Fünfter Eintrag – Kindheitsschwur

Liebes Tagebuch,

ich erinnere mich manchmal an Ereignisse in meinem Leben, die schon Jahre her sind. Ereignisse, die ich vergessen hatte, und plötzlich sind sie wieder im Gedächtnis. Damals sah ich die Serie „Mystic Knights“ als Kleinkind. Sie lief auf SuperRTL – damals als das letzte Mal den Kindern mit Serien noch Werte vermittelt wurden… sie ist durch und durch romantisch im literarischen Sinne. Damals wusste ich das noch nicht. Heute fällt mir auf, dass gerade diese romantischen Begebenheiten großen Eindruck auf mich machten: Sie spielt im Mittelalter, handelt von Rittern und übersinnlichen Mächten und gut und böse sind ganz klar unterteilt. Mittelalter eben. Europäisches versteht sich. Orientalisches Mittelalter sah ganz anders aus… aber das ist eine andere Geschichte. 

Meine Erinnerungen sind ein Schatz und manchmal frage ich mich, was ich mir selbst sagen würde, wenn ich mich heute sehen würde… ich wäre auch sehr wütend auf mich. Für die Welt bin ich ein bemerkenswerter Lyriker. Doch was nützt die Lyrik, wenn ein Mensch sich nicht im Zorn beherrschen kann?

Was nützen Fähigkeiten, was die Kunst,
Wenn du dich selber für was Bessres hältst?
Begriffen hast du nicht das Wichtigste:
Fehlt uns die Liebe, fehlen wir uns selbst.

Schreiben ist bloß ein Bildungsmittel… und da es nicht den Zustand „Jetzt bin ich gebildet“ gibt, sondern immer etwas gelernt werden kann, endet es auch nie. Irgendetwas kann immer besser gemacht werden… ich hatte heute wieder ein Hölderlin-Seminar. Es war wieder sehr sehr bereichernd und ich meine ein Hausabreitsthema gefunden zu haben: Hölderlins Vaterland – warum sehnte er sich nach Griechenland und was sind die Kennzeichen des von Hölderlin ersehnten Vaterlandes. Ein sehr sehr spannendes Thema!

Außerdem habe ich begonnen an einer Novelle zu schreiben! Mein ganzes Herz schlägt momentan für diese Geschichte, die mir im Herzen brennt. Mal sehen, wann ich damit fertig werde. Es ist äußerst spannend!

Erinnerungen an früher beflügeln mich. Wenn ich meinen Sohn ansehe, muss ich zwangsläufig an mich früher denken. Dann noch eine Serie, die ich damals guckte und vollendet ist die Rückbesinnung. Es sind Momente, die mir Kraft geben, wenn ich mich selbst aufgeben möchte. – Das schockiert die Menschen manchmal, dass auch ich diese Momente habe. Aber jeder Mensch benötigt flügelwind. Zwar besitzen wir alle Flügel, doch wir benötigen Auftrieb. Es gibt keinen, der ihn nicht benötigt. Wir vergessen immer, dass die Menschen, die am häufigsten lächeln, nicht oberflächlich sind – ganz im Gegenteil: Sie wissen meist, wie es sich anfühlt, am Boden zu sein und wollen anderen das geben, was sie in solch einer Situation selbst bedürfen: Lebensfreude! Es sind die Traurigen, so las ich mal, die am meisten lächeln! 

Manchmal sagen Menschen, jemand sei weise. Warum ist jemand weise? Na, weil er am meisten gelitten hat… und dann teilt er seine gezogenen Lehren, um anderen zu ersparen, was er durchmachte… so ist das Leben… und manchmal wundern wir uns auch wie jemand so oft freundlich sein kann – nun, er fühlt sich vielleicht einsam und weiß, welchen Wert Freundlichkeit haben kann… das verstehe ich unter Achtsamkeit, Achtung, Respekt… die Menschen haben Wunden, die wir nicht kennen, drum machen wir es ihnen nicht schwerer als es ohnehin schon ist. 

Ja, aber sie achten doch auch nicht auf meine Wunden – eben, weil sie es nicht besser wissen… weil sie noch nicht auf die Art gelitten haben, die nötig war – oder sie haben kapituliert, als sie litten. Leid soll reinigen, nicht dazu führen, nun auch anderen Leid zuzufügen. 

Am schwersten ist dies bei Menschen aus der eigenen Familie. Wenn hier jemand dauerhaft herunterziehend ist und ständig anklagend Energie raubt, ist es alles andere als einfach ruhig zu bleiben und diesen Energieraub zu tolerieren, da er zu häufig geschieht… eine sehr schwere Prüfung! Dies dennoch zu dulden und sich zu distanzieren innerlich und sich bewusst zu machen, dass die größte Strafe es ist, ein Energieräuber sein zu müssen, vielleicht sogar unbewusst… wie schrecklich, was solch ein Mensch irgendwann einmal durchgemacht haben muss.

Ich hoffe, ich werde niemals ein Vater, der so etwas tut. Wir wissen nicht, was morgen wird. Was wir heute verurteilen, können wir selbst morgen werden und es kann uns sogar logisch erscheinen … wenn du durchmachst, was ich durchmache, dann verstehst du mich… und was war mit meinem Kindheitsschwur: Ich werde immer so lieben, als ob ich nicht verletzt worden wäre? Das habe ich mir doch versprochen… es ist nicht leicht, doch dafür gibt es von Allah, dem Liebenden, den größten Lohn! Seine Liebe durch Achtung und Respekt auszudrücken, ist aufrichtige Liebe. Wo Liebe nicht zu Respekt und Achtung führt, ist sie egoistisch. Mithin handelt es sich dann nicht um Liebe, sondern um Selbstsucht: „Menschen geben ihren egoistischen Gefühlen den Namen der Liebe…“ sagte Schems aus Tärbis, Mewlana Rumis Meister…  

Gestern hatten wir ein gemeinsames Online-Iftar. Es war sehr bereichernd und unterhaltsam zu hören, was die anderen alle mit dem Ramadan verbinden… wir Menschen kennen uns zwar nicht alle, aber für diesen Moment haben wir Zeit miteinander verbracht und vielleicht etwas gesagt, das wir gerade in diesem Moment gebraucht haben, das uns hilft, um den momentanen Lebenssturm zu überstehen. Verrückte Welt… Menschen wissen gar nicht, was sie uns bedeuten und aus Liebe zum Anstand können wir es auch nicht immer sagen. Manchmal passt es halt nicht. Das Leben besteht daraus, zu lernen, was wo gesagt und getan werden darf oder gesagt oder getan werden muss. Möge Allah, der Leitende, meine Brust weiten, wie er sie Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, weitete… damit ich Urteilskraft erhalte und Gesetze des schönen Betragens nicht überschreite… mögen die Engel mit uns sein… (Amin)

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