6. Eintrag – tätigsein wie Domino

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Liebes Tagebuch,

gestern war ein großer Tag! Wir Stipendiaten durften gestern mit der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration im Kanzleramt sprechen! In Kürze: Sie war sehr herzlich, menschlich – nicht kühl, nicht politisch überkorrekt. Sie sagte, dass sie stolz auf unsere Arbeit ist – die Arbeit von uns Studenten muslimischen Glaubens! In einem Klima aufgewachsen, dass uns immer zwang uns zu rechtfertigen, waren diese Worte ein Balsam für Wunden der Vergangenheit! Sie wünsche sich, dass wir uns weiterhin engagieren und einbringen –

Eben zur rechten Zeit versuche ich meinen Beitrag mit flügelwind zu leisten. Was wir alle nötig haben ist schöngeistige Nahrung…  

Ich muss lernen mich mehr und mehr zu universalisieren. Wenn Yunus Emre dichtet: „Ich liebe die Geschöpfe / Um ihres Schöpfers willen“, so ist das der Aufruf dazu, die Welt aus der Perspektive meiner Mitgeschöpfe zu betrachten. Wir sind uneins mit anderen, warum? Eins sein würde bedeuten, die Welt aus der Perspektive anderer zu betrachten. Aus Perspektivenwechsel wächst das Verständnis. Wo Verständnis ist, dort wird man einiger. 

Ich habe wieder über Schiller gelesen! Thomas Manns „Versuch über Schiller“ – ein unglaubliches Werk! Mir wird zuweilen der Vorwurf gemacht, dass ich zu romantisch sei. Kritik muss mindestens einmal ernstgenommen und bedacht werden. Warum wird mir der Vorwurf gemacht? Weil ich politische Angelegenheiten nicht kommentieren mag. Derselbe Vorwurf wurde Goethe gemacht. Derselbe Vorwurf wurde Schaikh Mewlana Rumi gemacht. Was sagte Thomas Mann über Schiller, der seine Aufmerksamkeit ebenfalls nicht auf das politische Geschehen seiner Zeit richten wollte. Das ist nicht Gleichgültigkeit. Es ist bewusster Fokus! Nur ein edler Geist erkennt die Würde, die hinter einer solchen Verhaltensweise steckt. Nun, was sagt Thomas Mann 1955:

Arbeit am Geist der Nation, ihrer Moral und Bildung, ihrer seelischen Freiheit, ihrem intellektuellen Niveau, das sie in den Stand setze, zu gewahren, daß andere, unter verschiedenen historischen Voraussetzungen, einem verschiedenen Ideensysteme, einer anderen sozialen Gerechtsame Lebende, auch Menschen sind; Arbeit an der Menschheit, welcher man Anstand und Ordnung, Gerechtigkeit und Friede wünscht statt gegenseitiger Anschwärzung, verwilderter Lüge und speiendem Haß, – das ist nicht Flucht aus der Wirklichkeit ins Müßig-Schöne, es ist bewahrender Dienst am Leben, der Wille, es zu heilen von Angst und Haß durch seelische Befreiung.

Wie wahr er spricht! Novalis sagt es: „Der Poet ist der transzendentale Arzt.“ Wovon muss der Poet heilen? Von Vorurteilen wie es Goethe sagt:

Wenn ein Dichter lebenslänglich bemüht war, schädliche Vorurteile zu bekämpfen, engherzige Ansichten zu beseitigen, den Geist seines Volkes aufzuklären, dessen Geschmack zu reinigen und dessen Gesinnungs- und Denkweise zu veredeln – was soll er denn da Besseres tun? Und wie soll er denn da patriotischer wirken?

Von Vorurteilen befreien. Wie geht das? Indem die Urteilskraft geschärft wird. Um vom Vorurteil zum Echturteil zu gelangen. Echturteil bedeutet Weisheit. Von Urteilskraft handelte auch ein Freitagsflügel vor zwei Wochen. Dafür ist Kunst da… sie soll uns bilden, offenkundig oder subtil, um schönsinniger zu werden. Schönsinnig ist das Gegenteil von schiefsinnig. Nur schönsinnig ist es möglich, Dinge im ins rechte Licht zu rücken. Dass ich öfter darauf zu sprechen komme, verdeutlicht die Wichtigkeit der Schönsinnigkeit. 

Der Ramadan neigt sich dem Ende. Bisher brachte er einige Erkenntnisse, elhamdulillah. Heute las ich etwas im Koran… Der Allwissende sagt in Sure az-Zumar, dass es eine Eigenschaft der Paradiesesbewohner ist, keinen Dank zu erwarten, für das, was sie tun. Gleichzeitig sagt Er in Sure al-Insan: „Euer Mühen findet Dank.“ – Erwarte es nicht, aber du wirst es bekommen. Aber sei nicht so respektlos, etwas nur gegen Gegenleistung zu tun… das ist Islam… das ist Edep… Achtung! Das wurde mir bewusst… und ich las anderer Stelle: „Wie schön ist der Lohn der Handelnden.“ (39/74)

Das war es, was Goethe zum Islam hinzog: Das Tätigwerden in der Welt! „Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen“, lässt Goethe einen Chor im zweiten Teil seines Faust aussagen… ja! 

Ich zitiere gerne unsere Größen und damit ist für mich alles gesagt. Aber Menschen wollen es, dass ich selbst zitierfähiges ausspreche. Nun denn…

Ob eine Handlung gut oder schlecht ist, hängt von ihrer Wirkung auf das Herz ab. Wenn aus einer Handlung Inspiration für weitere gute Handlungen entspringt, wirkte sie wohlgünstig auf das Herz. Wenn sie im weiteren wie eine Mauer die Beförderung des Schönen hindert, wirkte sie nicht günstig – wie jemand, der die Kette der Dominosteine unterbricht. Wenn das Unschöne als schön bezeichnet wird, kann die eben formulierte Weisheit missbraucht werden. 

Worte sind eine Form der Handlung. Wenn sie sperrig für den Aufbau sind, ist es besser, sie werden nicht geäußert, selbst wenn wahr zu sein scheinen. Sie sind es nicht. Denn Schönheit und Wahrheit gehen Hand in Hand. Alles Schöne ist wahr, aber das Wahre erscheint nicht immer schön, aber aus dem Wahren geht immer Schönes hervor. Das Schöne kann erschrecken. Ein anderes Mal mehr…

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