Freitagsflügel – 01.05.2020

Mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

Die Krone der Weisheit, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, sagte:

„… und wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, der soll Gutes sprechen oder schweigen.“ (bei Bukhari überliefert)

Doch von wem lernen wir das Gute zu sprechen? In seinem unvergleichlichen Werk „Pendname“, das wohl nach dem Motto: Kurze Rede, tiefer Sinn! geschrieben wurde, macht Schaikh Feriduddin Attar es uns vor. Er beginnt mit der Lobpreisung Allahs, des Erhabenen. Sodann beginnt er die Lobpreisung der Krone der Weisheit mit den folgenden Worten: „Der auserkorene Prophet hat das Universum erleuchtet. Er ist der Sultan beider Welten (d.h. des Diesseits und Jenseits).“ 

Das ist Achtsamkeit, das ist Achtung! Das ist Edep! Eben dieses Werk bezeichnet Goethe als das „sittliche“ Buch. Nach der Lobpreisung Muhammed Mustafas, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, hebt er den Wert der großen vier Imame hervor. Von diesen vier unvergleichlichen nimmt Abu Hanife, möge Allah ihm barmherzig sein, für Schaikh Attar einen besonderen Stellenwert ein, da er eben seine Mezhep befolgt! Er lobt Abu Hanife mit den Worten: „Abu Hanife, der Imam dessen Reinheit makellos ist, er wurde zur Fackel der Gemeinschaft Muhammeds, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden.“ Sogleich lobt er die anderen drei Imame und endet mit den Worten: „Möge das Gebäude der Din ewiglich auf ihrem Wissen gründen.“

Was für eine Achtung, was für ein Edep! Nur wer die Größe anderer vorbehaltlos anerkennt und aufrichtig genug ist, sie zu loben, nur der besitzt auch selbst echte Größe. Von Schaikh Attar lernen wir, was es bedeutet Gutes zu sprechen, wie es vom Erleuchter des Universums geboten wird, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. 

Doch wir Muslime des 21. Jahrhunderts, wir haben die Achtung und den Respekt verloren. Ohne fünf Bücher gelesen zu haben und geschweige denn einen Schaikh aufgesucht zu haben, bilden wir uns etwas auf unsere Meinung und unsere Ideen ein. Wir fühlen uns geschmeichelt und fühlen uns wertvoll, wenn Menschen unseren persönlichen Worten Wert beimessen. Wir erachten es als Bestätigung, wenn Menschen, die eine schlechte Meinung vom Propheten und den Ulema haben unsere eignen Worte hochloben – dies zählt zu den Anzeichen der Heuchelei. Möge Allah teala davor bewahren. 

Ein Liebender, kann der sich freuen, wenn sein Geliebtes schlechtbetrachtet, er hingegen gelobt wird? Der Liebende findet seine Freude darin, dass auch andere sein Geliebtes lieben. Das ist völlig natürlich! Wenn dies nicht der Fall ist, wie ehrlich kann die Liebe schon sein? Ein Liebender liebt es sich mit Geliebtem zu beschäftigen und darüber zu reden und über die Menschen zu sprechen, die ebenso empfunden haben…  

„gut

Ist ein Gespräch und zu sagen

Des Herzens Meinung, zu hören viel

Von Tagen der Lieb,

Und Taten, welche geschehen.“

(Hölderlin)

Über die Tage der Liebe zu sprechen, das ist gut, denn es ermöglicht uns neue Tage der Liebe zu durchleben! Solche Gespräche als romantisch abzutun und kleinzureden ist das gröbste Anzeichen der Lieblosigkeit. Wer so etwas tut, der ist ein Barbar:

Wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,

ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.

(Goethe)

Worte, sie können Kriege beenden und Kriege beginnen. Der große Cihad ist der Cihad der Worte! „Der Cihad, den ihr mit Worten führt, ist der große Cihad“, lehrt uns Ahmed Sirhindi Imami Rabbani, möge Allah sein Geheimnis heiligen!

Solche Worte zu sprechen, dass Fehden enden, Kriege beendet werden, dass wir Menschen im Innern ausgeglichener werden und unsere Mitmenschen wohlwollender betrachten und wahrnehmen – Worte, die dies bewirken sind die mächtigste Waffe im Cihad! Wer dies begriffen hat, der redet wenig. Wenn er spricht, spricht er um aufzubauen, nicht um einzureißen. Schaikh Saadi sagt: „Der Mensch steht höher als das Tier durch seine Sprachfähigkeit, ist jedoch niederer als dieses, wenn er ungebührenden Gebrauch von ihr macht.“ 

Worte sind wie Bakterien. Das Auge kann sie nicht fassen, doch von ihnen geht eine Wirkung aus, die beleben oder zerstören kann. Worte sind Handlungen. Worte geben uns das Gefühl im Paradies zu sein oder in der tiefsten Höllenschlucht… ein „Ja“ bindet uns an einen Menschen; ein Satz lässt uns zu Gottergebenen werden und ein Satz ist es auch, der mich zum Leugner und Verdecker des Schönen und der Gesandten des Schönen macht. Der große Cihad ist der Cihad der Sprache. Die schlechten Worte in meinem Sprachgebrauch einzutauschen gegen schöne Worte ist nicht bloß Pflicht der Dichter, es ist die Pflicht eines jeden Menschen. Worte helfen uns Frieden zu schließen mit uns selbst und mit dem erhabenen Schönen. 

„Dem Schönen widme Worte, wenn Poet du bist,

Verzaubere das Volk, wenn du die Macht besitzt.“

(Nabi, osmanischer Dichter)

Wir müssen zu Poeten unseres Leben werden… Novalis sagt, der Poet sei der „transzendentale Arzt“. Warum? – Weil der Poet bereinigt unsere Sprache. Der wahre Poet lehrt uns auf eine Weise zu sprechen, die uns waffnen für den großen Cihad: den Cihad, der die Kriege und die Stürme im Inneren des Menschen beendet. Der Poet ist deshalb der transzendentale Arzt, weil er uns lehrt die Schönheiten im Leben wahrzunehmen: „Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort.“ (Eichendorff) 

Die Schönheiten des Lebens zu erkennen und sie zu verkünden, es heilt die Gemüter. Mit Worten hat der auserkorene Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, das Universum erleuchtet! Sein Schüler, Ali, möge Allah zufrieden mit ihm sein, sagte: „Das schönste Wort ist dasjenige, das sich im Verhalten ausdrückt.“ Worte, die schöne Handlungen begleiten, das sind die schönsten aller Worte! Und Hasan al-Basri, der wiederum ein Schüler Alis war, sagte: „Wer auf seine Zunge nicht aufpasst, der hat den Islam nicht verstanden.“

Muhammed Mustafa, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, lehrte der Welt, die Macht des gesprochenen Wortes und er war hierin das Vorbild des frühen Friedrich Schlegels: „Ich fühle Mut und Kraft genug, nicht bloß wie Luther zu predigen und zu eifern, sondern auch wie Mohammed mit dem feurigen Schwert des Wortes das Reich des Geistes welterobernd zu überziehen oder wie Christus mich und mein Leben hinzugeben.“ Doch Schlegel erkannte, dass Novalis dafür geeigneter war und eben dieser unser Novalis sagte: „Man muß eine poetische Welt um sich her bilden und in der Poesie leben.“

Wir müssen unser Leben poetisieren! Poetisieren bedeutet in jedem Ding das Schöne zu erkennen: im Tod, in der Krankheit, im Leid! Das Schöne in der Freude und im Genuss zu erkennen ist leicht. Dies vermögen auch die Lieblosen – das Schöne in den Strapazen und Schicksalsschlägen des Lebens zu erkennen, das ist die Sache der wahren Poeten des Lebens! Wenn wir es schaffen und schön sprechen, dann bilden wir eine poetische Welt um uns herum und leben in der Poesie: „Am besten ist es, wenn man den Sinn hat, alles Geschehene mit freudigem Herzen wie eine Wohltat Gottes hinzunehmen. Durch Gebet erlangt man alles. Gebet ist eine universale Arznei.“ (Novalis)

Worte sind Gebete, Taten sind manifestierte Worte; „denn das Wort muss Mensch werden. Das ist das Geheimnis der Welt.“ (Rilke) Ihsan bedeutet alles versuchen schön zu machen. Ihsan ist die Stufe der Poeten des Lebens… „Ihsan bedeutet, dass du Allah so dienst, als ob du Ihn siehst.“ Das für die Augen Unsichtbare in unseren Worten und Taten aufleben zu lassen macht aus unserem ganzen Leben Poesie, es macht aus unserem ganzen Leben ein Gebet.

Möge Allah teala, der Schöne, uns das Schöne lehren. Möge Er uns die schönsten Worte sprechen und leben lassen. Möge Allah teala den Meister des Schönen, Muhammed, segnen und ihm Frieden schenken. Möge er der Fackel des Schönen, Abu Hanife, barmherzig sein und ihn um Stufen erhöhen. Möge Allah teala auch uns zu Dienern des Schönen machen… (Amin)

„Öffne deine Augen und schaue dir die Worte Allahs auf das genauste an! Quranvers für Quranvers besteht der gesamte Quran aus der Aufforderung nach schönem Verhalten (Edep)!“

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. cathleen sagt:

    Wirklich ein schönes Konzept, deutsche Literatur und den Islam miteinander zu verknüpfen! Viel Freude und Erfolg mit dem Blog 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Farazi sagt:

      Danke! Das freut mich 🥀

      Liken

Schreibe eine Antwort zu cathleen Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s