Romantisch im Ilsetal

Liebes Tagebuch,

ich bin gerade auf den Spuren Heinrich Heines… ja, ich bin im Ilsetal! Die Ilse fließt zu meiner rechten prinzesslich hinunter – als ich an den Ilsefällen war, wagte ich es ein Gedicht ihr zu Ehren zu verfassen. Es wurde etwas anzüglich, weshalb es sich vielleicht nicht ziemt, es hier zu teilen. Ein anderes Mal inschallah… Mein Herz atmet frei… wie Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, in die Höhle bei Mekka – die Hira – ging, flüchte ich von den Menschen hierher, in den Harz, meine Hira! Die Engel umgeben mich, ich fühle sie, ich fühle das Wehen Gabriels Flügelschlag! Fühle, wie er mit uns ist… doch es lauschen so wenige… warum fliehen wir vor ihm?

Der Flügelschlag, er spricht mit dir,
Sag wohin möchtest du nur fliehen?
Erhör den Sang des Wesenswir,
Er wird dich in den Himmel ziehen!

Heute ist der letzte Tag des Ramadan und neuanfängliche Atmosphäre liegt in der Luft. Damals hat alles mit Goethes Faust angefangen – als ich mit 16 dieses Werk in die Hand nahm, erhielt mein Leben einen solchen Riss, wie es ihn danach nur noch einmal erlebte, als ich mit Konya bekannt wurde. Nun, es ist Zeit für einen weiteren Riss! Ich bin 28 – Das Alter mit dem Novalis starb, das Alter mit dem Sultan Ahmet I. starb. Beides große Dichter! Ich habe als Kind bereits gedacht, dass ich in frühen Jahren sterben werde. Aus diesem Grund fürchtete ich mich selten, wenn ich etwas in Angriff nahm noch vor der Meinung anderer Menschen. Wer sich beim Atemholen nicht gewiss ist, ob er auch wieder ausatmen wird, der fürchtet sich nicht vor der Macht der Menschen. Und macht nicht eben das mein Leben so wertvoll und erlebenswert? Wenn ich darüber nachdenken würde, was dieser und jener denkt, so bliebe kein Schwung und kein Raum für die Engel und ihre Gesellschaft. 

Kinder sind beständig von Engeln umgeben, denn sie leben das leichte und wundervolle Leben, das in ihnen ist! Sie heizen den göttlichen Funken beständig an! Wieso also nicht es ihnen gleichtun? Seit jeher sagen es die Weisen und Dichter, dass doch das Kind es ist, dem es nachzueifern gilt. Doch wir sagen nun, dass es eine alte Leier sei. Als wir begannen so zu denken und zu sprechen, hörte die Magie des Lebens auf und die Erde wurde entromantisiert… ich habe den Eindruck, wenn nur einer den göttlichen Funken in sich anheizen würde und ohne Furcht vor der Macht der Gesellschaft das Licht in sich zum Vorschein bringt, so würde das ganze Land wieder anfangen zum Gedicht zu werden. 

Wenn ich alleine so wandere lächle ich und auch die Menschen lächeln mich an! Sie befremdlichen mich nicht. Wenn ich mit meiner Frau hier unterwegs bin, befremdlichen sie mich zuweilen, leider häufig! Wie schwer es doch für eine Frau ist, die sich dazu entschließt ein Kopftuch zu tragen… wenn ich alleine wandere, bin ich für die Menschen ein anderer und wenn meine Frau bei mir ist, scheine ich ein anderer… das ewige Leid des Menschen! Habe ich mich nun verändert nur weil mein Partner ein Stück Tuch auf dem Kopf trägt? Bin ich nicht mehr Ahmet? Und was, wenn ich gar nicht Ahmet wäre, wenn diese Frau nicht an meiner Seite wäre? Was, wenn ich dann weniger lächeln würde? Würde ich dann akzeptiert werden? Goethe klagt den Charakter der Deutschen in diesem Sinne eben an: „Habt doch mal die Courage euch erheben zu lassen, euch rühren zu lassen…“ Ich kenne auch wundervolle Ausnahmen – doch auch diese Ausnahmen bestätigen, dass es schwer ist, das deutsche Volk zu begeistern! Nun, wer es in dieser durch und durch areligiösen Welt schafft, Muslim zu sein, der schafft auch alles andere. Ein Lyriker begeistert, er erregt das Gemüt! Novalis sagt, Worte sind dem Dichter wie Tasten auf dem Klavier, mit jedem Wort erregt er einen anderen Klang in der Seele. Ich möchte Lieder komponieren, wie sie noch nie zuvor komponiert wurden! 

Der Eintrag wird schon wieder sehr lang… aber ohne Poem soll es nun einmal nicht enden…

Es ist der Lebensfluss, der Waldesrausch,
Der mich durchdringt im Harzgebirge,
Entfesselt und erregt werd ich in Bausch
Und Bogen, welches Herzgewirbel!
O sing dein Wehensang, o Türkentaube,
Mein Herz ist wie in einer Wiege,
Welch Friedensmut entströmt, welch Quellenglaube
Führt mich zur Quelle aller Siege?!
Soll ich so weiter dichten, mich zu richten,
Zu dichten, richtet ja Gemüter –
Soll ich so weiter dichten, um zu lichten,
Zu lauschen macht uns ja erglühter…
Prometheusgleich entzünde ich das Feuer
Und Menschen fangen an zu sehen!
Die Kunst der Künste ist es Ungeheuer
Des Herzens zähmend zu verdrehen.

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