Warum Muslime Schiller lesen sollten

Der Gesandte der Barmherzigkeit, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, sagte, dass „die Tinte des Gelehrten schwerer wiegen wird als das Blut der Märtyrer“. Der mit dem Beinamen „Beweis des Islam“ (Huccetu-l Islam) versehene gelehrte Imam Ghazali, beginnt sein Jahrtausendwerk „Ihya Ulum ad-din“ mit einem Kapitel über das Wissen. Zahlreiche Überlieferungen sind dort enthalten über die Vorzüge des Wissens. So sagt Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden: „Die Weisheit ist das verlorene Gut des Gläubigen, er nimmt sie auf, wo immer er sie auch findet“ und er sagte: „Sucht nach Wissen und selbst wenn es in China ist.“

Nun, wir sind nicht in China. Wir sind in Deutschland. Und die Frage, die sich jeder Mensch von Verstand stellen muss, ist folgende: Was für eine Art von Wissen finde ich in Deutschland? Einen Höhepunkt bietet uns das damalige Weimar, in dem unter anderem Goethe, Schiller, Wieland und Herder wirkten. Genauer formuliert: Was kann ich von den Vertretern deutschen Kulturguts lernen? Muslime haben die Pflicht, der Gesellschaft, der sie angehören, nützlich zu sein. Denn gemäß einer Überlieferung „ist der beste unter den Menschen derjenige, der den übrigen Menschen am nützlichsten ist“.

Wie kann ich jedoch einer Gesellschaft nützlich sein, wenn ich sie nicht kenne? Genauso wie es unmöglich ist, jemandes Bedürfnisse zu erfüllen, wenn ich diese nicht kenne, so kann ich auch keine Liebe zu jemandem aufbauen, den ich nicht kenne. Und Menschen, die man nicht liebt, denen hat man in der Regel nicht das Bedürfnis zu helfen. In einer weiteren Überlieferung, die leider nicht viel Beachtung fand, – bisher! – heißt es: „Sprecht mit den Menschen in einer Sprache, die sie verstehen“.

Wenn jemand also von der Schönheit des Islam erzählen möchte, so muss er dies mit Worten tun, die sein Gegenüber versteht. Und dazu ist es notwendig, diese Sprache erst einmal zu lernen. Mit der Sprache, die man lernt, lernt man etwas über die Kultur. Gemeinsamkeiten können entdeckt werden und dort, wo wir Gemeinsamkeiten entdecken, wandelt sich die Abneigung in Zuneigung. Wenn der Prophet, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, mit Juden sprach, so hat er oft von Moses, und wenn er mit Christen sprach, hat er oft von Jesus, Allah schenke ihnen beiden Frieden, gesprochen. Dies ist eine schöne Verhaltensweise, die Herzen erreicht.

Daraus lernen wir, dass wir eben über Goethe, Schiller, Heine, Lessing, Kant und wie die großen Dichter und Denker noch heißen, sprechen müssen, wenn wir den Anspruch erheben, wie der Prophet eine schöne Verhaltensweise ausleben zu wollen. Denn wer mit anderen Menschen über Personen spricht, die diesen ein Begriff sind, der gewinnt ihre Aufmerksamkeit. Wenn wir als in Deutschland lebende Muslime die Menschen erreichen möchten, also Vorurteile abbauen und ein friedliches Miteinander fördern möchten, so müssen wir dies auf eine Weise tun, die unsere Mitbürger verstehen. In diesem Sinn ist auch Yunus Emre zu verstehen, der dichtete: „Ich kam nicht her für einen Streit / Meine Sache ist die Liebe / Das Haus des Freundes sind die Herzen / Ich kam hier her, um Herzen zu machen“.

Dies wird das gesellschaftliche Miteinander fördern und es wird das vorherrschende Bild des Islam revidieren. Dies würde Muslimen in Deutschland erleichtern, ihren Glauben zu leben. Und über einen solchen, der dazu beiträgt, dass der Islam leichter ausgelebt werden kann, heißt es in einer Überlieferung, die sich in Ghazalis Ihya findet: „Wer stirbt, während er auf der Suche nach Wissen ist, um den Islam zu beleben, zwischen ihm und den Propheten ist nur eine Rangstufe im Paradies.“ Wenn also ein Schiller mit der Absicht gelesen wird, um Brücken zu bauen, so ist es ein Dienst für Allah. Entscheidend ist die Absicht. Die Absicht macht den moralischen Wert einer Handlung aus. Dies sagt Immanuel Kant in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ und dies sagte auch Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, über 1000 Jahre zuvor.

Welche Weisheiten bieten uns die deutschen Größen, ist nun die Frage. Welches Wissen können wir, nun nicht in China, aber hier in Deutschland, finden? Dazu möchten wir uns einem Dichter und Denker des damaligen Weimars widmen: Friedrich Schiller. Dieser Mann hat etwas zu bieten, das so seinesgleichen sucht. Goethe sagt über ihn, dass er alle acht Tage ein neuer Mensch war, „vorgeschritten in Belesenheit, Gelehrsamkeit und Urteil“. Das heißt, er war kontinuierlich damit beschäftigt, seinen Charakter zu verbessern. Und wurde der letzte Prophet nicht eben deshalb gesandt? „Ich wurde nur gesandt, (um das Wissen) um den schönen Charakter vollkommen zu machen“, lautet eine Überlieferung. Wer ist dieser Mensch, der es geschafft hat, solch eine löbliche Beschreibung Goethes zu verdienen, und was können wir von ihm lernen? Ich möchte nicht den gesamten Menschen vorstellen. Wer mehr zu ihm erfahren möchte, dem sei Rüdiger Safranskis Schiller-Biographie empfohlen. Hier möchte ich Schillers Ratschläge an die Jugend aus seiner Antrittsvorlesung in Jena vorstellen und das, was wir von diesen ebenfalls lernen können, denn meines Erachtens sind diese Werte heute verloren gegangen.

Schiller unterscheidet zwischen zwei Menschentypen: Dem philosophischen Kopf und dem Brotgelehrten. Der Brotgelehrte sei mit seinen Bemühungen und seinen Arbeiten lediglich darauf aus, seinen materiellen Zustand zu verbessern. Er möchte seine Ruhmsucht befriedigen. Das, was der Wahrheitsliebende Wissenschaft nennt, seien ihm Brotstudien. Das Ausmaß seines Fleißes richte sich nur nach den Forderungen seines Vorgesetzten. Er eigne sich Wissen deshalb an, um es zur Schau zu tragen, und sei bestrebt, den Wert dieses Wissens aufrechtzuerhalten, was ihn dem Fortschritt abgeneigt sein ließe. Denn der Status Quo, das System, das er verteidige, sei zugleich und stehe für seine Daseinsberechtigung, die er beschütze. Seinen Lohn suche er nicht in seinen Gedanken, er arbeite nicht um der Wahrheit willen, sondern Lohn sei ihm die Anerkennung, die er erfahre: „[E]r hat umsonst nach Wahrheit geforscht, wenn sich Wahrheit für ihn nicht in Gold, in Zeitungslob, in Fürstengunst verwandelt.“ Aus diesem Grund beneide er andere, die erfolgreicher sind als er, statt ihre Leistungen anzuerkennen. Er sei lediglich extrinsisch motiviert.

Schiller zeichnet uns hier das Bild eines Mannes, der sklavisch arbeitet. Er ist der Sklave des Lobes anderer. Wenn das Lob ausbleibt, ändert er sich, um es zu ergattern. Wo weder Anerkennung noch finanzieller Profit zu erhoffen sind, dort rührt der Brotgelehrte sich nicht. Wissenschaft und Wahrheit sind ihm bloß Mittel zum Zwecke der Selbstdarstellung. Wenn jemand erfolgreicher ist, missgönnt der Brotgelehrte ihm diesen Erfolg. Er könnte sich auch über neue Erkenntnisse freuen, da sie die Menschheit voranbringen, doch da seine Absicht nicht das Fortschreiten der Menschheit ist, sondern jene, sich und seinen Status in der Gesellschaft zu erhöhen, kann er sich nicht freuen. Denn jede Person, die erfolgreicher ist, stiehlt ihm das Rampenlicht.

Der philosophische Kopf, wie er von Schiller genannt wird, ist das Gegenteil davon. Dieser stelle die Zusammenhänge der Wissenschaften her. Seine Bestrebung richte sich darauf, das Wissen zu vollenden. Er liebe die Wahrheit mehr als das System. Aus diesem Grund sei er jederzeit bereit, den Status Quo anzugreifen und hinter sich zu lassen, wenn dies erforderlich sei, um sich der Wahrheit anzunähern. Äußere Umstände treiben ihn nicht zum Handeln, sondern ein innerer Trieb zwinge ihn, sich selbst zu verbessern. Er lege Systeme auseinander, um sie zu durchschauen und besser wiederherzustellen. Niemand schätze die Leistungen anderer so gerecht wie der philosophische Kopf, denn die Erkenntnisse, die ein Mensch mache, mache er zugleich allen Menschen. Er habe immer das Große im Auge, dem er diene.

Der eine wirkt nur für sich, für sein Ego, der andere dient dem Fortschritt der Wahrheit. Das ist es, was Jugendliche heute gelehrt bekommen sollten. Wir wissen heute allerlei Dinge: Wir können politische und ökonomische Systeme benennen, uns Tiere, Pflanzen und Rohstoffe nutzbar machen, doch was für ein Mensch wir sind, was uns antreibt, diese Dinge zu tun, hinterfragen wir nicht. Wir wissen, dass wir Geld benötigen, deshalb gehen wir arbeiten. Wer geht arbeiten, um einem höheren Ziel zu dienen? Wer ist bereit, für den Fortschritt der Gesellschaft auf ein höheres Honorar zu verzichten? Welche Art Menschen möchten wir sein? Jeder hat nun die Wahl, selbst zu entscheiden, was für ein Mensch er sein möchte – nur wer gottergeben, also Muslim sein möchte, nicht. Denn das, was Schiller hier philosophischer Kopf und Brotgelehrter nennt, wird in der islamischen Lehre  Gläubiger und Heuchler genannt.

Der Brotgelehrte unterscheidet sich nicht in seinen Arbeiten vom philosophischen Kopf, sondern in seinem Innern, in seiner Absicht, so auch der Heuchler vom Gläubigen. Beide verrichten das Gebet, fasten, leisten ihren Beitrag zur Gesellschaft, doch der Gläubige hat dabei das Jenseits und die Verbesserung der Gesellschaft im Sinn, da Allah diejenigen belohnt, die den Menschen nützlich sind. So heißt es in einer Überlieferung, dass der Gelehrte, der Märtyrer, und der Reiche, trotz Handlungen, die dem äußeren nach lobenswert scheinen, in die Hölle geworfen werden, wenn sie dabei Ruhm und Anerkennung bei Menschen beabsichtigen. Denn wie Ghazali in der Ihya sagt: Die gottgefälligen Werke „haben lediglich den Zweck, das Herz umzuändern und seine Eigenschaften umzuwandeln, nicht die der Glieder.“ Das auf den Boden Legen der Stirn, wenn es nicht die Demut steigert, ist also unnütz. Selbst wenn die Wahrheit sich gegen einen selber richte, man also Nachteile erfahren würde durch das Aussprechen der Wahrheit, muss der Gläubige zu ihr stehen. Und dies ist auch die Eigenschaft des philosophischen Kopfes.

Schiller ermahnt uns, zu prüfen, wer wir sein wollen: Wollen wir unserem Ego, auch Nafs genannt, oder wollen der höheren Wahrheit, also Allah, dienen?

(Dieser Essay wurde in der Juli-Ausgabe 2016 der Islamischen Zeitung veröffentlicht.)

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