Freitagsflügel – 15.05.2020

am

Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

Allah, der Allhörende, sagt in Sure „Muhammed“ (47/30):

„Du wirst sie ganz gewiß an ihrer schiefen Sprache erkennen.“

Es ist unser Sprachvermögen, das uns von Tieren unterscheidet. Die Sprache ist das große Wunder Muhammeds, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Ohne Sprachvermögen könnte ich diesen Text weder schreiben noch könntest du diesen Text lesen. Ohne diese Sprache, ohne Worte könnte kein Wissen vermittelt werden. Worte sind in Hüllen verpackte Bedeutungen. Und es sind eben unsere Worte, durch die wir anderen größeren Schaden zufügen als Messer oder andere Waffen es könnten. Worte berühren die Seele, Messer nur den Körper. Was wiegt mehr: Seelischer oder körperlicher Schaden? 

Auch dann, und vor allem dann, wenn wir glauben, dass jemand ein ungerechter Tyrann sei, haben wir Muslime die Pflicht respektvoll zu sprechen. Darin sind sich die Gelehrten einig: „Sprich sanft mit ihm“ lautet die Anweisung an Musa, Friede sei auf ihm, als er zu Pharao geht – nun welcher der heutigen Herrscher ist tyrannischer? – Rhetorische Frage. Keiner. 

Liebe Geschwister, sich schön auszudrücken ist ein Gottesdienst. Geht und sagt es allen Muslimen! Sich schön auszudrücken ist ein Gottesdienst, denn Allah ist schön und Er liebt die Schönheit! Drum ist sich schön auszudrücken ein Gottesdienst. In allen Worten lebt etwas aus dem Herzen des Sprechenden. Drum können zwei Personen dasselbe sagen, aber unterschiedliches bewirken. Wenn etwas aus dem Herzen sich in meinen Worten befindet, ist es vor dem schönen Sprechen meine Pflicht dieses Herz auszuschmücken. Ohne geschmücktes Herz keine schönen Worte. Womit muss das Herz ausgeschmückt werden? Mit Nachsicht, Verständnis, Scharfsinn, Geduld, Standhaftigkeit, Schönsinn – Schönsinn. Ein wundervolles Wort. Es steht nicht im Duden und wird von Pages rot unterstrichen. Falsch geschrieben. Nun, es steht aber in Grimms Wörterbuch. Es ist recht geschrieben. Wir brauchen Schönsinn im Herzen. 

Die Kunst besteht darin das Schöne sehn zu können,
In das Geheimnis der Liebe vorzudringen,
Das Universum, die Welt, alle sollen es wissen:
Der größte Gottesdienst ist es zu lieben.
(Yunus Emre)

„Dichter sind es, die die Sprache eines Landes prägen“, beobachtet Oscar Wilde. Nun, er hat recht. Die deutsche Sprache befindet sich im Verfall – warum sollte das Wort Schönsinn sonst nicht im Duden stehen. Wir haben entweder keine qualitativen Dichter mehr oder aber sie werden nicht mehr gelesen. „Gutmensch“ als Beleidigung ist eine der sprachlichen Katastrophen der deutschen Sprache im 21. Jahrhundert. Menschen ohne Schönsinn im Herzen sprechen so… Wenn schön zu sprechen, sanft zu sprechen ein Gottesdienst und mithin das Anzeichen von Gläubigen ist, was ist das Anzeichen des Heuchlers? – Der Schiefblick. Auch das streicht Pages an. Nun: im grimmschen Wörterbuch aber existiert auch dieses Wort. Goethe verwendete es. Genauso wie er Schiefohr verwendete. Er tat es um Gedanken eines muslimischen Dichters auf Deutsch wiederzugeben. Ein Mensch ohne Schönsinn wird schiefsinnig sprechen. Schwerwiegender als unkoscheres Fleisch zu verzehren, ist es schiefsinnig zu sprechen. Schiefsinnig zu sprechen fügt nicht bloß mir, es fügt anderen Menschen Schaden zu… 

„Du wirst sie ganz gewiß an ihrer schiefen Sprache erkennen.“ (47/30)

Wer sind sie? – Die Heuchler… so sagen es Tafsir-Gelehrte. Ömer Nasuhi Bilmen (gest. 1971 in Istanbul) bringt zu Wort, was ihr Kennzeichen ist: Sie, so der Gelehrte, sprechen nicht geradsinnig, stattdessen bissig und stichelnd. Sie sagen etwas, und tun das Gegenteil und meinen getan zu haben, was sie sagten – „Bei einem Heuchler“, so der Meister des Ausdrucks, Allah segne ihn schenke ihm Frieden, „finden sich zwei Dinge nicht: Schöner Charakter und religiöses Verständnis.“ (aus Imam Ghazalis Ihya) Das Anzeichen des schiefsprechenden: Mangelnde Praxis und kein Tiefblick… 

Wir haben ein Problem mit der Sprache. Nicht einfach diejenigen, die nicht so gut Deutsch können, sondern die, die es können. Journalisten sprechen manchmal ziemlich dekadent. Was bedeutet dekadent sprechen? Auf eine Art und Weise, die abstumpfend wirkt. Das Anzeichen desjenigen, so Schaikh Mewlana Rumi, der eine schiefe Sprache besitzt, ist mangelnde Deutlichkeit. Er spricht so, dass er sich rausreden kann. Das ist nun die Sprache derer, die schiefsinnig sind… Schaikh Mewlana Rumi sagt: „Das Herz ist das Meer, die Zunge die Küste. Was sich im Meer befindet, schlägt gegen die Küste.“ – 

Diese Worte reichen aus,
Wenn du Schönsinn in dir trägst!
Edelsinn holt Wert heraus,
Wenn du Adel in dir pflegst.

Schönsinn zu entwickeln ist der notwendige Dschihad unserer Zeit. Der Dschihad Ekber! Nur wenn wir Schönsinn ausbilden, werden schöner sprechen und so wird unser Sprechen zu einem Ausdruck unserer Gottergebenheit. Dafür müssen wir Dichter konsumieren! Wir müssen uns Bücher durchlesen, die einerseits unseren Verstand schärfen und andererseits auch solche, die unsere Zunge schmücken! Das ist die Aufgabe im Leben eines jungen Menschen. 

Nun noch einige Aussprüche muslimischer Gelehrter über die Zunge:

„Die Zunge des Gläubigen ist hinter seinem Herzen. Wenn er etwas sagen will, analysiert er es mit seinem Herzen, und dann sagt er es mit der Zunge. Die Zunge des Heuchlers ist vor seinem Herzen; wenn er etwas sagen will, dann macht er es, auch ohne vorher sein Herz befragt zu haben.“ (Hasan al-Basri)

„Wer auf seine Zunge nicht aufpasst, hat den Islam nicht verstanden.“ (Hasan al-Basri)

„In der Diskussion liegt das Verderben, im Schweigen hingegen die Rettung.“ (Imam al-Ghazali)

„Zur Schönheit der Ergebenheit in Gott gehört auch das Fernbleiben von jenen Dingen, die einen nichts angehen.“ (Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden; bei Tirmidhi überliefert) – Dieses Hadith kommentiert Imam al-Ghazali wie folgt: „Der Hauptgrund, warum sich der Mensch in Sachen einlässt, die ihn nichts angehen, ist der Wunsch danach, das zu erfahren, was ihm nicht nützen wird oder der Wunsch, die Zeit in nutzlosem Gerede, was er nicht gebrauchen kann, zu verplempern.“

„Demjenigen, der darüber redet, was ihn nichts angeht, ist die Gabe der Wahrheitsliebe vorenthalten.“ (Sehl bin Abdullah Tusteri) und fügen wir dieser erkenntnisbringenden Weisheit eine Aussage unseres Dichterfürsten hinzu: „Das erste und letzte, was vom Genie gefordert wird, ist Wahrheitsliebe.“ – Und wie drückt sich diese Wahrheitsliebe aus im Menschen? Auch dies beantwortet unser schöngeistiger Dichterfürst: „Wahrheitsliebe zeigt sich darin, daß man überall das Gute zu finden und zu schätzen weiß.“ – 

Was mich nichts angeht, ist unnütz, mithin unschön! Das Förderliche ist das Schöne, doch dies verstehen nur schönsinnige! Wahrheit offenbart sich dem, der das Schöne und Gute, ganz gleich von wem sie kommt, anerkennt, doch wir? Wir achten sie nicht, wenn sie jemand unsympathisches ausspricht. Damit fesseln wir uns selbst…

Möge der Wahre und Schöne uns unsere Fesseln lösen… möge Er uns bewahren vor unnützem Gerede. Möge Er uns nur mit Dingen beschäftigen, die uns etwas angehen, möge Er uns zu wahrheitsliebenden und schönsinnigen Menschen machen… (Amin)

Bei Allah, diese Welt ist wunderschön
Für Menschen die mit Liebesaugen seh'n,
Was ist ein Mensch schon ohne Liebesfleh'n?
Verliebe Dich und fühl die Schönheit!

Bei Allah, ja! auch Du bist wunderschön!
Du zweifelst zwar und kannst es selbst nicht seh'n,
Lass von der Liebe Deinen Kopf verdreh'n,
Verliebe Dich und fühl die Schönheit!

Bei Allah, der Fauxpas, er liegt in Dir,
Denn fehlerhaft zu sein gereicht zur Zier,
Du fühlst des Lebens Schöpfung nicht im Wir,
Verliebe Dich und fühl die Schönheit!

Dein Lächeln, es verändert diese Welt!
Bei Allah, nur wer sich mit Herz verhält,
Verschönert Existenz so wie ein Held!
Verliebe Dich und fühl die Schönheit!

Von Liebe abgewandt fühlst du bloß Schmerz,
Wer liebt, ist nah dem Frühling, nah dem März,
Bei Allah, nur wer liebt, belebt sein Herz –
Verliebe Dich und fühl die Schönheit!

Was Du erwirbst, ist alles bloß ein Sumpf,
Wenn Liebe nicht im Blatt bleibt als Dein Trumpf:
Die Liebe ist der einzige Triumph!
Bei Allah, Er lässt nur Verliebte seh'n!

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