Das richtige Wort finden

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Ein ganz gewöhnlicher Tag an der Uni. Vorlesungen, Seminare und hier und da ist zu hoffen, dass jemand etwas so Interessantes sagt, damit der Alltag eben nicht alltäglich ist. Vor Kurzem ist dies wieder geschehen. In einem Germanistik-Seminar verkündet einer der Studenten: „Um zu verstehen, was in der Politik vor sich geht, ist es ratsamer, Shakespeare oder Schiller zu lesen.“ Der Dozent nickt lächelnd. Kein Widerspruch. Auch die anderen Studenten gehen d’accord mit dem Gedanken. Es hätte von einem der erwähnten Dramatiker selbst sein können.

Diskutiert wird, warum die Germanistik überhaupt notwendig sei. Was nützt es, eine brotlose Kunst zu studieren? Die Germanistik ist gemäß der Anzahl der Studierenden die beliebteste Geisteswissenschaft in Deutschland. Doch wie viele von diesen Studierenden lieben das, was sie tun? Wie viele sehen darin den Auftrag, durch ihr Erlerntes die Gesellschaft zu bereichern? Wie kann ein Germanist überhaupt die Gesellschaft beeinflussen?

Im ersten Absatz benutzte ich das Wort „verkünden“. Wieso habe ich nicht „sagen“ verwendet? Weshalb gibt es dafür unterschiedliche Worte? Was sagt das Wort „verkünden“ aus, was das Wort „sagen“ nicht kann? Ich kann „CDU-Wähler“ sagen. Ich könnte auch „CDU-Anhänger“ sagen. Was beinhaltet das eine Wort, was im anderen nicht steckt? Um dies zu erfahren, ist es nötig, eine Sprache zu studieren.

Journalisten, Politiker und die Verfasser ihrer Reden, Anwälte und – die Lehrer all dieser – Poeten; sie alle wissen ganz genau, wann sie welches Wort verwenden sollten. Wenn sie es nicht wissen, betreiben sie ihr Handwerk äußerst schlecht und es wird ihnen langfristig kein Erfolg beschieden sein. Sprachexperte ist nicht jemand, der eine Sprache gut spricht, sondern jemand der sie verstanden hat. Dies drückt sich in der Fähigkeit aus, Redewendungen und Stilmittel zu erkennen und selbst zu nutzen.

Die absurde Phrase, dass die Migranten kein Deutsch sprächen, mag lächerlich sein. Dass lediglich ein geringer Teil dazu in der Lage ist, Stilmittel zu durchschauen, und sich gewählt auszudrücken, ist bittere Realität.

Dies mag auf den ersten Blick nicht weiter schlimm erscheinen. Wie viele Deutschstämmige sind prozentual in der Lage, sich gewählt auszudrücken und Stilmittel und Bezüge in der Werbung zu erkennen? Wer denkt beim Satz „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“ an Goethes Faust? Dass ein Deutschstämmiger diese Art von Bezügen nicht erkennt, fällt nicht auf. Dass ich als ein „Ahmet, Mehmet, alles gleich“ so einen Bezug erkenne, das fällt auf, denn das Bild, das von Türkischstämmigen herrscht, ist kein Gutes. Wenn Mitmenschen wahrnehmen, dass ich fließend Deutsch spreche, Germanistik studiere, dichte, so werde ich akzeptiert und Lächeln und Freude ersetzt die kühle Distanz. Nicht immer, aber oft. Die Menschen sind so. Sie müssen akzeptiert werden, wie sie sind, denn andere gibt es nicht. Die absolute Mehrheit der Menschen durchschaut die Manipulation, die durch die Sprache geschieht, nicht. Dies passiert im Internet, in Talkshows, in Zeitungen, im Fernsehen. Die Lehrpläne sehen leider kein Fach vor, dass eine allgemeine Bildung im Bereich der Sprache verspricht. Diesem Umstand sind alle in Deutschland ausgesetzt.

Doch es ist umso bitterer, wenn Muslime, deren Eltern oder Großeltern aus dem Ausland nach Deutschland kamen, sich der Macht und Magie der Sprache nicht bewusst sind, denn: Das größte Wunder Muhammads ist die Sprache, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Er verkündete in einer seiner Aussagen, die vom ersten bis zum letzten Buchstaben durchdacht und ausgewählt sind: „Zweifellos besitzen einige Ausdrücke eine magische Kraft.“ Dadurch ist es nicht verwunderlich, dass die Poesie zum festen Bestandteil der islamischen Hochkulturen wurde, die von den angesehensten Gelehr­ten praktiziert wurde. Damit sind nicht nur offensichtlich islamische Gedichte, das heißt, solche, die direkt Glaubensinhalte thematisieren, gemeint. In von Tirmidhi überlieferten Aussprüchen erfahren wir, dass der Verkünder der höchsten Weisheit, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, Gedichte seiner Vorzeit anhörte, lächelte und „weiter!“ sagte, um noch mehr zu hören. Und durch den kürzlich verstorbenen Prof. Dr. Fuat Sezgin, möge Allah ihm gnädig sein, wissen wir, dass der zweite Khalif, Umar ibn Al-Khattab, eben diese Gedichte der vorislamischen Araber sammeln ließ. Der traditionelle Charakter der von Muhammad verkündeten islamischen Lehre, besteht darin, keine Weisheit verloren gehen zu lassen; ganz gleich woher diese stammt. Etwas soll nicht abgelehnt werden, weil es die „falschen“ Menschen entdeckt oder hervorgebracht haben. Diesen Fehler ­haben die Christen über Jahrhunderte ­gemacht und wurden dadurch mit Dunkelheit und Rückständigkeit gestraft. Als sie anfingen den aufgeschlossenen muslimischen Charakter zu übernehmen und das wissenschaftliche und kulturelle ­Wissen der Muslime nutzten, begann eine Blüte, die bis heute nachkeimt. Der Niedergang der muslimischen Hochkulturen kommt nicht etwa daher, dass die islamische ­Lehre zu unaufgeschlossen sei. Muhammad war sehr aufgeschlossen, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Doch ­anzunehmen, dass die heutigen Muslime, die Gedanken ihrer Leitfigur immer ­kennen und umsetzen, nur weil sie sich zur islamischen Lehre bekennen, ist sehr naiv und realitätsfern. Wie viele in unserem Land halten sich immer strikt an die Verkehrsregeln, obwohl sie sich zu ihnen bekennen?

Hasan Al-Basri, der Schüler Ali ibn Abu Talibs, sagte sinngemäß: „Wer auf seine Zunge nicht aufpasst, hat die islamische Lehre nicht verstanden.“ Dieses Zitat verdeutlicht, wie wenig Muslime in Deutschland mit ihrem eigenen Glauben bekannt sind. Die Zunge des Menschen ist eine Waffe und Muhammad lehrte, dass das Lästern mit Kannibalismus gleichzusetzen ist, da das Lästern die Würde des Menschen antastet.

Wo sind also die Muslime, die sich mit der deutschen Sprache befassen, sie studieren, ihre Stilmittel, Ausdrucksweisen und Besonderheiten kennenlernen wollen? Wo sind die Germanistik-Studenten? Unser Dichterfürst wünschte sich eine Qur’an-Übersetzung von jemandem, der ihn mit „Dichter- und Propehtengefühl“ liest – wo ist der Muslim, der Germanistik und Arabsitik studiert und Leidenschaft für die Dichtkunst entwickelt? Wo ist der Muslim, der Germanistik und Iranistik studiert und Goethes Urteil über Rumi, Hafis, Enweri, Nisami und Feriddedin Attar untersucht? Goethe kannte sie alle und äußerte sich zu ihnen! Wo ist der Muslim, der Turkologie und Germanistik studiert, osmanisches Türkisch lernt und die Werke der osmanischen Divanliteratur übersetzt? Es gibt Briefe von dem allseits bekannten Maulana Dschalaladdin Rumi, dem Verfasser des „Mathnawi“, doch niemand weiß, dass Briefe von eben diesem erhalten sind. Der türkische Rumi-Experte Abdulbaki Gölpinarli hat diese ins Türkische übersetzt. Wieso übersetzt kein Iranistik-­Student diese aus dem Original ins Deutsche? Wieso übersetzt niemand Necip Fazil Kisakürek aus dem Türkischen ins Deutsche? Er hat ein Werk mit dem Titel „Abendländisches Denken und islamischer Sufismus“ verfasst! Dies würde unsere gesamte Gesellschaft bereichern. Denn unser Dichterfürst merkte zu seiner Zeit bereits an, dass nicht die Religion es ist, die uns von Muslimen trennt, sondern die Unbekanntheit mit muslimischen Denkweisen.

Oscar Wilde sagt: „Die Aufgabe des Dichters ist zu erdichten, nicht zu berichten.“ Wir haben genug Menschen, die uns ständig von schrecklichen Dingen berichten, die geschehen. Wir benötigen Menschen, die Dramen, Gedichte, Romane, Novellen und Epen schreiben, um unserer Gesellschaft etwas zu bieten, was ihnen niemand außer den Muslimen bieten kann. Was bietet die muslimische Gedankenwelt den Menschen? Wie hilft sie dabei, mit den Schwierigkeiten des Alltags umzugehen, die Lasten zu erleichtern? Wieso fühlen sich Muslime in Deutschland diskriminiert? Wer ist in der Lage, dies in einem Theaterstück ­darzustellen? Wer kann sein Innenleben auf anspruchsvolle Art und Weise in ­einem Gedicht präsentieren? Wir benötigen Sprachexperten. Wir benötigen eine zweite Generation, die die künstlerische Arbeit fördert. Ein gesellschaftlicher ­Beitrag zeichnet sich eben auch dadurch aus, künstlerische, literarische Werke zu produzieren. Das ist die Sprache, die in Deutschland gesprochen wird und wir müssen sie sprechen, damit wir akzeptiert werden.

„Die Sprache eines Landes wird von ihren Dichtern geprägt“, sagt Oscar ­Wilde. Als ein Teil Deutschlands möchte auch ich dieses Land prägen und gestalten, denn es ist der Ort, an dem meine Kinder aufwachsen werden. Unser aller Bürgerpflicht ist es, unseren Kindern einen besseren Zustand zu hinterlassen als den, den wir vorgefunden haben. Die zweite Generation richtet einen großen Schaden an, wenn sie uns nur dann ­seelisch und finanziell unterstützt, wenn wir Maschinenbau, Jura oder Medizin studieren. Wir benötigen Geisteswissenschaftler!

Das rein wirtschaftliche Denken, es tötet Kreativität und verhindert Fortschritte. Die erste Generation der Migranten war nicht in der Lage, auch nur einen Teil von dem, was gesagt wurde, zu erfüllen. Sie kam zum Arbeiten nach Deutschland. Die zweite Generation war teilweise in der Lage. Wir, die dritte Generation, wir sind in der Lage und unsere Kinder werden es ebenfalls sein. Was es braucht, ist Unterstützung der zweiten Generation! Ermutigungen dazu, ungewöhnliche Wege zu gehen, auf Allah, Den über alles Erhabenen, zu vertrauen. Der Lehrer des Imam Rabbani sagte: „Das Herz muss beim Freund (bei Allah) und der Körper muss bei der Arbeit sein.“ Darauf vertrauend, dass der Lenker aller Geschicke meine redlichen Bemühungen nicht ins Leere gehen lässt und gleichzeitig alles mir Mögliche tuend, die Träume realisieren! Rumi sagt in einem Brief:

 „Um zu arbeiten, Werke hervorzubringen, lebe um zu sublimieren;
Solang du lebst, sind dies erhabene Felder, kein anderer wird sie erringen.“

Sublimieren bedeutet, aus einem Gefühl ein künstlerisches, kulturelles Werk zu machen. Es bedeutet, etwas erhaben und würdevoll darzustellen. Ein Mensch, der dieses Wort nicht kennt, wie soll er über so eine Handlung nachdenken? Wie wahrscheinlich ist es, dass ich eine Handlung ausführe, deren Namen ich nicht einmal kenne? Schriften, die wir hinterlassen, stellen im islamischen Selbstverständnis eine Spende dar, die auch im Grab noch für mich wirkt. Jemand, der ein Buch hinterlässt, eine Übersetzung, ein künstlerisches Gut, profitiert auch im Jenseits davon. Dies lehrt uns Muhammad, der Prophet, der das weltliche Wissen mit dem jenseitigen Wissen vereint und uns erläuterte, dass diese Welt nicht zu vernachlässigen ist, denn: „Die Welt ist das Saatfeld für das Jenseits.“ Was säe ich, um mein Jenseits zu einem wunderschönen Garten zu machen? Was säe ich, um meine Schlösser im Jenseits aus­zuschmücken? Es mangelt uns an Menschen, die das Gebet gleichermaßen schätzen wie das Lesen eines literarischen Werkes.

Das Studium von Sprachen führt dazu, sich selbst besser kennenzulernen. Es führt dazu, sich und seine Umgebung besser einschätzen zu können. Das Studium einer Sprache hilft uns, neue Standpunkte zu gewinnen und auf diese Weise unseren Horizont zu erweitern. Es macht, dass wir in die Lage versetzt werden, die Mittel der Journalisten, Politiker und Redner zu durchschauen und uns nicht blenden zu lassen. Es versetzt in die Lage, andere Menschen aufzuklären.

Ich wäre ohne mein Studium nicht in der Lage, diesen Text zu formulieren. ­Allein dies sollte all jene, die nach mir kommen, dazu anhalten, das Geschriebene zu verinnerlichen.

„Diejenigen, die den Kampf verweigern, werden stärker verwundet als die Kämpfer.“

Oscar Wilde, De Profundis

Dieser Essay erschien am 22. Juli 2018 in der Islamischen Zeitung.

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