Erster Eintrag – Romantisieren

Liebes Tagebuch,

heute war ich seit langem das Auto waschen. Gestern habe ich bereits Innen den angesammelten Müll entsorgt. Die Waschanlagen haben nun wieder geöffnet, sodass ich mich nach langer Zeit endlich wieder dieser durch und durch alltäglichen und trivialen Beschäftigung hingeben konnte.

Ich bin ziemlich tufaul, was diese trivialen Beschäftigungen angeht. Könnte ich in dieser Zeit nicht doch etwas spannenderes lesen oder gucken, frage ich mich immer. Doch heute konnte ich mich dazu entschließen. Meine Gedanken sind die ganze Zeit bei Novalis! Deshalb habe ich auch beschlossen nun Tagebuch zu führen. Da sehr viele meiner Mitmenschen mir sagten, dass sie gerne mehr über meine Gedankengänge erfahren würden, bietet es sich auch an. Vielleicht kann mir ja jemand etwas über mich sagen, was ich selbst nicht weiß. So war Goethe doch… er sagte zu Schiller, dass er fortfahren möge, ihn mit seinem eigenen Werk bekannt zu machen. Der große Schaikh Ibn Arabi sagte, dass sein Meister alles, was er tut aufschrieb – er selbst habe es, so die Eigenaussage, auf die Höhe getrieben: Er schrieb nicht nur seine Taten, sondern auch seine Gedanken und Gefühle auf… so wird man also zum Schaikhul Akbar… die Menschen wundern sich immer wie diese großen Menschen so groß wurden… mein Schaikh schreibt in seinem Buch „Adab“, dass jemand wie Schaikh Abdulkadir Geylani handeln muss, um zu einem Schaikh Abdulkadir Geylani zu werden. Wir wollen, aber sind nicht bereit unsere Bequemlichkeit aufzugeben… jetzt merke ich wie ich abschweife… ja, das passiert mir öfter: WILKOMMEN IM KOPF VON FARAZI ;D

Ich möchte kurz noch erklären, warum ich an Novalis denken muss den ganzen Tag. Er definierte, was das Wort Romantisieren bedeutet. Auch wenn es heute nicht mehr die Bedeutung hat, ich benutze es in seinem Wortverständnis: „Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. […] Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“ Gemein, gewöhnlich, bekannt, endlich – diese Worte stehen alle für das Weltliche, das Triviale. Sich darüber zu erheben, das bedeutet romantisieren. Heute habe ich das Waschen meines Autos romantisiert. Der größte Romantiker, der je auf Erden lebte, Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, sagte: „Reinheit zeugt vom Glauben (arab. Iman).“ Wenn ich also mein Auto wasche, dann führe ich einen Gottesdienst aus, da Allah teala die Reinheit liebt. Mit der Besmele anzufangen, d.h. „Mit dem Namen Allah, des Allerbarmers, des Barmherzigen“ zu sagen und dann anzufangen macht meine Handlung zu einer, die gesegnet ist. Allah teala, der Liebende, ist zufrieden mit dieser Handlung, da ich sie tue, um meinen Islam auszudrücken. Islam bedeutet Gottergebenheit. Reinlich zu sein wird von Allah teala gewünscht. Wenn ich also mit dieser Absicht mein Auto wasche, dann ist das Waschen meines Autos ein Ausdruck meiner Gottergebenheit. Ich habe dem Gemeinen, dem Autowaschen, einen hohen Sinn, ein Gottesdienst, gegeben! Was für ein Leben! Wenn Novalis, mein Bruder im Geiste, das nur gewusst hätte… 

Die Menschen fragen mich manchmal, wieso ich mich an allem freuen kann. Ja eben weil ich allem einen hohen Sinn gebe. Dass ich hier dieses Tagebuch führe zum Beispiel, das ist ein Dschihad. Ich bemühe mich meinen Mitmenschen ein sowohl unterhaltsames als auch erkenntnisförderndes Tagebuch zu liefern. Der größte Dschihad ist es, sich selbst zu bilden und zur Bildung anderer beizutragen. Das ist Dschihad. Aber das will keiner hören, weil hier in Deutschland die Gesellschaft unter dem Begriff etwas anderes versteht. Aber gut. Das ist ein anderes Thema! Ich romantisiere das Tagebuchschreiben, die Autowäsche! Und jetzt lese ich für eine Hausarbeit! Auch das werde ich romantisieren! Dazu ein anderes Mal mehr. 

Dein Farazi

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