Freitagsflügel – 24.04.2020

Mit dem Namen, Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

In Sure Taha, 20/126, sagt Allah teala: 

„Unsere Quranverse (arab. Ayet, wörtl. Zeichen) kamen zu dir, doch du hast sie vergessen.“

Quranverse sind die Zeichen, die uns von unserem Schöpfer gegeben wurden. Warum gab Er uns diese Zeichen? Dies beantwortet der würdevolle Mewlana Rumi: „Öffne deine Augen und schaue dir die Worte Allahs (Seine Zeichen!) auf das genauste an! Vers für Vers (d.h. Zeichen für Zeichen) besteht der gesamte Quran aus der Aufforderung nach Achtsamkeit (Edep)!“ Was lesen wir im Quran, wenn wir ihn öffnen? Wenn wir ihn lesen und die Stellen lesen, in denen von Verboten die Rede ist, in denen das Wort Tod und Jihad vorkommt – woran denken wir da? Denken wir etwa: O nein, das verstehen jetzt bestimmt alle wieder falsch…? Was denken wir? Was regt sich jetzt in meinem Herzen?

Die Menschen, die etwas anderes außer Achtsamkeit im Quran lesen, sind bösartige Menschen, die Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, etwas unterstellen, was sie selbst im Herzen tragen: Hass, Neid und Missgunst. Rumi wurde deshalb zu Rumi, weil er den Quran im Gegensatz zu uns richtig verstanden hat. Aber was tun wir? Wir vergessen… wir vergessen, dass es der Zweck des Qurans (wörtl.: des Vortrages) ist, Achtsamkeit im Hörer hervorzubringen. Was ist Achtsamkeit? Das steht auf wundervollste Weise im Pendname Feriduddin Attars, möge Allah sein Geheimnis heiligen! Der würdevolle Feriduddin Attar ist einer herausragenden und begnadetsten persischsprachigen Schaikhs und Dichter. Unser Dichterfürst las in seinem Pendname und sagte: „Verehrung sei dem sittlichen Pendname“ – was Goethe als sittlich bezeichnet, ist nichts als eine der schönsten Deutungen des Qurans. Das Pendname des würdevollen Feriduddin Attars ist das, was wir als Anstandsliteratur bezeichnen. Ein Beispiel: Der würdevolle Feriduddin Attar rät in seinem Pendname: „Vier Dinge gereichen zum Besten aller Menschen. Lass sie mich nennen, damit du sie in dein Gedächtnis schreibst:

1. Die Gerechtigkeit ihr gebührend im Auge zu behalten,

2. die Grenzen des Verstandes zu kennen,

3. sich den Menschen mit Geduld anzunähern,

4. jeden in der ihm gebührenden Weise respektvoll zu begegnen.“ 

An Ratschlägen wie diesen erfreute sich Goethe aufs höchste! Das ist koranischer Charakter! Das ist die Pflicht eines Muslims! Wenn er es vergisst sich dieses Verhalten anzueignen, könnte er zu denen gehören, zu denen Allah, unser Herr, sagt: „Unsere Zeichen kamen zu dir, doch du hast sie vergessen“… wir dürfen niemals vergessen, dass Er mit uns ist, wo und mit wem wir auch sind. Aus diesem Grund müssen wir suchen immer gerecht zu sein. Unsere Abneigung gegen jemanden, darf nicht dazu führen, dass wir parteiisch werden. Wir müssen auf der Seite der Bedürftigen, Schwachen und Verstoßenen sein; auf der Seite derer, die keinen Helfer haben außer dem Allversorger. 

Es reicht nicht das Glaubensbekenntnis zu sprechen, um Glückseligkeit zu erlangen. Wenn wir nicht versuchen uns den vom würdevollen Feriduddin Attar beschriebenen Charakter anzueignen, gehören wir zu denen, welche die Zeichen vergaßen… möge Allah teala davor bewahren…

Wer vergisst, der wird vergessen,

Wer missachtet, wird missachtet;

Einzudringen ins Gewissen

Heißt nach Menschlichkeit getrachtet.

Der im Abendland weit bekanntere Rumi selbst sagte: „Im Sprechen der Worte bin ich der Sklave und Diener Schaikh Attars…O Freund! Was ich auch sagte, ich habe es von Attar gehört.“ – dies sagt der Verfasser des Mesnevis, des Qurans in persischer Zunge, wie Molla Dschami später sagen sollte… wie sagte Schaikh Attar: „Wenn ein Geschöpf Allah gehorcht und Allahs Geschöpfen zu Diensten ist, dann wird die gesamte Schöpfung auch ihm zu Diensten sein.“ Was heißt das? Wer dem Wahren und Schönen dienen möchte, muss den Menschen zu Diensten sein; er muss sein eigenes Bedürfnis hinten anstellen und die Bedürfnisse seiner Mitgeschöpfe voranstellen. Er muss darüber nachdenken, wie er anderen das Leben leichter und schöner machen könnte und darauf hinarbeiten dies in die Tat umzusetzen. Denn: „Die Vollkommenheit der Absicht besteht in ihrer Ausführung“, so Schaikh Attar an anderer Stelle. Allein aus diesem Grund schenkte der würdevolle Mewlana Rumi der Welt das Mesnevi! Er selbst verabscheute Gedichte: „Ich bin so mitleidig, dass, wenn Freunde zu mir kommen, ich Gedichte rezitiere, aus Angst, sie könnten sich langweilen, damit sie sich beschäftigen können. Was hätte ich sonst mit Dichtung zu tun? Bei Allah, ich mache mir nichts aus Poesie, und in meinen Augen gibt es nichts Schlechteres als das.“ – Vielleicht wurde der würdevolle Rumi eben aufgrund dieser reinen Absicht vom Allversorger mit einer solchen Inspiration versorgt. Die Menschen wollen die Aufmerksamkeit anderer Menschen, Ehre und Ruhm, Ansehen… weil sie eine solch unreine Absicht haben, erhalten sie keine Inspiration. Wer die Motivation seines Handelns daraus bezieht, seinen Mitgeschöpfen dienen zu wollen, der wird göttlich inspiriert. Der würdevolle Rumi fährt fort: „Schließlich denkt man darüber nach, welche Waren in jeder Stadt notwendig sind und welche Waren deren Bewohner zu kaufen wünschen. Solche Waren kauft und verkauft man, auch wenn es Artikel von etwas niederer Art sein mögen und man bessere und feinere Waren hat.“

Erforschen was dem Nächsten dient,

Ist was dem Gottergebnen ziemt.

Die Marktlücke klug zu erkennen

Und sie in Wort und Tat zu nennen,

Ist was Allah zufrieden stellt

Und was des Forschers Grab erhellt.

Da er erkannte, dass seine Mitmenschen der Poesie bedurften, wurde der würdevolle Rumi zum Dichter… was dient meinen Mitmenschen? 

Dieser Frage nachzugehen ist die Pflicht unsere Pflicht als Muslim. Der würdevolle Rumi nahm Schaikh Attars Ratschläge an und setzte seine Fähigkeiten dafür ein. Doch bevor er dies tat, befreite er sein Selbst von Egoismus, Ruhmsucht und jeglicher anderer Form der Selbstigkeit… 

Im Dienste seines Nächsten 

Glückseligkeit zu finden,

Ist Sitte nur der Besten,

Die sich an Schönheit binden.

„Allah ist schön und liebt das Schöne.“ Es ist unsere Pflicht das Schöne zu lieben. Von seinem Hab und Gut abzugeben, um seinen Nächsten, d.h. der Gesellschaft in der man sich befindet, zu Diensten zu sein. Dies würde bedeuten und beweisen, dass auch wir das Schöne lieben. Immerzu Gutes und Schönes von anderen zu denken würde beweisen, dass wir am Schönen interessiert sind. Anderen im Gegenteil Böswilliges und Niedertracht zu unterstellen zeugt von der Verdorbenheit des eigenen Inneren. Wenn Mitglieder der Gesellschaft nicht sicher sind vor meinen bösartigen Gedanken, bin ich der abscheulichste und barbarischste aller Menschen. „Muslim ist der, vor dem sich seine Mitmenschen in Wort und Tat sicher fühlen“, lehrt uns der Gesandte der Schönheit: Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. 

Wenn der würdevolle Mewlana Rumi also davon spricht, dass der Quran von Anfang bis Ende aus Aufforderungen zur Achtsamkeit, Sitte und Tugend besteht, meint er damit nichts anderes als seine Mitmenschen höflich und galant zu behandeln ohne gekünstelt zu wirken. Denn Sitte unterteilt sich in verschiedene Kategorien: 

  1. Sitte dem Schöpfer gegenüber: diese besteht darin alles aus Liebe zu und für Ihn zu tun.
  2. Sitte dem Gesandten Allahs gegenüber: diese besteht darin sich seine würdevollen Charakterzüge und Gewohnheiten zu Eigen zu machen. Wer dies tut, der verdient es als „würdevoll“ bezeichnet zu werden.
  3. Sitte den Wissenden gegenüber: dies besteht darin sie zu ehren und, so sagt es Schaikh Feriduddin Attar, ihnen zu Diensten zu sein.
  4. Sitte den Menschen gegenüber: diese besteht darin sie aus Liebe zu ihrem Schöpfer zu lieben, zu achten und ihnen Gutes und Schönes widerfahren zu lassen.
  5. Sitte gegenüber den Tieren: diese besteht darin sie vor Schmerz und Unbarmherzigkeit zu schützen und die Gesetze Allahs im Umgang mit ihnen einzuhalten und auf übermäßigen Fleischkonsum zu verzichten.
  6. Sitte der Natur gegenüber: diese besteht darin die Natur zu pflegen und zu schützen. 

Die nötige Sitte zu vergessen hieße Allahs Zeichen zu vergessen… möge Allah, der Majestätische uns vor dieser Strafe bewahren. Keine Strafe ist schwerer als Allahs Zeichen zu vergessen…

Möge Allah teala uns zu den Erinnernden, d.h. den Leuten des Zikirs gehören lassen. Möge Er uns zu einer Barmherzigkeit für unsere Zeit machen. Möge Er uns zu Menschen der Hoffnung und Erleuchtung werden lassen… (Amin)

„Öffne deine Augen und schaue dir die Worte Allahs (Seine Zeichen!) auf das genauste an! Quranvers für Quranvers besteht der gesamte Quran aus der Aufforderung nach Achtsamkeit (Edep)!“

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