Freitagsflügel – 27.03.2020

Mit dem Namen, Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!

„Mein Herr! Weite mir meine Brust und erleichtere mir meine Aufgabe und löse den Knoten meiner Zunge, damit sie meine Rede verstehen mögen.“

In Sure Ma’un, 107/4, sagt Allah teala: 

„Wehe den Betenden…“

Wie viele Muslime meinen, dass sie ins Paradies eingehen werden, dass sie auf dem rechten Weg sind, nur weil sie regelmäßig beten? Doch warum sagt Allah teala dann im Quran: „Wehe den Betenden“?  Der große Hadithgelehrte Imam Tirmidhi sagt in seinem Buch über das Gebet und die Weisheiten des Gebets, dass auch Heuchler das Gebet verrichten. Das Gebet der Heuchler wird im Quran bloß als „beten“ bezeichnet. Das Gebet der Gläubigen hingegen wird als „aufrichtiges Beten“ bezeichnet. Der Begriff für dieses aufrichtige Beten sei „Ikame“, so Imam Tirmidhi, und werde an zahlreichen Stellen im Quran erwähnt, von denen wir einige auch hier wiedergeben möchten.

Es fällt auf, dass bei den Übersetzungen ins Deutsche kein Unterschied in der Begriffswahl erfolgt – beten bedeutet im Deutschen einfach nur beten… im Türkischen wird häufig das Wort „dosdoğru“ hinzugefügt, um das Wort „ikame“ treffend zu beschreiben. Im Deutschen heißt es in den Übersetzungen einfach nur „die das Gebet verrichten“ oder „die beten“ ohne diesen im Arabischen inhärenten Zusatz… dies drückt sich ironischerweise im Gebet vieler von uns in Deutschland aus… wie viele von uns schaffen es aufrichtig zu beten, das Gebet des Gläubigen zu verrichten und nicht das des Heuchlers…? Haben wir uns diese Frage je gestellt. 

Nun zu den ausgewählten Stellen: 

„Das aufrichtige Gebet hält davon ab, abscheuliche und unwürdige Taten zu begehen.“ (29/45)

„Dies sind die Verse der vollkommenen Schrift, eine Führung und eine Barmherzigkeit für jene, die Gutes tun, die das Gebet aufrichtig verrichten…“ (31/2-4)

„Verrichte das Gebet aufrichtig an beiden Enden des Tages und zu Beginn der Nacht! Die guten Taten heben die bösen auf.“ (11/114)

Diese Verse erinnern mich an Goethes Diwan. Im Diwan sagt Goethe in einem Gedicht: „Wenn ich handle, wenn ich dichte / Gib du meinem weg die Richte“ – „Richte“, das ist ein Wort für Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit, Geradsinnigsein oder wie der Muslim in jedem Gebet sagt: „sirat al-mustakim“ – hier wieder die Wurzel „ikame“ – Goethe drückt es wundervoll aus: Eine Handlung ohne „Richte“, ohne geradsinnig zu sein, d.h. ohne auf Allah ausgerichtet zu sein auszuführen, solch eine Handlung taugt nichts, so Imam Tirmidhi, denn sie ist nicht auf Allah teala ausgerichtet.

Nur ein Gebet, das mit Richte ausgeführt wird, verbessert dauerhaft meinen Charakter. Ein Gebet das aufRICHTig ausgeführt wird… Und nur ein Gebet, das meinen Charakter dauerhaft verbessert, indem es mir Beharrlichkeit verleiht, das genießt Wert bei Allah teala… Der Meister aller Personal-Coaches, Muhammed! Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, sagte gemäß Tirmidhi: 

„Die erste Handlung, für die Rechenschaft verlangt wird, ist das Gebet. Wenn das Gebet angenommen wird, werden auch die anderen Handlungen angenommen, wenn das Gebet abgelehnt wird, werden auch die anderen Handlungen abgelehnt.“

In einer anderen Aussage benennt Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, genau, was das Gebet bewirken soll: „Wenn jemandes Gebet ihn nicht von Respektlosigkeiten und schlechten Dingen abhält, zieht dieser Betende keinen anderen Nutzen aus seinem Gebet, als dass seine Distanz zu Allah zunimmt.“ Dies überliefert Tirmidhi in seinem Buch über das Gebet. 

Würde das Gebet vom Körper ausgeführt,

Würden Heuchler auch das Paradies betreten

Ach so mancher Mensch, der seinen Körper rührt,

Irrt sich, wenn er meint und sagt, er würde beten.

Vor allem jetzt, wo wir vermehrt zu Hause sind, sollten wir uns darum bemühen unsere Beziehung zu Allah teala zu stärken und eine stärkere Bindung zu Ihm aufzubauen. Jetzt von zu Hause aus auf jeden kleinen Schritt der anderen zu schauen und lauthals darüber zu sprechen, was sie falsch machen und das Verhalten anderer zu deuten, das wäre das Zeichen maximaler Distanz zu Allah teala… wer auch jetzt noch damit fortfährt, besitzt keinerlei Liebe zu Allah teala… wer keinen Schmerz darüber verspürt die Moschee nicht aufsuchen zu können, keine Sehnsucht zu seinem Geliebten verspürt – ach, wer kann dem schon helfen? Das Gedicht des Sufis Haci Bayram Veli, der in Ankara begraben liegt, verdeutlicht den Zustand vieler Muslime gerade:

„Was ist nur mein Herz, was ist nur mein Herz,

Bangigkeit und Sorgen füllen dieses Herz

Es brennt dieses Herz, es brennt dieses Herz

Im Brennen fand es sein Heil dieses Herz.“

Die Sehnsucht danach in die Moschee gehen zu dürfen ist einerseits schmerzlich, andererseits ist es eben diese Sehnsucht, die unser Herz von der Liebe zur Dunya heilt. Hatten wir uns nicht alle verloren in den Verstrickungen, die Beruf, Job und die Fristen mit sich bringen? Nun kann das Herz wieder atmen, weil es nun nicht wehtut, weil es sich Sorgen um vergängliche Dinge macht, sondern es schmerzt aus Sehnsucht nach Allah teala… wie wunderschön dieser Zustand doch ist?! Wenn wir ihn nur halten könnten!

In diesem Zustand sollten wir für all diejenigen Bittgebete sprechen, die momentan Außergewöhnliches leisten für unsere Gesellschaft! Wir sollten für alle Krankenschwestern und -pfleger beten, für alle Ärzte und KassiererInnen, für Zusteller von Paketen! Möge Allah sie segnen und ihnen sowohl herzliche als auch körperliche Gesundheit gewähren! Denn unser preiswürdiger Prophet sagt: „Der Ehrenwerteste in einer Gesellschaft ist, wer der Gesellschaft zu Diensten ist.“ Während wir beten, setzen sie sich für unser Wohl ein, sie sind damit ehrenwerter als wir! Deshalb lasst uns für sie beten…

Ein Bittgebet, das aufrichtig gesprochen wird, das inbrünstig mit Leib und Seele an Allah teala gerichtet wird, was sollte die Annahme eines solchen Bittgebetes aufhalten? Unser noch zu wenige bekannte Novalis schrieb: „Gebet ist eine universelle Arznei. Des Herren Wille geschehe, nicht der meinige.“

Anzunehmen und das zu lieben, was unser Schöpfer für uns vorgesehen hat, zeugt von Ergebenheit in seinen Willen und in eben diesem „Islam leben wir alle unter welcher Form wir uns auch Mut machen.“ So Goethe 6 Monate vor seinem Tod… 

Was Allah sendet anzunehmen,

Sei’s Glück, sei’s Leid, es ist die Krone

Der Menschlichkeit, wenn wir uns zähmen,

So wird das Schicksal uns belohnen.

Möge Allah teala uns das Gebet lieben lassen. Möge Er uns im Gebet Ruhe, Kraft und Zuversicht finden lassen. Möge Er uns aufrichtiges Beten lehren. Möge Er allen unseren Handlungen Richte verleihen… (Amin)

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