Ramadan: Wenn Klassik und Romantik sich vereinen

„Bei den Alten war die Religion schon gewissermaßen das, was sie uns werden soll – praktische Poesie.“ (Novalis)

Elf Monate sind wieder um – was haben wir Muslime von unseren Vorsätzen, die wir letztes Jahr gefasst haben, realisiert? Was haben wir im letzten Jahr angehäuft: Seelisches oder materielles Kapital oder gar beides? In meinem Artikel vom letzten Jahr „Das Fasten ist ein Heilmittel gegen den Konsum“ zitierte ich Sajjiduna Rumi: „O Sklave, du hast ‚Brot‘ verstanden, nicht ‚Weisheit‘, als Allah zu dir gesagt hat: ‚Esset von Seiner Versorgung‘.“

Ich habe dieses Jahr versucht Weisheit zu verstehen. Weisheit bedeutet Erziehung zu einem vollkommeneren Menschen – das heißt: Bin ich heute geduldiger als letztes Jahr oder echauffiere ich mich noch immer über die Verhaltensweisen anderer? Habe ich die Furcht vor Armut in meinem Herzen mit Ehrfurcht vor Allah eintauschen können? Frage ich mich, bevor ich etwas tue, ob es profitabel ist oder frage ich mich, ob die von mir anvisierte Handlung Allah, dem Ur-Schönen, Der das Schöne liebt, gefällig ist? Denke und handle ich schöner als zuvor? 

Das ist Ramadan: Er ist Transformation vermittels Erziehung. Triebe, Neigungen und Sinnlichkeit werden geschwächt, indem ihnen die Kraftzufuhr verwehrt wird. – Wie oft greifen wir täglich zu einem kleinen Snack? Wer kann von sich behaupten, dass er ganz genau weiß, was er wann zu sich nimmt, und dass er weiß, wie seine Nahrung zubereitet wurde und was die Inhaltsstoffe wirklich sind? Im ständigen Zustand der Sättigung, manchmal gar der Übersättigung und in ständiger Furcht nicht das essen zu können, wonach wir Lust haben – das ist unser kläglicher Zustand. Ist das menschlich? – „Ein unsichtbarer Feind ist’s, den ich fürchte, / Der in der Menschen Brust mir widersteht.“ (Friedrich Schiller)

Dieser unsichtbare Feind ist die Summe aller Gelüste, Neigungen, Triebe – von Allahu teala wird es im Qur’an Nafs Emmare genannt. Novalis nennt es „niederes Selbst“, Schiller nennt es „individuelles Ich“. Erzieherisch wirkt das Fasten dadurch, dass es dem Nafs Emmare die Kraft raubt sich aufzubäumen. Undankbar wird der Fastende nicht sein. Er ist dankbar für die Anstrengung, dass jemand selbst fastend in der Küche steht, dankbar dafür Gesundheit zu haben, um in der Küche stehen zu können; dankbar für einen Schluck Wasser und mancher sogar für ein Stück Brot… dadurch erzieht der Fastende sich zur Dankbarkeit. Die charakterliche Schwäche der Undankbarkeit wird getilgt. Für den Moment. Die Kunst ist es, auch nach dem Ramadan die gewonnenen charakterlichen Qualitäten beizubehalten. „Mensch werden ist eine Kunst“, lehrt uns unser bisher nicht genug geehrte Nationaldichter: Novalis. 

Es kommt darauf an die Neigungen, die man besitzt zu veredeln, nicht sie gänzlich auszulöschen: „Neigungen zu haben und sie zu beherrschen, ist rühmlicher, als Neigungen zu meiden.“ (Novalis) Das morgendliche Aufstehen zum Suhur, der Schul-, Uni- und Arbeitsalltag, die alltäglichen Gedanken, die Freude auf das Abendessen, der Gang in die Moschee, das Zusammentreffen mit Freunden, die wie Brüder und wie Schwestern sind – alles gewinnt plötzlich an Wert – es scheint außergewöhnlich!

Doch was ist es, wenn wir es mit kühlem Verstand betrachten? Unterbrechung des Schlafes, Essen zu unchristlicher Stunde, erschwerte Arbeitsbedingungen, Müdigkeit und so weiter – wieso gewinnt das alles an Wert, obwohl alles erschwert wird? – Weil sich unsere Seele leicht fühlt. Wir fühlen das Dasein unserer Seele, das Dasein des Humanen in uns, wir fühlen uns über das Körperliche erhaben – wie Engel! Ja, sogar noch erhabener, denn: „Der, dessen Intellekt seine Begierde überkommt, ist höher als die Engel, und der, dessen Begierde seinen Intellekt überkommt, ist niedriger als das Vieh.“ (Rumi, möge Allah ihm gnädig sein, im Buch: Von Allem und vom Einen, von Annemarie Schimmel ins Deutsche überstezt)

Der Ramadan wirkt erzieherisch, indem er die sinnlichen Kräfte des Körpers und die egoistischen Kräfte der Gefühle abschwächt. Dadurch erwachen die übersinnlichen Kräfte der Seele und die altruistischen Kräfte der Gefühle. Das Individuum wird universalisiert, indem es teilnimmt am Schicksal Bedürftigerer: Aus dem Dir und Euch wird ein Wir und ein Uns: „Wir sind auf einer Mission: Zur Bildung der Erde sind wir berufen.“ (Novalis) Wie wollen wir die Erde bilden, wenn wir uns nicht als Wir auf dieser Erde wahrnehmen? Das Fasten ist ein erzieherisches Mittel, um das Gefühl des Wir hervorzubringen. 

In seiner Wirkung ist der Ramadan klassisch und romantisch zugleich: Dadurch, dass er die Humanität in uns herauskehrt, wirkt er erzieherisch und dadurch, dass er unseren alltäglichen Handlungen einen sakralen Schimmer verleiht, wirkt er romantisch. Romantisch im ursprünglichen Sinn: „Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ur[sprünglichen] Sinn wieder. Romantisieren ist nichts anderes als eine qualit[ative] Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert.“ (Novalis)

Der erste Schritt dieser „Operation“ ist die Abschwächung. Nur wer die Stimme seines „bessern Selbst“ erhört, indem er die Stimme seines „niedre[n] Selbst“ dämpft, kann leisten, was jetzt folgt: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es –“ (Novalis) 

Das morgendliche Aufstehen ist keine Schlaflosigkeit mehr, es ist ein Beisammensein mit Allah, al-Wadud – dem Liebenden! Er, im Sinne seiner Barmherzigkeit, steigt hinab und er ist die Gegenwart während der Nahrungsaufnahme. „Der Schlaf des Fastenden ist Gottesdienst (arab. Ibada), sein Schweigen Gottesgedenken, seine Handlungen werden vervielfacht …“ Der außergewöhnlichste aller Menschen, Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, verlieh allen Endlichen Handlungen einen unendlichen Schimmer.

Doch bevor wir diesen Zustand einnehmen können, muss unser Nafs Emmare, das niedere Selbst, durch Abschwächung in den Dienst unseres Nafs Mutmain, dem höchsten Selbst, gestellt werden. Wenn dieser erste Schritt der Operation – wir nennen diesen den klassischen Schritt – nicht vollzogen wird, so ist der zweite Schritt – wir nennen diesen die Romantisierung – unmöglich. Wer den zweiten vor dem ersten Schritt vollzieht, der lebt in einer verzerrten Realität, er läuft Gefahr sich in Tagträumereien zu verlieren, die keinen Halt in der Realität haben. Die Abschwächung der Stimme des niederen Selbst macht uns erkenntlich, wie das Ideal aussieht, dem wir uns annähern sollen. Wer ohne Abschwächung des niederen Selbst beginnt die Handlung des Romantisierens zu vollziehen, läuft Gefahr Handlungen zu romantisieren, die partout nicht zu romantisieren sind. In diesem Fall führt die Individualität zu Egoismus. Der mit einem Ich-Gefühl denkende Mensch muss erst lernen in einem Wir-Gefühl zu denken, damit die Romantisierung der Welt der Gesellschaft dienlich ist. Ohne jenes klassische Element fehlt es dem Romantischen an Substanz.

Dem Endlichen einen unendlichen Schimmer zu verleihen bedeutet die Welt zu poetisieren. Alles durch und durch Alltägliche wird plötzlich Außergewöhnlich. Der Schlaf des Fastenden ist Gottesdienst; Gottesdienst bedeutet Lohn im Jenseits. Einen Menschen anzulächeln ist schön, es (mit Kants Worten) „reine[m] Willen“ zu tun, romantisiert die Tat; denn „das Lächeln ist eine Spende“, lehrt uns der Gesandte Allahs, lehrt uns Islam, die Lehre des Paradieses. Die endliche Handlung des Lächelns wird verewigt, indem ich sie mit reinem Willen ausführe. Der Zustand der Produktivität wird vermittels Lächeln, vermittels Essen, vermittels Gebet und noch viel mehr erlangt! Wer in die Schule geht, weil: „Sind solche die Wissen, denen gleich, die nicht wissen?“ (Koran, Sure 39, az-Zumar, 39) oder weil: „Strebt nach Wissen und sei es in China.“ (Hadith),  denn: „Der beste Mensch ist derjenige, der den Menschen am nützlichsten ist.“ (Hadith) 

Wie soll jemand den Menschen nützlich sein, wenn er über kein Fachwissen verfügt? Ein Arzt kann den Menschen ohne Fachwissen nicht nützlich sein; ein Poet kann den Menschen ohne Fachwissen nicht nützlich sein; ein Mechaniker; ein Lehrer; ein Elektriker; ein Autobauer; ja ein Ticketverkäufer kann den Menschen nicht nützlich sein, wenn er kein Wissen über die Arbeitsabläufe verfügt. Der Meister darin, dem Endlichen einen unendlichen Schimmer zu verleihen, darin dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Bekannten die Würde des unbekannten Gottes zu geben, Muhammed, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagt: „Allah liebt dasjenige seiner Geschöpfe, das in seinem Beruf geschickt und ein Experte ist.“ (Hadith)

In diesem Bewusstsein aufzustehen, zu arbeiten, zu lächeln, zu essen, zu trinken, Freunde zu treffen und für sie da zu sein („Es ist nicht statthaft, dass ein Mensch seinen Bruder länger als drei Tage meidet …“ (Hadith)) und ja, auch zu reisen, denn: „Verreist und findet Gesundheit.“ (Hadith) Lernt Menschen, Orte und Wissenschaften kennen! Eifert dem ursächlichen Wegbereiter der Romantik, eifert Herder nach, der sagte: „Meine einzige Absicht ist die, die Welt meines Gottes von mehr Seiten kennenzulernen.“ Sagt nicht Allahu teala im Koran: Iqra! Lies! Lies die Welt, das Universum, deine Seele, Menschen und in Büchern! Dies ist eine erweiterte Bedeutung dessen, was Allahu teala uns sagen möchte, so Osman Nuri Topbasch Efendi. Dieses ist die „praktische Poesie“ im alltäglichen Leben. Ein nie langweiliger Alltag, da absolut alles den Schimmer des Unendlichen, al-Bakis, das heißt des Ewigen trägt! 

Der Ramadan und das Fasten potenziert all diese Gefühle. Er schwächt unsere Bindung an das Irdische und hilft uns, was wir hier scheinbar als irdische Wesen tun, in Äonen mit Freude wieder anzutreffen.

Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Äonen untergehn. –
Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick.
(Goethe: Faust II)

Ohne Erziehung des Nafs Emmare, das heißt des niederen Selbst hin zum Nafs Mutmain, dem höheren Selbst, empfindet der Mensch jedoch keine Freude und kein Glück in der Erkenntnis des Göttlichen im Alltag. Drum: „Fastet und findet Gesundheit!“ (Hadith) Die Gesundheit des Herzens, um das sich sowohl irdische und himmlische Töne tummeln, wird dadurch hergestellt, auf dass die himmlischen Töne erhört werden.

Jeder Mensch ist ein Dichter, wenn er nur in seinen alltäglichen Handlungen den hohen Sinn entdeckt, der ihnen innewohnt.

Was uns gewöhnlich scheint, ist Wunder!
Durchdrungen ist’s von Allahs Licht –
Der nicht in Brand gesteckte Zunder
Im Menschenherz verdeckt die Sicht.

Im Ich-Gefühl zu denken bewirkt „Zunder“, der in „Brand gesteckt“ werden muss. Während unser Körper in dieser irdischen Welt weilt, sind es Herz und Geist, die sich in Himmelshöhen bewegen können: „‚Ich war‘, sprach der Poet, ‚bei dir! […] Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte / Berauscht, das Irdische verlor!‘“ (Friedrich Schiller)

Sein Leben nach und nach zu romantisieren, zu poetisieren, vor allem im Ramadan, der poetischsten aller Zeiten, und aus diesem den Schwung für die übrigen Zeiten mitzunehmen, das ist der Sinn des Lebens. Während der Körper bei der Ausführung  alltäglicher Handlungen ist, verewigt das Herz diese Handlungen, indem es in ihnen einen hohen, überirdischen und ewigen Sinn erkennt, der notwendig ist, auf dem Weg der Vervollkommnung des Menschen.

Ich wurde nur gesandt um das Wissen um den guten Charakter vollkommen zu machen.“ (Hadith)

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