Zweiter Eintrag – Produktivität

Liebes Tagebuch,

stellt es eine Form der Produktivität dar in ein Tagebuch zu schreiben? Die Menschen wollen ja immer Ergebnisse sehen… sorry, aber diese Idioten! Wieso denn immer Ergebnisse… ist Gemütsruhe kein Ergebnis? Wenn ich etwas tue, wodurch ich nicht ein Produkt in die Hand bekomme, aber eben Herzensruhe, ist diese Tätigkeit dann nicht produktiv gewesen? Ja, Goethe sagt es in seinem Wilhelm Meister, der Bibel der Frühromantiker: „Ist denn alles unnütz, was uns nicht unmittelbar Geld in den Beutel bringt, was uns nicht den allernächsten Besitz verschafft?“ – Nein, ist es nicht! Sogar das Geldverdienen, diese weltlichste aller Tätigkeiten ist ein Gottesdienst! „Es ist Pflicht sich um erlaubte Versorgung zu bemühen“, sagt Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Ja, in den weltlichsten Tätigkeiten einen würdigen Sinn anzuerkennen, das ist die Sache des letzten Gesandten Allahs und war auch die Sache Novalis’:

„Die Schriftstellerei ist eine Nebensache. Sie beurteilen mich mehr billig nach der Hauptsache – dem praktischen Leben. Wenn ich gut, nützlich, tätig, liebevoll und treu bin: so lassen Sie mir einen unnützen, unguten, harten Satz passieren … Ich behandele meine Schriftstellerei nur als Bildungsmittel. Ich lerne etwas mit Sorgfalt durchdenken und bearbeiten – das ist alles, was ich davon verlange.“

Wie unromantisch sich Novalis hier doch anhört… aber eben das macht das Wesen echter Romantik aus: Was macht die Arbeit, die ich gerade tue aus mir? Wie wirkt sich das Dichten auf die Wesensart des Menschen aus? Eben weil es ihn feinfühlisierte, dichtete Novalis! Darin ist er uns ein großes Muster. 

Aber genug wieder von den Dingen, über die ich so gerne spreche, die doch aber nur die wenigsten interessieren – leider. Die meisten Menschen reden lieber über Handlungen und Geschehnisse. Unter Handlungen verstehen sie nicht Handlungen des Herzens, sondern Aktivitäten des Körpers. Fahrrad fahren, Fussball spielen, einkaufen und so weiter… ich war heute morgen mit Frau und Kind im Park. Erst wollte ich zu Hause bleiben, um dann später in den Harz zu fahren, doch dann weinte der Kleine und ich ging mit. Ein Buch durfte natürlich nicht fehlen, also nahm ich ein Buch mit: „Wie der preiswürdige Prophet und die edlen Gefährten den Ramadan verlebten“. Ich las darinnen und wurde mal wieder mit einem „Faustschlag auf den Schädel“ geweckt wie Kafka die Eigenschaft eines guten Buches nennt. Weisheiten des Fastens, des Hungerns… „Der Hunger ist Schlüssel zu den Schätzen der Weisheit.“ – Sich bewusst zu machen, schwach zu sein… nur ein Mensch zu sein, der nicht ewig lebt, nicht auf alles eine Antwort hat… sich das einzugestehen, das scheint mir eine Sünde darzustellen in der Moderne. So etwas will schließlich kein Arbeitgeber hören. Im Perfektionswahn dieser Zeit, in der niemand sich eine Schwäche erlauben darf, da er oder sie sonst gesellschaftlich geächtet wird – „Was für eine Sorte Leben führen diese Menschen, die sich als moralisch aufspielen, selber?“ (Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray) – Aber ich schweife schon wieder ab… diese Gedankenströme… sie verlassen mich nicht, sind ständig mit mir… 

Als ich mit Frau und Kind im Park saß und das Buch las, legte ich es auch beiseite. Ich schaute meinem Sohn beim Spielen zu und verlor mich zwischenzeitlich beim Blick in den Himmel. Und plötzlich begann ein Gedicht. Als ob Gabriel mich berührte… ich wusste nicht, wie viele Strophen das Gedicht haben soll. Es entstand erst eimal eine Strophe, auf dem Rückweg und zu Hause dann die zweite und eben habe ich mit einem Freund geschrieben und da entstand der Rest. Es ist ein Versmaß, das es in diesem Stil so noch nicht gab: Gereimte Distichen, deren Strophenanordnung dem Shakespeare-Sonett angeglichen ist. Dies schien mir jedoch passend zum Inhalt. Dem Gedicht gab ich den Titel: Einig zu sein (zum Gedicht)

Wie romantisch es doch ist ein Gedicht zu schreiben oder Buch zu lesen! Sobald ich mich daran mache, umgeben mich die Flügel der Engel. Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, sagte: „Die Engel senken fürwahr ihre Flügel vor dem nach Wissen Suchenden, aus Wohlgefallen an dem, was er macht. Für den Wissenden bitten fürwahr alle um Vergebung, die in den Himmeln und auf der Erde sind, sogar die Fische im Wasser.“ (bei Tirmizi überliefert) – Ein Gedicht zu schreiben oder ein Buch zu lesen bewirkt, dass Engel mich aufsuchen… o welch schöner Gefährte die Engel doch sind! An Gott zu denken, bewirkt, dass Engel mich aufsuchen… diese weit edleren Genossen als Menschen es sind… „Diese Welt ist nicht schlecht“, sagte auch Schaikh Muhyiddin Ibn Arabi. „Gottvergessen sein ist schlecht.“ Die Erde ist dann ein unheimlicher und hässlicher Ort, wenn Engel nicht mit mir sind… das sagt der große Schaikh aus. Ja, so ist es: ich kann gerade mit Broterwerb beschäftigt sein, die Windeln meines Sohnes wechseln – wenn mein Herz bei Allah ist, dem Schönen, der das Schöne liebt, so sind die Engel mit mir und meine Tätigkeiten werden vom Schreiberengel zu meiner Rechten aufgeschrieben. Wir müssen diese Welt auf diese Art romantisieren! Romantisieren bedeutet engelumgeben zu handeln. Frage deine Freunde, die Engel, ob sie mitmachen würden – wenn nein, so tue es nicht!

Aber gut, dann zu Hause angekommen, habe ich auch geschlafen ein bisschen, während Frau und Kind Schuhe kaufen gegangen sind für den Kleinen – ob sie auch an Engel gedacht haben dabei? Es ist Pflicht für den Kleinen zu sorgen, es als gottgewollte Pflicht anzusehen, sorgt dafür, dass Engel mich aufsuchen… der Zustand des Herzens ist es, der Engel entweder anlockt oder abschreckt… aber gut bevor der Eintrag jetzt zu lang wird. O Tagebuch, ich möchte dich nur ungern überladen. War ich eben nicht wieder engelumgeben? Ist es also doch produktiv ins Tagebuch zu schreiben?! Wie nun denn, ich ende hier! 

Dein Farazi

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