Lebensquelle – Ab-i Hayat!

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Liebes Tagebuch,

ich bin erschöpft. Sehr erschöpft. Warum lächle ich, wenn mein Herz schwermütig ist? – Na eben, weil es Sunna ist. Zu lächeln ist eine Spende (arab. Sadaqa). Eine Bereicherung der Gesellschaft. Es ist gewiss nicht leicht zu lächeln, inmitten von Menschen, die beständig deine Euphorie dämmen wollen. Ob bewusst oder unbewusst. Deshalb bin ich erschöpft. Was gibt mir die Kraft zu lächeln? – Allah, der Versorger, ist es. Und kämen alle Menschen zusammen, um mir Schaden zuzufügen, sie könnten mir ja doch nur in dem Maße schaden, wie Allah, der Majestätische, es festlegte. Und kämen alle Menschen zusammen, um mir behilflich zu sein, so könnten sie mir nur in dem Maße helfen, wie Allah, der Majestätische, niederschrieb. Die Tinte ist getrocknet. 

Heute habe ich etwas übersetzt und den Freitagsflügel geschrieben, ehe ich einen Bruder traf. Davor habe ich meine Brille abgeholt. Ich habe nun eine neue. Sie gefällt mir. Morgen muss ich ein Referat halten zu Goethe und seiner Rezeption kurz nach dem 2. Weltkrieg. Ich werde immer müder, meine Augen fallen mir bald zu. 

Ich denke sehr viel über Vögel nach. Das Werk Schaikh Feriduddin Attars, die Konferenz der Vögel, muss ich unbedingt lesen. Aus diesem Grund wählte ich mir den Papagei als Anzeigebild. Der Papagei, so Schaikh Attar, steht für die Suche nach der Lebensquelle, der Quelle ewiger Jugend! Diese Quelle suchte bereits Goethe in seinem Eröffnungsgedicht des Diwans: „Unter Lieben, Trinken, Singen / Soll dich Chisers Quell verjüngen.“ Jugend ist in jedem Alter möglich. Jugend hat nichts mit Biologie zu tun. Ein Mensch, der die Engel kontinuierlich spürt, und täglich durstiger wird vom Quell zu trinken, der besitzt Jugend, denn: Du wirst zu dem, was du ersuchst. 

Meine neue Brille ist eine wundervolle Metapher. Meine Augen sehen schief. Und nur, wenn ich sie begradige, dann sehen sie deutlich. – – – Ich bin eingeschlafen und schreibe nun aufgewacht weiter. – – –

Wird unser Herz nicht ebenso getrübt von Schiefsinnigkeit? Schiefsinnigkeit geht aus lang anhaltendem Schiefblick hervor. Schiefblick bedeutet etwas entfernt vom Lichte des Schönen zu betrachten. Das Licht des Schönen ist der göttliche Funke im Herzen, der bestärkt werden muss. Bestärkt wird er mit Gebeten und Fasten, dem Andenken an große Liebende der Vorzeit, um sie nachahmend ebenfalls lieben zu lernen und die Phänomene seiner Zeit beurteilen zu können und aus ihnen nie dagewesene geistige und auch materielle Produkte hervorzubringen, um die Menschheit – gemächlich ohne Eile – auf eine immer höhere Stufe der Menschheit zu heben. Höhere Stufen Menschheit sind in einem selbst. Jeder einzelne von uns trägt zur Entwicklung der höheren Kulturstufen der Menschheit bei. Das meint Schaikh Mewlana Rumi, wenn er sagt: „Du bist ein gesamter Ozean in einem Tropfen.“ – Wenn wir Menschen doch nur erkennen würden, dass wir ein zu erforschender Ozean sind, ein zu entdeckendes Universum, dann  wären wir nur noch damit beschäftigt diesen Ozean und dieses Universum in uns zu erforschen. – Wie kann ich das Universum in mir erforschen? Indem ich nach und nach die Schiefblickerei aus mir entferne und ersetze durch Schönsinn. 

Eine Sünde sein zu lassen ist wertvoller als eine neue schöne Aktivität zu starten. So sagen es die Evliya, die Sufi-Meister – die Meister, Entdecker und Erforscher des inneren Ozeans und Universums! Warum? Weil eine Sünde ein Schiefblick ist. Solange Schiefblick in unserem Herzen nistet, kann der Schönsinn nicht schlüpfen und in Höhen fliegen und die Beschränktheit der eigenen Perspektive nicht auf der Dunya, der diesseitigen Erde, zurücklassen. Ein schönsinniges Herz erhebt sich, über sich selbst und leidet, wenn es nicht zur Erhebung anderer beitragen kann… das bedeutet beflügelt beflügeln… –

Ich wollte doch eigentlich über meine Brille sprechen… elhamdulillah! Das ist eben die Romantik! Nicht bloß Romantik! Klassische Romantik! Klassisch weil wir ein Schönes anstreben – romantisch weil wir es niemals erreichen und der Durst danach und durstig zu bleiben, der Sinn des Lebens ist. Eben wie der Papagei aus Schaikh Feriduddin Attars „Konferenz der Vögel“. Er sucht die Lebensquelle, um ewige Jugend zu erlangen! Sie zu erreichen ist nicht möglich – wer glaubt sie erreicht zu haben und nicht mehr sehnsuchtsvoll zu ihr drängt, verliert seine ewige Jugend. Der nach der Lebensquelle drängende, der ewig trinkende, der durstig bleibt, der hat vom Lebenswasser: Ab-i Hayat! getrunken! Das wahre Lebenswasser ist gesalzen, es macht dich durstiger! Und das war eben der große Fehler des Abendlandes. Sie dachten, sie wären aufgeklärt. Aufklärung verfällt in dem Moment, in dem man sich für aufgeklärt hält… Werde durstiger! Ist das Motto der klassischen Romantik! Erkenne, dass du der Ozean bist in einem Tropfen! Erkenne, dass du die Schiefblickerei in dir bekämpfen musst, um Schönsinn obwalten zu lassen in dir! Das ist der große Dschihad! Der Dschihad-i Ekber! Möge al-Jameel, der Schöne, uns beistehen, hoch erhaben ist Er! 

Ich fühle regelrecht wie die Engel mich umgeben, wenn ich mich solchen Gedankengänge hingebe… ja könnte ich mich ihnen überhaupt hingeben, wenn die Engel mich nicht umgeben würden? Wo dem Schönen gedacht wird, dorthin neigen sich die Engel hin; wo sie sich hinneigen, dort mehrt sich das Schöne. 

Jetzt lese ich zu Thomas Mann und seiner Rede zu Goethe nach 1945. Es findet sich in allem etwas Schönes für einen schönsinnigen Menschen, der Schönblick in sich trägt… Gebete und Gottesgedenken muss ich mehren. Der Ramadan endet bald… Allah, der Majestätische, schenkt ihn uns jedes Jahr. Er schenkt uns einen Freund, der so freigiebig und segensreich ist, so voller Licht und Erleuchtung… die Teufel sind allesamt in Ketten geschlagen – die Tore des Paradieses offen! Wir müssen nur hineintreten! Stattdessen gehen wir an das Höllentor und versuchen das Tor aufzureißen… was für ein großer einfältiger Narr der von Schiefblickerei geplagte Mensch doch ist! O Allah, mein Herr! Weite mir meine enge Brust… 

„Ich möchte beten wie Moses im Koran: Herr, mache mir Raum in meiner engen Brust.“ (Goethe)

Die Erschöpfung ist nicht mehr da! Das ist eben die Engelumgebung: Sie ersetzt Erschöpftheit mit Energie! Lebenswasser eben… Ab-i Hayat!

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