„Unser Yunus“

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Konya im Dezember 2015: Mit meinem Nachbarn betrete ich einen Krämer, der sich zwischen den Mausoleen von Schaikh Mewlana Rumi und dessen Lehrmeister Schams befindet. Der Krämer hört, dass wir aus Deutschland sind, und fragt: „Was kannst Du aus Deutschland berichten?“ Meine gute Laune schwindet. In Konya, einer so schönen Stadt, möchte ich nicht über Menschen sprechen, die mit der islamischen Lehre nichts Schönes verbinden. Ich möchte nicht über Menschen sprechen, die keine muslimischen Dichter und Denker kennen und sich dennoch etwas auf ihre Meinung über Muslime einbilden.

Der Krämer schaut mich verdutzt an. Er ist verwundert, als er meine Stimmungsschwankung wahrnimmt: „Kennst Du denn nicht unseren Yunus?“ Ich wusste in diesem Augenblick nicht, dass diese Frage die Ursache dafür sein würde, dass ich mich selbst komplett hinter­fragen und mein Menschenbild verändern sollte. Ich kannte Yunus Emre, aber wusste nicht, was er mir sagen wollte. Er war ein Volksdichter, der 1321 n. Chr.  – kurz nach der Gründung des Osmanischen Reiches – verstorben ist. Aber was wollte mir der Krämer mit seiner Frage sagen? Plötzlich fing er an zu rezitieren: „Wo ein Schläger ist, braucht es einen Händelosen, Wo ein Beleidigender ist, braucht es einen Stummen.“

Ich hörte diese Verse zum ersten Mal, obwohl der Dichtername mir geläufig war. Wieso soll ich schweigen, wenn mich jemand beleidigt? Das ist doch dumm, sagte ich mir. Doch der Krämer fuhr fort: „Du bist doch Muslim. Weißt du nicht, wie wir mit Beleidigungen umgehen?“ Doch wer war „unser“ Yunus?

Hier erkannte ich: Es reicht nicht aus, bloß die Namen der Dichter und der Denker zu kennen, es ist notwendig, ihre Gedanken zu kennen, um sie für sich zu beanspruchen. Goethe gehört nicht zu mir, wenn ich nicht weiß, wofür er steht. Genauso wenig Schiller, Lessing oder Heine. Wenn ich nicht weiß, wer sie sind, so gehören sie nicht zu mir und ich habe nicht das Recht, mir ein Urteil über sie anzumaßen – wer also ist „unser“ Yunus? Ich beklage, dass meine nicht-muslimischen Mitmenschen die muslimischen Dichter und Denker nicht wertschätzen, doch wie gut kenne ich selbst sie überhaupt? Bin ich etwa heuchlerisch?

Yunus Emre hat von etwa 1240 bis 1321 gelebt. Es war für die Türken die Zeit der Beyliks, der Fürstentümer. Die Mongolen kamen aus dem Osten, Kreuzritter aus dem Westen. Die Fürsten untereinander konnten sich auch nicht vorbehaltlos vertrauen, da niemand wusste, was der jeweils andere beabsichtigte. Es war eine Zeit der Gefahren und Ängste. Die Frage, was in einer Zeit der Unruhen und Intrigen zu machen ist, beantwortete „unser“ Yunus auf seine ganz eigene Art und Weise: Er dichtete.

Man stelle sich vor, da kommen Männer mit Kreuzen angerannt, die im Namen Gottes die Ungläubigen töten wollen und „unser“ Yunus dichtet: „Was du über dich selbst denkst, / Denk’ auch über andere. / Der vier Bücher Sinn ist dies, / Wenn sie einen haben denn.“ Er spricht davon, dass die Lehre Allahs, nämlich die Gottergebenheit, besagt, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Ein türkischer kategorischer Imperativ quasi, bereits 500 Jahre vor Kant und das, während Männer, die angeblich die Lehre der Bibel befolgten, mit Schwertern angerannt kamen. Dieser Sinn für Wahrheit, dieser Sinn für Liebe unter diesen Umständen ist eine Leistung, die in der Geschichte seinesgleichen sucht. „Unser“ Yunus unterschied zwischen der Lehre der Bibel und dem, was die Menschen, in diesem Fall die Kreuzritter, daraus machten. Ein muslimisches Vorbild, das wir uns heute wieder in Erinnerung rufen sollten. Während Männer im Namen Gottes wieder töten und Terror und Schrecken verbreiten, müssen wir wie unser Yunus, mit dem Namen Allahs Liebe verbreiten. So dichtete er:

„Nicht kam ich her für einen Streit
Meine Sache ist die Liebe
Das Haus des Freundes sind die Herzen
Ich kam hier her, um Herzen zu machen.“ 

Und weiterhin schrieb er:

„Kommt! Lasst uns einander kennenlernen 
Lasst uns die Sache einfach halten
Lasst uns lieben und geliebt auch werden
Diese Erde wird niemandem bleiben.“

Dies war die Sprache des Volkes. 1299 gründete Osman Bey mit 400 berittenen Männern das Fürstentum, das alle anderen in sich einen sollte und auf der ganzen Welt bekannt werden sollte als das Osmanische Reich. Die Poesie unseres Yunus, diese Art der Aufklärung verbreitete sich unter den Türken wie ein Lauffeuer. Der Krämer in Konya beweist, dass es bis heute nachwirkt. Unter dem Lichte dieser Art der Poesie, die im Bewusstsein des Volkes lebendig war, entwickelte sich das Osmanische Fürstentum erst zum Osmanischen Reich.

„Gib Liebelosen keinen Rat
Er hört auf deinen Rat ja nicht
Denn liebelos ist man wie Vieh
Was Rat ist, weiß das Vieh doch nicht.“

In der Poesie unseres Yunus kommt es nicht darauf an, wie viel Verstand jemand besitzt, auf dass er das Gesagte verstehen könne, es kommt darauf an, wie viel Liebe er im Herz besitzt. Besitzt der Hörer die nötige Liebe nicht, so kann er nicht verstehen, was gesagt wird. Zu lieben ist demnach der Sinn des Lebens: „Ich liebe die Geschöpfe, um ihres Schöpfers willen“.

Wenn einer meiner engsten Freunde ein Kind bekommt, ist es nur logisch, dass ich um seinetwillen auch sein Kind gern habe. So ist das Schöpfer-Geschöpf-Verhältnis zu verstehen. Selbst wenn das andere Kind mich beleidigt, werde ich aus Respekt vor dem Vater, der mein enger Freund ist, Nachsicht mit dem Kind haben. Um diese Herkulesaufgabe jedoch zu meistern, muss ich wissen: „Außer mir ist noch ein Ich in meinem Innern.“ Jahrhunderte vor Sigmund Freud schreibt unser Yunus von einem „Es“, das er beherrschen muss, um die Geheimnisse der Liebe zu begreifen:

„Dein Nafs ist es, was sich dir in den Weg stellt
Auf der Strecke bleibt, wer auf sein Nafs hört.“

Denn das Ziel ist es, der Wahrheit näherzukommen:

„Wer auf die Wahrheit blickt, dem reicht sein Nefs als Feind“ 

und ‚unser‘ Yunus dichtete:

„Wenn du sicher vor der Schlechtigkeit der Welt sein möchtest
Trenne dich von Hochmut und dem Hass“.

Wir unterschätzen meist die Wirkung, die wir auf andere Menschen machen. Ein einfacher Krämer hat „unseren“ Yunus zitiert und mir damit einen Horizont eröffnet, von dem ich nicht wusste, dass er existiert. Zu meiner großen Überraschung lief während meiner Zeit der Beschäftigung mit Yunus Emre eine Serie über ihn im türkischen Fernsehen, in der Yunus Lehren präsentiert werden. Dort heißt es in einer Folge:

„Selbstverständlich wisst ihr, was das Gebet und das Fasten nichtig macht, doch sagt, meine Werten, was kann den Glauben nichtig machen? Das Recht anderer vorzuenthalten; Arbeit als nicht notwendig anzusehen; eine Sache nicht den Fachmännern anzuvertrauen; mit List und Betrug zu arbeiten; dem starken Verlangen nach etwas zu erliegen; einen, den man als schwächer erkannt hat, zu unterdrücken; vor einem vermeintlich Stärkeren zu kriechen; Unruhe in die Gesellschaft zu bringen; seinen Freund gar zu beneiden; zu lügen; Groll zu hegen“.

„Unser“ Yunus dichtet in einer Sprache, die das Volk versteht. Aus diesem Grund wird er Volksdichter genannt. Schaikh Mewlana Rumi beispielsweise dichtete auf Persisch, doch da er in Konya in der seldschukischen Hauptstadt lebte, beansprucht das türkische Volk ihn gerne für sich. Da er aber literarisch anspruchsvoller dichtete, ist er zwar bekannt, aber wird nicht Volksdichter genannt. „Unser“ Yunus ist deshalb unser, da er so schrieb, wie das Volk es versteht. Dabei verzichtet er nicht auf Reime oder auf das Einhalten des Silbenmaßes. Nun, heute ist er schwerer zu verstehen. Es gibt jedoch auch hier Abhilfe. Übertragungen ins heutige Türkisch sind vorhanden. So ist es gar möglich, einige Gedichte von unserem Yunus auf Deutsch zu lesen. Annemarie Schimmel hat hier große Arbeit geleistet. Mit einigen Mausklicks lassen sich Gedichte im Internet kostenlos finden.

Konya im September 2016: Erneut besuche ich den Mann, der mich in Kontakt mit unserem Yunus brachte. Wir trinken einen Tee, unterhalten uns. Er erzählt mir etwas von den Sufis und beginnt wieder, etwas zu rezitieren:

„Dieser Ort ist die Schule der Erkenntnis
Nicht jede Seele hält hier stand
Wer Hochmut, Neid, Unwissenheit und Hass gibt aus der Hand
Soll an diesem Ort eindringen ins Geheimnis“.

Erneut lausche ich bedächtig den Worten des Krämers. Als ich wieder im Zug sitze, nehme ich mein Smartphone zur Hand und suche nach dem Gedicht, das er rezitierte…

(Dieser Artikel wurde am 25.01.2017 in der Islamischen Zeitung veröffentlicht.)

Bildlizenz: (CC BY-SA 4.0)

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