpunkt Allahs, des Schönen, stirbt es in völliger Reinheit – es ist direkt im Paradies. Ohne Rechenschaft, Befragung oder dergleichen. Wie schön es sein muss, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen, in ewiges Glück überzugehen! Dieses Kind wird im Jenseits von sehr sehr vielen beneidet werden… Nach den Gesetzen dieser Erde jedoch, missachtet derjenige, welcher auch nur einen unschuldigen Menschen verletzt, das, was Allah als schönes Verhalten bestimmt hat.

Nur in der Bedeutungswelt darf der Tod eines Kindes als ästhetisch betrachtet werden. In der Welt der Handlungen ist der Tod eines Kindes verursacht durch die Perversion eines oder mehrerer Menschen eine Schande, ein Unrecht ohnegleichen, welches Strafe, Abrechnung und Vergeltung nach sich ziehen muss und wird. Etwas, das göttliche Vergeltung nach sich zieht, ist niemals schön und niemals gut. Nur ein schwer krankes Herz begeht solche Missetaten. Einen Menschen davon abzuhalten einem Kind oder einer Frau Gewalt anzutun, ist schön – selbst dann, wenn aus Notwehr Gewalt geübt werden muss. Diese Art der Gewalt führt dazu ein Unrecht zu verhindern. ‚Was für ein guter, was für ein schöner Mensch, der sein Leben einsetzt, um das anderer zu retten!‘ Trotz der Gewalt, die eventuell geübt werden muss, würde ein solcher Mensch Lob erfahren.

Wenn eine Gräueltat nicht verhindert werden kann oder Tod durch eine Naturkatastrophe verursacht wird, so muss dies aus Sicht der Bedeutungswelt betrachtet werden. Ein Erleidender (arab. Mazlum) zu sein, erhebt den Leidenden, wenn er es standhaft trägt. Standhaft zu ertragen ist ein Ausdruck eines von menschlicher Würde geprägten Charakters. Die Liebe Allahs, d.h. Desjenigen, Der das Leid sendet, überwiegt den Schmerz. Dies gehört zu den Glaubensgrundsätzen der islamischen Lehre. Die Frage der Theodizee stellt sich für den Muslim nicht: Gutes und Schlechtes kommt von Allah, dem Gerechten. Wo jemand in Jammern und Anklagen ausbricht, deutet dies auf einen Mangel von Liebe und Würde im Charakter hin. Dazu sagt Allah, Der das Schöne liebt, in einem Hadith Qudsi:

„[…] Jeder, der nicht mit Meinem Schicksal zufrieden ist, die von Mir gegebenen Plagen nicht erduldet, Meinen Gaben gegenüber nicht dankbar ist und sich mit der Versorgung, die Ich ihm gebe, nicht zufrieden gibt, der soll einem anderen Herren dienen außer Mir. Jeder, der wegen der Welt traurig wird und sich sorgt, ist so, als ob er sich über Mich ärgert. Wer sich über ein Übel beschwert, ist so, als ob er sich über Mich beschwert. […]

Wer Allah liebt, verhält sich würdevoll. Er nimmt an, was ihm vom Schicksal, d.h. von Allah trotz aller Vorkehrungen und angewandten Mittel, zuteil wird. Wie viele Gelehrte wurden eingesperrt, weil sie nicht der Ideologie der Herrscher gehorchten, doch sie duldeten aus Liebe zu Allah. Was ist schöner als einen würdevollen Menschen anzusehen? Ein für das Auge attraktiver Mensch verliert all seine Schönheit, wenn er sich abscheulich verhält, doch ein für das Auge unattraktiver gewinnt unermessliche Schönheit, wenn er sich würdevoll verhält.

Schön ist es, kein Unrecht zu tun, und mindestens genauso so schön, vielleicht sogar noch schöner, auf ein Unrecht liebe- und würdevoll zu reagieren. Ja, „Allah ist schön und Er liebt das Schöne.“ Würde Allah jemanden, den Er nicht liebt, ewiges Glück gewähren? Den Mumin, d.h. denen, die ihre Gottergebenheit in Handlungen ausdrücken, denen, die ihre Handlungen mit Seele füllen, ihnen verspricht Allah das Paradies. Beim Mumin sind sowohl die Taten als auch die Absichten schön. Sowohl der körperliche, materielle Aspekt der Handlung, als auch der seelische, geistige, immaterielle Aspekt der Handlung.

Das von Allah am meisten geliebte Geschöpf ist Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Er ist der mit dem vollkommensten Charakter. Er wurde nur gesandt, um uns zu lehren, was Charaktervervollkommnung bedeutet. Nichts ist Allah, dem Schönen, lieber, als dass ein Mensch seinen Charakter vollkommener macht. Der schöne Charakter ist die zur Materie gewordene Seele. Der schöne Charakter ist Göttlichkeit auf Erden. Wie sieht dieser Charakter nun aus? Was lehrte Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden? Ein Hadith Qudsi vom Imam al-Ghazali überliefert, möge Allah ihm barmherzig sein, fasst gut zusammen, was der letzte Gesandte Allahs der Menschheit lehrte:

„‚O ihr Menschen! Zu euch ist Belehrung gekommen und eine Heilung für eure Krankheiten im Herz.’ (Yunus, Sure 10, 57) Wenn dies so ist, warum tut ihr nur denen Gutes, die euch Gutes tun; geht nur zu denen, die zu euch kommen; sprecht nur mit denen, die mit euch sprechen und spendiert nur denen, die euch spendieren?

Niemand ist einem anderen gegenüber überlegen. Die Gläubigen sind die, welche an Allah und Seinen Gesandten glauben. Sie erweisen denen Güte, die ihnen Schlechtes tun; suchen diejenigen auf, von denen sie gemieden werden; vergeben denen, die ihnen vorenthalten und Verrat übende verraten sie nicht. Sie sprechen mit den Menschen, von denen sie im Stich gelassen werden und bewirten auch diejenigen, die beleidigend sind.

Zweifellos bin Ich über alles informiert, was ihr tut.

Aus dieser Überlieferung lernen wir: Die Herzen von uns Menschen sind von Krankheit befallen. Sie benötigen ein Heilmittel. Der schöne Charakter ist das Heilmittel für kranke Herzen. Kein Mensch ist davon ausgenommen, da in jeden Menschen ein ‚Nafs‘, d.h. eine tierische Natur gelegt wurde. Diese zu erziehen bedeutet seinen Charakter der Vollkommenheit anzunähern; bedeutet Würde im Charakter auszubilden; bedeutet zu einem menschlicheren Mensch zu werden und dies bedeutet schließlich zu einem schöneren Menschen zu werden.

Der in Konya lebende zeitgenössische Sufi-Meister, d.h. Evliya, Muhammed El-Konyevi sagt: „Allah, der Erhabene, schuf den Menschen. Er legte die Wünsche des Nafs auf die eine und Sein Gefallen auf die andere Seite. ‚Schauen Wir, für welches der beiden sich Mein Diener entscheidet.’ Dieser Prüfung setzt Er den Menschen aus.“ Hierzu führt der Evliya folgenden Koranvers an: „Unter den Menschen ist manch einer, der sein Nafs verkauft, im Verlangen nach Allahs Wohlgefallen. Und Allah ist wahrlich gütig gegen die Diener.“ (Sure 2/207) Sein Nafs zu verkaufen bedeutet sich so zu verhalten wie Allah im angeführten Hadith Kudsi den Charakter des Mumin beschreibt, d.h. den charakterlosen Menschen mit Würde behandeln.

Wenn dieses Verhalten zur Natur eines Menschen wird, er es ohne nachdenken zu müssen und immer instinktiv tut, so besitzt er einen anmutigen Charakter. Seine innere Natur hat sich gewandelt. Anmut bedeutet mehr noch als Schönheit; sie ist die zur Regel gewordene Schönheit. Dies ist das Nafs Mutmain: Der anmutige Mensch, der sich immer auf eine Art und Weise verhält, die der Schönheit entspricht. Wer immer entsprechend des Schönen handelt, der wird von Allah geliebt, denn „Allah ist schön und er liebt das Schöne.“ Aus diesem Grund werden die Sufi-Meister von ihren Schülern auch Seyda, d.h. der Geliebte, genannt. Denn sie werden von Allah geliebt. Die Schönheit drückt sich nicht bloß in Handlungen aus, sondern auch in der Denkweise. So sagt Muhammed El-Konyevi, dass jemand, der einem Bedürftigen etwas spendet, dankbar dafür sein muss, das dieser es annimmt. Wenn dieser es nicht annehmen würde, so könnte jener nicht wohltätig sein.

Allah liebt den schönen Charakter. Wer also von Allah geliebt werden möchte, muss sich bemühen seinen Charakter zu verschönern. Alles, was dazu beiträgt, dass der Charakter schöner wird, ist ebenfalls schön. Denn es wirkt formend und bildend. So gewinnt auch das, was unschön scheint, ästhetisch an Wert; wenn es nur bildend wirkt, wie erwähnt eine Krankheit, ein anderer Schicksalsschlag oder auch Kritik. „Allah ist schön“, und wer von ihm geliebt werden möchte, muss versuchen sich schön zu machen, so wird er zu dem Schönen, das Er liebt.

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